
Liebe Freundinnen und Freunde von Krankheitsgeschichten,
in diesem Mai 2024 habe ich interessante Erfahrungen gemacht. Zwei Operationen: eine am Knie Anfang des Monats (siehe Blog 312) und eine am linken großen Zeh, in der dritten Maiwoche. Nicht dass das irgendjemanden interessieren würde, außer vielleicht den Zinkl, Alexandra und meine Mama. Aber da dieser Blog für mich auch so eine Art Tagebuch ist, werde ich darüber berichten. Wer sich nicht für eine blutige Operation am Zeh interessiert, bitte gerne weggehen.
Dieser Zinkl-Zeh plagte mich schon seit Jahren. Das vordere Gelenk ist arthritisch marodisiert und jede Bewegung dort, wo die beiden Zehenknochen aufeinandertreffen, hat geschmerzt. Wegen der Reibung, über die sich die Nerven bei jedem Schritt aufregen mussten.
Als ich vor zwei Jahren erstmals Milano besucht habe, war das Lustwandeln durch diese wunderbare Stadt eine ziemliche Quälerei. Es war ein herrlicher heißer Sommer, aber jeder Schritt hat mich von der schönen Architektur, natürlich von der Kathedrale und den Gucci- und Pucci-Läden unangenehm abgelenkt. Ich hatte die Schnauze voll und konsultierte den Zehenoperateur.
Dieser legte mich unter sein Messer und schabte eine Zyste heraus. Von der wusste ich bis dato garnix. Und er hat ein bisserl an den Knochenenden herumgekratzt, eben wegen der Arthrose. So eine Operation ist für den Patienten ja ein Klacks. Man legt sich hin, wird für zwei Stunden in traumlose Gefilde eingewiesen und wacht munter wieder auf.
Aber! Danach kommt das Jammertal des Heilschmerzes und macht einen missmutig. Der Zeh war auf der rechten Seite aufgeschlitzt und nach der Behandlung wieder mit schwarzen Fäden zugenäht worden. Wenn man irgendwann nach zwei Wochen den Verband abnehmen kann, weil die schwarzen Fäden gezogen werden dürfen, bekommt man einen kleinen Schock. Nämlich weil der Anblick der noch kaum verheilten blaurot geschwollenen Schnittwunde so scheußlich ausschaut. Es sieht aus, als hätten sich auf blutigem fauligem Fleisch mehrere Kreuzspinnen gelegt, um sich daran zu laben. Das war also vor zwei Jahren gewesen.
Fakt ist: Die Schmerzen am Zeh hörten auch nicht auf, als nur noch eine längliche rosa Narbe zu sehen war. Die Arthrose hatte sich nicht unterkriegen lassen und bearbeitete meine geplagten Nerven nach wie vor.
Was willste machen? Die paar Jahrzehnte, die einem noch bleiben, damit verbringen, das zu ertragen? Natürlich nicht! Ich las von der Maßnahme einer sogenannten Arthrodese. Das bedeutet in meinem Falle: Man verbindet die beiden betroffenen Zehenknochen so, dass sie sich nicht mehr bewegen und infolge dessen auch nicht mehr schmerzhaft aneinander reiben können. Gewissermaßen wird eine Versteifung herbeigeführt. Reinhold Messner hat sich das erspart, denn seine Zehen sind bei einer Himalaya-Besteigung abgefroren. Ich bevorzuge diese Methode jedoch nicht.
Nun, wie wird das gemacht? Auf die brutale Art! Es werden zwei Schrauben zueinander diagonal in den Zeh reingebohrt, das sieht aus wie ein X. Diese beiden Schrauben halten die Knochen fest zusammen und infolgedessen wird dann auch der Schmerz aufhören, weil keine Reibungsbewegung mehr stattfindet. So die Theorie und so hat es mir auch der Fußchirurg Dr. Mayer verklickert. Dazu muss der Zeh aber wieder seitlich aufgeschlitzt werden, wie damals vor zwei Jahren. Oh Gott, meine schöne rosa Narbe! Und die Kreuzspinnen werden wieder kommen!
Das ist in der letzten Woche gemacht worden. Als ich aus der Narkose aufgewacht bin, war der Fuß bis zum Schienbein dick verbunden und ich durfte mich nur noch mit Krücken fortbewegen. Einen Tag später musste ich zur Operationskontrolle in die Praxis, dort wurde der Zeh fotografiert. Weil ich in die Praxis ohne die Krücken gehatscht war, nur mit dem medizinischen Skistiefel, blaffte mich Dr. Mayer an. „Herr Zinkl, wo sind die Krücken? Sie spielen mit dem Operationsergebnis!“ Ich verspürte Angst und Schrecken, aber ein Blick auf das spektakuläre Schrauben-X-Röntgenfoto beruhigte den Doktor und erst recht mich. Alles im grünen Bereich. An dieser Stelle bedanke ich mich hundertausend Mal bei meiner allerliebsten Alexandra, die mich mehrmals transportiert und bekocht und betüdelt hat. Sie ist ein wahres Glück für mich, in jeder Hinsicht.
Dieses Mal hatte der Heilschmerz in den zwei darauffolgenden Tagen eine Qualität, die mich richtig mürbe gemacht hat. Ibuprofen ist durchaus hilfreich, aber Morphium wäre mir eigentlich lieber gewesen. Doch dann, am dritten Tag, hörten die stechenden pulsierenden Schmerzen plötzlich fast ganz auf! Es war wie ein Wunder. Die Nerven hatten das Handtuch geworfen und aufgehört zu schreien. Das sind Glücksgefühle, ich kann euch sagen! Das fröhliche Leben hat mich wieder. Der Verband ist an einigen Stellen blutig, aber das soll mich nicht jucken. Blut ist im Schuh, das war schon so bei einer von Aschenputtels bösen Stiefschwestern.
In zehn Tagen wird der Verband weggewickelt und es werden die Kreuzspinnen von der Schnittwunde genommen. Auf den blaurotfleischigen Schreckensanblick bin ich bestens vorbereitet. Und ich habe Hoffnung, dass ich mich im Spätsommer wieder auf die Welt konzentrieren kann und nicht nur auf meinen linken Fuß mit seinem für alle Zeiten versteiften Zeh. Für alle Zeiten? Ja, denn wenn ich mal im Sarg liege, wird das Schrauben-X noch da sein! Ist das nicht wunderbar, wenn man so etwas hinterlassen kann?

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So ein Kreuz im Zeh hat nicht jeder! Lass dir noch einen Totenkopf drüber tätowieren, dann schaut’s aus wie eine Piratenflagge. Dass du Armer so viel Pein erdulden musst, liegt an deinem Namenspatron: Tante Wiki weiß: „… Peinigungen und Qualen, bei denen Satan seine Dämonen auf Antonius loslässt, die den Heiligen hemmungslos quälen und prügeln und ihm so fast unerträgliche körperliche Schmerzen zufügen.“
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