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Liebe Leser,

kann sich noch jemand an meinen Schmerzblog erinnern, mit dem harten Cliffhanger am Schluss (vom 6. Januar)? Hier folgt nun der zweite (und abschließende Teil) der dramatischen Schmerzberichterstattung.

Ich beschloss, der Medizin der Spritzen und Strahlen Lebewohl zu sagen und es mit  heilenden Händen  aus dem wunderbaren Kosmos der Ostheopathie zu versuchen. Eine Adresse war schnell gefunden, ein erster Termin vereinbart. In einer kleinen Privatpraxis nicht weit vom Stiglmaierplatz agierte eine attraktive blonde Dame mit ostheopathischen Händen und massierte nicht nur meinen Schulterbereich aufs Feinste (sondern auch Brust und Kopf – damit wir uns nicht missverstehen). Sie knetete und drückte, sie rieb und zog Linien und Kreise, erzählte von der Ganzheitlichkeit des Körpers, alles hängt ja miteinander zusammen, Schmerzenergie wird umgewandelt in positive Energie, es war sehr sinnlich, aber auch irgendwie nervig, weil sich mein Schulterschmerz über diese Heilmethode nur lustig zu machen schien. Nach acht Terminen, selbstverständlich von mir privat bezahlt (die gesetzliche Krankenkasse übernimmt auch solchen Brimborium nicht), war ich da, wo ich es seit Monaten gewohnt war zu sein: im grellen Rotlichtuniversum meines hämischen Schmerzteufels.

Ich hatte nun die Schnauze voll und beschloss, mir den rechten Arm amputieren zu lassen. Was weg ist, kann man auch nicht mehr spüren. Allerdings wusste auch ich um das Phänomen der Phantomschmerzen und befreite mich schnell wieder von dieser radikalen Idee. Hernach war der Arm weg, aber der Schmerz noch immer da. Aber trotzdem: Ein Operateur musste her!

Gute Operateure muss es in München geben, das Internet weiß Bescheid. Ich bekam eine neue Empfehlung! Diesmal ging es nicht nach Berg am Laim oder in eine ehemalige Schwabinger Trenddiskothek, sondern in die Nymphenburger Straße zum ZFOS. Dort betreut man auch die Fußballer von der Unterhachinger SpVgg. Wenn man Profifußballer wieder fit machen kann (und seien es auch nur welche, die für Unterhaching treten), sollte das mit mir auch möglich sein.

Ich rief dort wegen einer Terminvereinbarung an, die Dame am Telefon wollte mich zuerst abwimmeln (ich war ja schließlich nur gesetzlich versichert). Und mir einen erfahrenen Orthopäden an der Münchner Freiheit empfehlen (mir schwante schon der bayrische Stoßwellendoktor) – aber ich blieb stur. Ich wollte unbedingt einen Termin beim Schulterspezialisten Dr. Georg Öttl, der sich auf der ZFOS-Website mit einer herrlichen Schulterspezialistenbiografie empfahl.

Der Maestro sah sich meine Röntgenbilder an, wollte aber noch eigene machen. Wenigstens musste ich nicht wieder in die Kernspin-Knatterröhre, sondern das wurde gleich vor Ort erledigt. Schließlich sagte ich zum Herrn Öttl, bitte operieren Sie mich, in Gottes Namen, auf alle anderen Methoden pfeife ich das Lied vom Überdruss. Er: »Herr Zinkl, Sie sind der erste, der eine Operation verlangt. Können wir machen.« Ein Chirurg, ein Wort. Wir legten einen Termin fest, kurz vor Weihnachten, damit ich beruflich nicht zu lange ausfallen würde. Heiligabend im Heilungsmodus, heilige Aussichten!

Nur noch 6 Wochen beißende Schulterschmerzen, dann ab unters Messer. Wie ich mich darauf freute (ohne Scheiß). Holladriöh! Der Tatort sollte die Wolfartklinik in Gräfelfing sein. Die Zeit verging nicht wie im Fluge, aber die Zeit verging, wie sie halt so vergeht.
Musste ja auch noch einen Vorbesprechungstermin beim Narkotiseur hinter mich bringen und einen Termin beim Hausarzt (Blutabnahme, EKG). So eine Operation wird nicht übers Knie gebrochen!

Schließlich trudelte ich am 14. Dezember im frühesten Morgendunkel mit der S-Bahn in der Wolfartklinik ein, mit Rollkoffer und gemischten Gefühlen. Eine gepflegte Dame empfing mich und nahm meine Daten auf. Sie trug eine grüne Strickjacke, die unter dem Hals von einer schillernden Brosche zusammengehalten wurde, welche die Form eines großen Frosches hatte. Sah irgendwie cool aus, der Frosch, in grünweiß mit vielen kleinen Glitzersteinchen dran. Während sie meine Daten in den Computer tippte, flüsterte mir der Frosch zu: »Tu es!« Darauf machte ich der Dame ein einfaches bayrisches Kompliment: »Einen schönen Frosch haben Sie da.«.
Innerhalb einer Minute wurde die Dame supernett zu mir und erzählte von ihrer eigenen Leidensgeschichte vor fünf Jahren, als sie sich bei einem schlimmen Sturz beide Schultern gebrochen hatte. Aber der Herr Dr. Öttl hätte das wieder hingekriegt. Sie hob beide Arme und lachte, sie hätte nie geglaubt, dass sie das jemals wieder können würde, die Arme heben und so. Der Dr. Öttl sei ein Genie, ich bräuchte mir gar keine Sorgen zu machen.

Ich kann nicht sagen, dass mich das nicht beruhigt hätte. Ich musste mich etwas später ausziehen und bekam so ein neckisches Operationspatientenhemdchen, welches man auf der Rückseite zusammenbindet (das kennt man ja aus Dr. House oder Grey’s Anatomy) und einen sexy Slip aus Papier und weiße Schlappen. Im Wartezimmer saßen noch zwei Leutchen, die hatte man ebenso kostümiert – es war fast so, als würden wir nun gleich in die Sauna des Wellnesshotels Wolfart schlurfen.

Als ich etwas später auf der Bahre lag und man mir die Narkoseleitungen anlegte, war ich völlig im Reinen mit mir. Ich hatte alles Menschenmögliche getan, dies war nun der Abschluss meiner 57 Jahre langen Reise auf dieser Erde. Ich begab mich in fremde Hände, konnte nichts mehr tun, war bereit für eine Wiedergeburt als Ameisenbär oder Zecke – das sollte mir alles recht sein.

Ich erwachte mit verbundener Schulter, war topfit im Kopf und völlig schmerzfrei (klar, der Arm war auch noch bis in die Fingerspitzen narkotisiert). Man rollte mich in ein Krankenzimmer, wo ich mit zwei anderen Herren drei Tage vergnügt leben sollte.

Aber nun: Was hat denn der Dr. Öttl überhaupt getan? Er hat mit seiner winzigen arthroskopischen Kamera gesehen: fortgeschrittene Pulleyläsion mit Subtotalläsion des SGLs, kraniale kleine Partialläsion der Subscapularissehne und artikulärseitige Partialläsion der Supraspinatussehne mit kleinem Lappenriss. Zudem degenerative Instabilität des Bizepssehnenankers (SLAP / Läsion) und Degeneration des anterosuperioren Labrums.
Und was hat er dagegen unternommen, der Dr. Öttl? Eine ähnlich kryptische, aber noch viel umfangreichere Beschreibung könnte ich liefern, aber das erspare ich dem geneigten Leser. Nur so viel: Er hat auch die LassoLoop-Technik angewandt. Also in der Schulter drin ein Lasso geworfen. Wahrscheinlich, um die läsierte/lädierte Sehne zu nähen.
Und ich bedaure sehr die anderen geadelten Heilungsmethoden: Graf von Spritze, Prinz Stoßwelle und selbst die charmante Ostheo-Prinzessin hätten dieses Lasso nicht schwingen können.

Nach ungefähr drei Wochen zog mein teuflicher Untermieter provozierend langsam aus, aber ich musste mir gar keine Sorgen machen, dass ich ihn vermissen könnte: Der Ausgetriebene wurde nämlich übergangslos abgelöst vom nicht minder fiesen Kapselentzündungsdämon, auch „Frozen Shoulder“-Folterknecht genannt. Den neuen Kameraden verbuchte ich unwissenderweise unter „verzögertem Heilungsprozess“ und ließ ihn wegen meiner dämlichen „Bin doch kein Weichei“-Einstellung weitere drei Wochen wüten – bis ich es nicht mehr aushielt und beim Meister Öttl erneut vorsprach. Der meinte, das kenne er schon, typischer Nachzüglereffekt von der beleidigten Schulter – und stach den neuen Unhold mit einer Cortisonspritze ab. Nun ist aber endlich Ruhe im Karton, das hoffe ich zumindest. Immer schön optimistisch bleiben!

Daher darf ich abschließend verkünden:
Es war ein großartiger medizinischer Exorzismus, die große Läsion ist gegangen! Wenn ich nicht Atheist wäre, würde ich den gewieften Operateur nun immer in mein Abendgebet einschließen.

Allerdings wachsen mir seit vier Tagen aus der anderen Schulter so merkwürdige, fingerlange, gekrümmte Knorpel heraus, die sich verzweigen und verästeln und an den Spitzen zu eitern beginnen. Aus einer Spitze ist bereits eine kleine gelbe Spinne herausgekrochen.
Ja, geht’s noch? Kaum ist man mit der einen Baustelle fertig, kommt schon die nächste daher? Kreizdeife, es endet nie.

 

Und so war das, auf dem Operationstisch! Dieses Tondokument hat man mir nachträglich, zusammen mit der Rechnung, zugestellt:

 

Herzliche Grüße,
Zinkl (Schreiberling), Harant (Akustiker)

Nächstes Wochenende wird es bitterernst. Der 16. Blog hat den Titel:
Militant
(Eigentlich sollte das Interview mit Herr Gerhard P. stattfinden, aber da warte ich noch auf sein Einverständnis. Mal sehen, ob er sich dazu meldet)

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