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Liebe Leserinnen und Leser,

ein ganz besonders großer Kino-Hit in diesem Sommer 2023 war der Spielfilm BARBIE. Wer oder was Barbie ist, muss man niemandem erläutern und schon gleich gar nicht den werten Damen, welche sich ihre Kindheit mit diesen superschlanken Schönheiten versüßt haben. Wie schon im Vorspann von BARBIE gezeigt wird, waren diese Puppen damals eine Erlösung für die kleinen Mädchen, welche es satt hatten, pflichtbewusste Mütter spielen zu müssen — mit langweiligen Kunststoffsäuglingen, die man zu füttern, zu bewindeln und in Mini-Kinderwägen herumzurollen hatte.

Auch Zinkls jüngere Schwestern besaßen zum Spielen Barbie-Puppen, daran erinnere ich mich ganz genau. Es gab zu der Zeit bereits Modelle, die hatten in den Knien Scharniere unter der rosa Plastikhaut. Somit konnte man die Unterschenkel in andere, natürlich wirkende Positionen bringen. Ich machte mir damals einen Spaß daraus, die zarten Beinchen der blonden Grazien brutal nach oben zu biegen, so als wären sie die Opfer eines grausigen Unfalls geworden. Meine Schwestern waren entsetzt, nahmen ihrem groben Bruder die Puppen weg und verscheuchten ihn.

Irgendwann kam damals in Markt Schwaben auch der blonde KEN zu den Puppendamen und es wurde Hochzeit gespielt. Dabei blieb es aber, denn wenn man die weibliche und den männlichen Barbie auszog, waren da freilich keinerlei Geschlechtsorgane zu sehen. Das waren nämlich Puppen für KINDER!

Nun gut, gestern überredete mich meine Herzensdame, mit ihr ins Kino zu gehen, um sich das von allen Seiten hochgelobte Spektakel anzusehen. Ich war sehr skeptisch, kannte bereits den Trailer und war ziemlich sicher, dass sich mein Vergnügen an dem Film in Grenzen halten würde. Aber was tut man nicht alles für seine Geliebte — schließlich war sie ja auch mit dabei gewesen, als ich mir Denzel Washington in Equalizer Teil 3 gab. Geiler Action-Film! Denzel ist dermaßen grandios. Aber ich schweife ab, denn es geht hier um eine makellose Blondine und nicht um einen makellosen Zerstörer von Bösewichten, die nichts anderes verdienen, als brutal getötet zu werden.

Ich erwarb Premium-Tickets für das Münchner Matthäser-Kino. Beste Plätze mit der Möglichkeit, auch noch die Füße hochlegen zu können. Als erstes wurde man zugeballert mit nervigen Vorschauen für den kommenden Disney-Blockbuster, für eine deutsche Dumpfbackenkomödie mit Nora Tschirner und für eine überflüssige Neuverfilmung von Willy Wonka, dem Schokoladenmeister. Als BARBIE begann, hatte ich den Eindruck, ich müsste mir nun einen weiteren schrillen und fröhlich flott geschnittenen Trailer ansehen, welcher allerdings 114 Minuten dauern sollte. Grunz.

Margot Robbie als Barbie ist schon Extraklasse, die optimale Besetzung! Auch Gosling spielt den bescheuerten Ken recht ausdrucksstark. Der Film ist halt eine quirlige Computeranimation in grellen Bonbonfarben, mäßig witzig, fast ständig unterlegt mit seichter Feelgood-Popmusik, welche sich in Zinkls Gehörgänge bohrte wie heiße Nadeln. Der Film hat auch eine Botschaft! Die echte Welt ist anders als die BARBIE-Welt. In der echten Welt schreiten Frauen nicht auf den Zehenspitzen und sie bekommen mit der Zeit Cellulite an den Oberschenkeln. In der echten Welt haben Männer das Sagen — mächtige Männer. In der echten Welt wird eine superattraktive Blondine vulgär angemacht, von notgeilen Typen. Die echte Welt ist ein Patriarchat, das bringt der Film BARBIE dem Zuschauer mit dem ultrapinken Holzhammer bei, damit es auch wirklich jede/r kapiert.

Ich musste nach einer Stunde aufs Klo und war darüber gar nicht unglücklich. Bei Denzel hätte ich es mir verkniffen, aber von Margots makellosem, strahlenden Antlitz konnte eine kurze Pause nicht schaden. Das Mätthäser-Kino ist ein riesiger verschachtelter Bau. Wenn man sich dort einen Film anschauen möchte, geht man erst am Münchner Stachus durch den Matthäser-Haupteingang, fährt im Foyer eine steile Rolltreppe rauf, dann muss man oben — nach dem Ticket-Kontrolleur — wieder eine Treppe runter, wo sich u.a. das Kino Nr. 5 befindet. Wenn man vom Kinosaal aufs Männerklo will, muss man 30 Meter laufen, ums Eck, dann eine Treppe runter. Als ich mich erleichtert hatte, sollte und wollte ich zurück ins Kino, logisch.

Ich kann mich an jene Minute nicht mehr erinnern (typischer Zinkl-Blackout) und habe daher keine Ahnung, wie ich es von den Toiletten versehentlich in ein weißgetünchtes, hell erleuchtetes Treppenhaus geschafft habe. Aber ich kann mir gut vorstellen, dass es ein plötzlicher Riss im normalen Raum-Zeit-Kontinuum gewesen ist, der mich dort hineindrückte — in eine fremde Dimension.

Das Treppenhaus führte vom untersten Kellerschoss bis rauf in den vierten Stock. Ich hastete die Treppen rauf, ich hastete die Treppen runter, nirgendwo gab es eine Türe, die zurück ins Matthäser-Kino führte — abgesehen davon, dass alle Türen verschlossen waren. Plötzlich stand ich vor einer Glastüre, durch die ich ins Kinofoyer blicken konnte. Von weitem sah ich Putzpersonal! Ich winkte und rief in meiner Not. Schließlich wurde man auf mich aufmerksam, aber das war auch alles. Die Leute wandten sich ab und putzten weiter, ohne mich ins Kino zu lassen. Das durften sie wahrscheinlich nicht.

Ich machte mich darauf gefasst, in diesem Treppenhaus auf unbestimmte Zeit bleiben zu müssen, mein Handy war ja im Kinosaal, bei Alexandra. Was würde die sich jetzt denken, warum ihr Freund nicht zurück kam zu BARBIE! So lange hockte man doch nicht auf dem Klo! Ich beschloss, als letzte Fluchtmöglichkeit den sogenannten NOTFALL-AUFZUG zu nehmen. Wie das klingt: NOTFALL-AUFZUG! Wahrscheinlich würde ich in diesem dann auch noch steckenbleiben und die Feuerwehr würde kommen müssen.

Ich fuhr mit dem Aufzug in das Geschoss „0“, weil ich annahm, dass es dort zurück gehen würde, ins Kino. Nicht ganz, ich befand mich plötzlich im Freien, an einer Nebenstraße. Nach kurzer Orientierung spazierte ich in dunkler Nacht Richtung Stachus, 150 Meter war es zum Mätthäser-Haupteingang. Dort hinein, die Rolltreppe rauf. Da stand er noch, der Ticket-Kontrolleur. Ich hatte mein Ticket natürlich in der Jacke im Kinosaal. Als ich dem guten Mann meine Odyssee geschildert hatte und dass meine Freundin im Kino auf mich wartete, ließ er mich nach genauer Abwägung der Sachlage gnädig durch. Puh.

Ich spazierte zurück in die quietschbunte Barbiewelt, hatte inzwischen natürlich komplett den Handlungsfaden verloren. Aktuell gab es eine wilde Verfolgungsjagd und Ken prügelte sich mit irgendwelchen anderen Typen am Strand. Slapstick. Klamauk. Popmusik mit verzerrten Frauenstimmen. Mir wurde schwindelig und ich spürte ganz intensiv ein „Ich muss hier sofort wieder raus“. Also verließ ich den Kinosaal erneut und hockte mich auf einen Sessel im Foyer. Dort war es schön. Meditativ. Aber ich blieb in der Nähe. Bloß nicht mehr zurück in das unheimliche Treppenhaus, bloß das nicht. Nach einer Stunde war der Film zu Ende. Mir ging es bestens und ich war froh, als Alexandra herauskam, um mit mir heimzufahren. Ihr hatte der Film auch nicht so gut gefallen.

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