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Liebe Schülerinnen und Schüler,

wenn man 1972 in die Realschule Markt Schwaben gekommen ist (so wie ich), dann weiß man mit großer Wahrscheinlichkeit, was auf „drei drei drei“ geantwortet werden muss. Nein, ich löse das (ziemlich leichte) Rätsel hier jetzt nicht auf — das überlasse ich gerne jenen, die damals mit mir entweder in der Jungen- oder in der Mädchen-Klasse gewesen sind. Zum Beispiel die liebe Patrizia, die bei meinen Blogs ab und zu auch mal die Kommentarfunktion nutzt. Ein kleiner Hinweis darf jedoch erlaubt sein: Die richtige Antwort hörte ich erstmals von einem schon etwas älteren Herrn im Geschichtsunterricht, der in nachfolgendem Bericht eine nicht unbedeutende Rolle spielen wird.

Genau: Es gab zu dieser Zeit in Markt Schwaben nur ZWEI Realschulklassen. Damit sich die beiden höchst unterschiedlichen Geschlechter sauber trennen ließen und damit keines der Pubertierchen auf unanständige Gedanken kommen konnte, wurde das so gehandhabt. Tja, es wurde einem damit als Hetero nicht unbedingt leicht gemacht, während des Unterrichts zarte Bande zu knüpfen und ich als Schüchterling hatte es somit erst recht schwer.

Bei „drei drei drei“ triggern mich mächtige Erinnerungen an. Die Institution „Realschule“ wurde 1972 in Markt Schwaben aus der Taufe gehoben und — weil ein neues Schulgebäude noch im Rohbau stand — waren die Zwölfjährigen für ein Jahr in dem alten (1905 erbauten) Schulhaus untergebracht, in welchem schon meine Mama die Schulbank gedrückt hatte. Das war ein großartiges Ambiente — die knarzenden Eichendielen in den breiten Treppenaufgängen höre ich noch heute tief in meinem Innersten.

Wir hatten damals drei Lehrkräfte: Das Ehepaar Kämpf und den Direktor Pfanzelt. Die teilten sich die wenigen Fächer auf: Herr Kämpf unterrichtete Mathe, Erdkunde, Werken und Turnen, Frau Kämpf war für Englisch zuständig. Und Pfanzelt für Deutsch und Geschichte, Mehr gab es nicht. Halt, doch! Einen kleinen, sehr gütigen Kaplan für Religion. „Kapsi“ nannten wir Schüler ihn. Der tat keiner Fliege etwas zuleide, im Gegensatz zu Pfanzelt. Der war gefürchtet. Legendär sein Ausfrage-Epilog „SETZEN, SECHS“: Noch bevor man Zeit hatte, den Schrecken zu verdauen, wenn man aufgerufen wurde, machte Pfanzelt der Prozedur damit ein schnelles und wirkungsvolles Ende.

Schüler, die Pfanzelt auf dem Kieker hatte, hatten nichts zu lachen. Er pflügte sich mit Notenterror in die empfindliche Psyche von ausgewählten Opfern. Seine Bewertungen von Extemporalen schienen völlig beliebig, sie waren jedenfalls nicht nachvollziehbar. Ich könnte mir vorstellen, dass er bei manchen Schülern für Alpträume gesorgt hat — wie er sich den Mädels gegenüber verhielt, weiß ich leider nicht. Patrizia, kannst du dazu was sagen?

Direktor Pfanzelt zupfte auch gerne bei Schülern an Haarwurzeln und Ohren. Mir tat er nichts, aber einmal langte er an meinen zarten Oberlippenflaum (den man zehn Jahre später als Bart bezeichnen würde) und meinte launig: „Brauch’ ma da einen Radiergummi?“ Heutzutage würde man dies vielleicht als sexuellen Übergriff bewerten, aber damit wohl übers Ziel hinausschießen. Damals war sowas eine schnell vergessene Kleinigkeit. Obwohl: Schnell vergessen?

Dafür waren die Kämpfs aber voll in Ordnung: Der rothaarige Dieter K. trug einen schönen Schnauzbart, er trachtete danach, sein mathematisches Wissen mit großem Elan zu vermitteln — wenn nötig, bewarf er schon auch mal einen Unaufmerksamen mit einem Stück Kreide. Das fanden alle lustig, bis auf den Beworfenen. Die hübsche Eva K. lehrte vergleichsweise blutarm, aber dafür war sie richtig nett. Einmal durften wir bei ihr unsere Lieblings-Schallplatte mitbringen und sie legte sie auf. Ich hatte von Slade das Album „Slayed?“ dabei. Frau Kämpf bemerkte ganz erstaunt, dass die Band ihre Songs orthografisch falsch betitelte: „Coz I Luv You“, „Mama Weer All Crazee Now“ usw. Das war für einen korrekten Englischunterricht nicht gerade hilfreich. Ich schrieb lange Zeit „Gudbuy“. Ja mei!

Zurück zu Pfanzelt. Ein gutes Haar muss ich an ihm lassen. Als man 1973 in das neue Realschulgebäude umzog, fragte er mich, ob meine Mutter Schreibmaschine schreiben könne. Als ich das bejahte, lud er sie ein und bot ihr den Job im Sekretariat an. Ich weiß nicht, wie er darauf kam, sich ausgerechnet an sie zu wenden — aber 1971 war mein Vater gestorben, meine Mama war von da an alleinerziehende Mutter von drei Kindern gewesen. Darüber hatte sich Pfanzelt anscheinend informiert. Frau Zinkl arbeitete von nun an im Sekretariat der Realschule — und das noch weitere 18 Jahre lang. Als ich sie dazu befragte, meinte sie, dass ihr Chef (Pfanzelt) ausnahmslos freundlich zu ihr gewesen sei. 

Ich könnte endlos weiter erzählen von meiner vierjährigen Realschulzeit. Vom Faschingsball, in dem sich Herr Kämpf als grausiger Vampir zeigte und ich als DJ nur Slade spielen wollte. Vom sommerlichen Schullandheim in Singen am Bodensee, wo ich ein wenig unglücklich verliebt gewesen war. Und vom Skilager in Lenggries, wo ich zum ersten Mal auf Skiern stand — und es damit sogar den relativ flachen Anfängerhügel herunterschaffte.

Jaja, die schöne Jugendzeit, sie kommt nicht mehr zurück — inzwischen wüsste ich genau, was ich als verknallter Jüngling zu tun hätte…

Im Jahre 333 vor Christus prallten übrigens bei Issos (in der heutigen Türkei) die Kriegsheere der Makedonen (unter Alexander dem Großen) und der Perser (unter Dareios III) aufeinander. Der persische Befehlshaber flüchtete, die Schlacht endete mit dem Sieg der Makedonen. Details zu diesem Großereignis lassen sich auf Wikipedia nachlesen.

Das Blog-Bild zeigt die Rückkehr von der Klassenfahrt aus dem Schullandheim. Das war 1974, ebenfalls ein Großereignis, nur nicht ganz so blutig.

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