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Liebe Leser,

meine kleine Tochter Linda ist Gymnasiastin. Sie geht in die 8. Klasse und bringt jeden Tag eine Tonne Papier mit in die Schule. Papier ist geduldig und immer noch unverzichtbar. Manchmal hole ich sie von der Schule ab, dann trage ich den supercoolen buntgemusterten Schulranzen mit der Tonne Papier. Da spürt man die Schwerkraft.

Supercool war der buntgemusterte Schulranzen übrigens vor 3 Jahren. Inzwischen ist er kindisch und häßlich, sagt Linda. Ein No-Go! Daher wollte ich ihr zum Geburtstag einen neuen schenken – einen cooleren. Sie sagte, sie habe ein Foto von dem absoluten Top-Schulrucksack (Aufgepasst: Aus dem Ranzen wird nun ein Rucksack!) auf Google gefunden. Er sei komplett einfarbig, hellgrau zum Beispiel, ohne irgendwelche kitschigen Muster oder Aufdrucke. Das sei obercool. Ich war schnell bei der Sache und suchte das Teil bei Amazon. Erstaunlicherweise gab es ihn dort nicht. Ein Produkt, welches man nicht auf Amazon findet, muss was ganz Besonderes sein, wie cool ist das denn?

Nach einer Stunde Recherchieren, Eruieren und blindem Suchen stellte sich heraus, dass dieser Rucksack in Südkorea hergestellt wird und man konnte ihn bestellen: den Lettering Strap Panel Backpack von mixxmix (diejenigen, die genau wissen wollen, wie das Teil aussieht, können das nun selbst googeln).

Es gab dieses edle Produkt in den verschiedensten Farben, jeweils in Uni. Linda wählte hellblau, das sei ziemlich cool. Ich wandte ein, dass Hellblau vielleicht eine Jungsfarbe sei? Aber ich war in Gedanken da vielleicht noch im Babyzeitalter und inzwischen galten andere Gesetze. Hellblau ist cool, basta. Dieser Rucksack kostete 48,90 Dollar und dazu kam noch eine fette Versandgebühr vom anderen Ende der Welt bis nach München. Abgesehen davon klärte ich Linda darüber auf, dass ein live ungesehener und unprobierter Rucksack ein gewisses Risiko darstelle. Und wenn er mal da sei und er gefiele oder passe nicht, dann wäre eine Rücksendung eigentlich unmöglich. Ob das Teil denn für eine Tonne Papier groß genug sei. Sei das überhaupt ein Schulrucksack oder eher gedacht für Mädchenkosmetik?

Meine absurden Einwände prallten von Linda problemlos ab und ich musste bestellen. Nach immerhin schon zwei Wochen war er da. Ein schöner Rucksack. Hellblau, ohne irgendwelche Muster oder Aufdrucke, sogar geräumig. Auch der Firmenaufdruck war sehr dezent angebracht. Ich war selbst entzückt, dass etwas so Schönes möglich war. Die asiatischen Girlies haben halt einfach Geschmack. Warum wird so etwas Cooles nicht in Europa hergestellt? Was ist los mit den europäischen Produktdesignern zum Thema Schulrucksäcke? Sind die im buntgemusterten Grundschulalter stehengeblieben?

Nach einer Woche hatte die Tonne Papier das südkoreanische Wunderwerk zerstört. Wir hatten dem guten Stück etwas zuviel Schwerkraft zugemutet. Lindas Mutter reagierte ziemlich cool und entsorgte den am Boden aufgerissenen Südkoreaner, ohne an eine Reparatur zu denken oder mich zu konsultieren. Ich weinte eine halbe Stunde und war aber dann zufrieden, dass meine ursprünglichen Vorbehalte gegenüber einer solchen Bestellung aus dem fernen Ausland absolut gerechtfertigt gewesen waren.

Nun ist Lindas Mutter mit dem Thema beschäftigt – ich habe meinen Beitrag geleistet. Soll sie mit ihrer Tochter in der ganzen Innenstadt herumirren, um einen coolen neuen Schulrucksack zu bekommen. Es wird nicht einfach sein.

Ich sagte zu Linda, sei doch mal saucool und nimm einen Rollkoffer mit in die Schule. Der hält die Tonne Papier ohne weiteres aus und man trägt daran auch nicht schwer, weil man ihn rollt. Linda entgegnete, das wäre das Allerletzte und das Uncoolste überhaupt, damit würde sie sich zum Gespött der ganzen Schule machen. Ein No-Go! Sie sei doch kein Opfer. „Opfer“ ist der neue Ausdruck für Schüler, die sich nicht behaupten können.

Nun erklärte ich ihr, sie solle halt mal einen Trend setzen. Mit selbstbewusster Haltung den Rollkoffer rollen und sie könne die Tage zählen, an denen andere Schüler dies bald nachmachen würden. So würde aus uncool recht schnell supercool werden. Irgendwann hat auch mal ein Nichtseemann selbstbewusst mit einer Tätowierung angefangen und heute tut das jeder, der cool sein will. So setze man Trends. Mutig was anscheinend Verrücktes und ziemlich Uncooles tun und damit die Weltkultur manipulieren.

Linda hatte viele verschiedene Antworten auf meine Vorschläge zu bieten.
»Nein, Papa.«, »Nein!«, »Nein, Papa, ganz sicher nicht.«, »Never«.
Ich sagte zu ihr, sie könne auch in der nächsten Französisch-Schulaufgabe mal eine Eins schreiben, nicht nur immer Vierer. Einfach mal was total Unerwartetes tun.
»Nein, Papa, eine Eins im Gymnasium ist nicht möglich.«
»Dann halt eine Zwei. Einfach mal brutal das Wochenende durchpauken und dann eine Hammernote erzielen. Das wäre doch obercool.«
»Papa, was soll das, das hat doch mit cool nichts zu tun« …

Ich werde nicht aufhören, meine Tochter mit weiteren uncoolen Ratschlägen zu belästigen. Solange sie mich nicht als Opfer bezeichnet, ist alles cool.

 

Hier das brandneue Hörspiel von Harant:

 

Herzliche Grüße,
Zinkl (Schreiberling), Harant (Akustiker)

Wir wünschen eine gute Zeit – bis in sieben Tagen zum nächsten (diesmal gruseligen)  zinkl-harant-Blog! Thema: EIN FACEBOOK-FREUND

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