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Liebe Leserinnen und Leser,

meine liebe Tochter Linda ist nach einem halben Jahr Baden, Sonnen und Party heil aus Bali zurückgekommen, das macht mich froh. Nein, sie hat in Bali schon auch gearbeitet, nämlich in einem fröhlichen Kindergarten. Weil ich von ihr über whatsapp zahlreiche Fotos von Traumstränden, bunten Bikinis, fernöstlichen Lukullitäten und freilaufenden, überhaupt nicht scheuen Äffchen bekommen habe, kann ich durchaus sagen: Supiii, da wäre ich gerne mal drei Tage dabei gewesen.

Jetzt ist Linda wieder daheim und hat den Ernst des Lebens in Angriff genommen. Den hatte sie ja bereits während der Zeit, als sie mit großem Fleiß ein ganz hervorragendes Abitur errungen hat. Aber nun folgt der Ernst, Vol. 2: ein Studium! Viel wurde darüber gegrübelt, was es denn zu studieren gäbe. Top Model, hochbezahlte Schauspielerin und Star-Regisseurin waren natürlich Optionen, aber Lindas Mama und ihr alter langweiliger Vater hatten die sensationelle Idee, dass das Töchterlein doch auch Lehrerin werden könnte. Das sei ein hochangesehener Beruf mit Zukunft. Man habe ständig Ferien und bekomme eine sichere Pension, wenn man es bis ins hohe Alter schaffen würde, der lehramtlichen Tätigkeit treu zu bleiben.

Das meinen auch süddeutsche Kultusministerien, die händeringend nach jungen Leuten suchen, die sich vor Schülerinnen und Schüler stellen wollen, um ihnen beizubringen, wie man ohne Taschenrechner die Quadratwurzel von 287 errechnet und wo das Komma in einer whatsapp-Nachricht hingehört. Also die Dinge, die man für ein erfolgreiches Leben braucht. Stopp, das war jetzt sarkastisch und ich meine es gar nicht so — bin nämlich ein ganz großer Verfechter der korrekten Rechtschreibung und bekomme regelmäßig schrille Wutanfälle, wenn ich bemerke, dass sich in meinen Blogs Tippfehler eingeschlichen haben. Ich lege sogar Wert darauf, dass auch die freundlichen Kommentare zu meinen Blogs orthografisch korrekt vorliegen, deshalb bessere ich diesbezüglich manchmal etwas nach. Man hat mir bereits gesagt, dieses Vorgehen sei das Allerletzte, ich würde damit die Authentizität dieser Schriftstücke torpedieren, aber — mein Gott! — ich merze doch nur Tippfehler aus, weil ich nicht anders kann, mein Innerstes zwingt mich dazu, heul, schluchz, schnief.

Zurück zu den Kultusministerien: Ich habe kürzlich Werbeträger gesehen, welche von diesen Ämtern in Bayern und in Baden-Württemberg erdacht und realisiert worden sind, um dem allgegenwärtigen Lehrermangel entgegenzuwirken. Plakate und Flyer, die die erfolgreichen Abiturienten anmachen sollen, damit sie den Beruf der Lehrerin / des Lehrers geil finden. Die Flapsigkeit, mit der ich diesen letzten Satz formuliert habe, hat einen Grund. Denn mit noch viel up-to-dateren Ausdrücken aus dem brandaktuellen Jugendsprech wurden diese Werbeträger aufgepimpt. Ein bayerisches Plakat trägt den Text: MIT SICHERHEIT UND FREIHEIT FLEXEN? SAFE! (die Originalgrafik des bayerischen Kultusministeriums zeige ich hier aus urheberrechtlichen Gründen nicht, aber sie ist problemlos im Internet zu finden und außerdem grafisch nicht so hübsch wie meine Version).

Flexen? Ja, ganz genau. Mir ist der Begriff „Flex“ bekannt, so kann man eine mit einem Elektromotor betriebene Handschleifmaschine bezeichnen, mit welcher harte Materialien (wie Stein, Beton, Metall) zersägt werden können. Aber bei „mit Sicherheit und Freiheit flexen“ scheint doch etwas anderes gemeint zu sein. Wenn das junge Leute mit Abitur kapieren, dann ist alles safe! Damit den potenziellen Lehramtsanwärtern außerdem verdeutlicht wird, was in diesem Falle unter Freiheit zu verstehen ist, hat man neben dem Text noch die Illustration eines Kinder-Schwimmreifens in Form eines pinkfarbenen Flamingos dazugetan.

Ich nehme nicht an, dass dieser Gummiflamingo ein fröhlicher Hinweis darauf sein soll, dass die jungen Lehrkräfte ihren Schützlingen das Schwimmen beibringen müssen. Ich glaube, er will sagen: Wenn ihr diesen Beruf ergreift, werdet ihr ausreichend Zeit haben, selbst mit diesem Schwimmreifen im Pool zu paddeln, während die Kinder in geschlossenen Räumen die Quadratwurzeln aus großen ungeraden Zahlen herausziehen, im Schweiße ihres Angesichts.

Es stellt sich ja die Frage, ob man sich mit dieser Art Aneignung von Jugendsprache bei der Zielgruppe nicht lächerlich und unbeliebt und auch wenig überzeugend macht. Aber jene findigen Kultusministeriumsmitarbeiter:innen (ach, diese Genderei), die sich das ausgedacht haben, wissen offensichtlich, wie man die coolen jungen Leute ansprechen muss, damit sie auf den richtigen Karriere-Zug aufspringen möchten. Vielleicht waren es auch irgendwelche hochbezahlten Imageberater in einer „modernen“ Werbeagentur, die in der Lage waren, den unbedarften Kultusleuten jene marktschreierische Parole zu verkaufen.

Dass der Beruf einer Lehrkraft eine höchst anspruchsvolle, herausfordernde und manchmal auch stressige Tätigkeit darstellt, welche viel Geduld und idealerweise auch ein Talent zum Entertainer erfordert — das will man den möglichen Aspiranten natürlich nicht gleich unter die Nase reiben. Aber dass man glaubt, jene jungen Menschen (welche immerhin das Abitur geschafft haben!) mit einem solchen infantilen Spruch ködern zu können, ist erstaunlich. Nun gut, was weiß denn ich. Vielleicht ist es ja auch genau die richtige Ansprache.

Ein Plakat vom Kultusministerium in Baden-Württemberg geht aber noch einen Schritt weiter (auch dieses kann man problemlos googeln): Auf ihm steht riesengroß das Wort HURRAAA! Und etwas kleiner: GELANDET UND GAR KEINEN BOCK AUF ARBEIT MORGEN? MACH WAS DIR SPAß MACHT UND WERDE LEHRER*IN. JETZT BEWERBEN LEHRER-IN-BW.DE

Abgesehen davon, dass in diesem Text (so wie auf dem Originalplakat) ein Komma fehlt: So weit ist es also schon mit dem Mangel an Lehrkräften, dass man im Ländle auch welche zu nehmen bereit ist, die den Unterricht für Kinder nur deshalb machen, weil sie keinen Bock auf Arbeit haben und eine ruhige Kugel schieben wollen, bis sie dann endlich pensioniert und bis zu ihrem Ableben versorgt werden, obwohl sie in ihrem Beruf völlig fehl am Platze waren. Solche Lehrer gibt es und gab es schon immer, davon kann wahrscheinlich so manche/r meiner Blog-Lesenden ein Liedchen aus der eigenen Schulzeit singen.

Selbst wenn diese Werbeträger der Kultusministerien wahrscheinlich in bester Absicht erstellt und verbreitet worden sind, so sind sie in ihrem Wortlaut wohl auch eine Herabsetzung all jener Lehrkräfte, welche ihren Job ernst nehmen und mit großem Engagement (= viel Arbeit!) dabei sind. Die gibt es durchaus, meine lieben Freunde I. und H. gehören da ganz sicher mit dazu.

Wieso interessiert mich das eigentlich? Ich bin weder Lehrer noch habe ich Töchter, die Lehrerinnen sind oder werden wollen. Genau: weil ich mich wundere, wie plump vorgegangen wird, um das Bildungsproblem in Deutschland in den Griff zu bekommen. Vielleicht sollte man den Verantwortlichen für diese Werbung jeweils eine Flex in die Hand geben, damit sie sich ihre Inkompetenz (sofern vorhanden) herausflexen.

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