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Liebe Leser,

meine liebe Freundin Pia hat eine ganze Reihe, oder sagen wir, mehrere Reihen von Freunden auf Facebook. Darunter ist tatsächlich auch ein Herr Nicolai Kinski. Das ist der schauspielernde Sohn seines berühmten Kinski-Vaters. Der Sohn vom längst dahingegangenen Klaus. Ich habe keine Ahnung, wie Pia zu dem kommt, aber liebe Freunde hat man ja schnell auf Facebook. Diesbezüglich ist jedenfalls in diesem (ebenfalls) dahingegangenen Herbst 2017 etwas Extremes passiert – das muss ich unbedingt erzählen.

An einem trauriggrauen, späten Oktobersamstagnachmittag klingelte die Haustürglocke. Da vor meiner Wohnung im Parterre direkt ein Hinterhof anschließt, kann ich durch das große Fenster gut sehen, wer mich besuchen kommt. Eine mir fremde Person in dunklem langem Mantel und mit Hut näherte sich. Langsam und tief gebückt, weil sie an einem dicken Seil etwas Großes, Schweres, Schwarzes hinter sich herzog. Als der Mann nur noch drei Meter entfernt war, sah ich mit Entsetzen, dass es ein Sarg war! Man weiß ja, wie Särge aussehen. Dieser war ein besonders opulentes Exemplar. Mit einem scheußlichen kratzenden Geräusch zog der Herr das Monstrum über den Hinterhof, es hinterließ krasse Schleifspuren, als wäre es mit Blei gefüllt. Sofort dachte ich daran, dass das sicher ein unangenehmes Streitthema der Hausbesitzergemeinschaft beim Hausverwalter Mikorey werden würde.

Ich trat vor die Türe.
Der Mann blieb stehen, lüpfte seinen Hut. Ein bleiches, verschwitztes, aber sehr schönes Gesicht starrte mich an. »Ist Pia da?«
Ich: »Pia kommt erst in einer Stunde. Weiß sie von Ihrem Besuch? Möchten Sie auf sie warten?«
Der Mann: »Kann ich ein Glas Wasser bekommen? Ich bin völlig ausgetrocknet. Kann ich den hier stehen lassen?« Er deutete auf den Sarg, und ich dachte mir, ist ja schön, dass er ihn nicht auch noch auf meinem Parkettboden herumschleifen will.
»Klar, kein Problem.«
Er gab mir seine wundgescheuerte rechte Hand zum Gruße. »Kinski. Ich kenne Pia von Facebook.«

Als wir am Küchentisch saßen und er viel Wasser trank, war ich schon ziemlich neugierig. »Darf ich fragen, was sie in der Kiste dabei haben? Ehrlich gesagt musste ich bei Ihrem Anblick an den berühmten Django-Film mit Franco Nero denken. Der zieht doch einen Sarg durch den tiefen Schlamm.«
Kinski: »Ja, im Schlamm wäre er leichter zu ziehen, aber so auf dem harten Asphalt ist es schon eine große Mühe. Aber keine Angst, ich habe kein Maschinengewehr drin.« Er fing an zu grinsen. »Kann ich ihre Toilette benutzen?«
Ich deutete auf die Türe und er verschwand kichernd ins Klo. Ich dachte mir, der Typ ist nicht ganz richtig im Kopf. Kann ja jeder kommen und behaupten, er sei Kinski, der Sohn.
Als er aus der Toilette kam, sah ich, wie fertig er überhaupt war.
»Herr Zinkl, ich muss dringend schlafen. Ich muss mich hinlegen. Ich bin total kaputt. Kann ich mich auf ihre Couch legen? Und sie wecken mich, wenn Pia kommt?«
Was sollte ich sagen, ich bin ja kein unfreundlicher Mensch. »Ja okay, ruhen Sie sich aus. Ich muss sowieso noch etwas am Computer arbeiten. Mein Arbeitsplatz ist gleich nebenan.«
Ohne ein weiteres Wort legte sich der erschöpfte Mann mitsamt seinem langen Mantel auf meine Ledercouch, drehte sich um und rührte sich nicht mehr. Die Situation war schon ziemlich merkwürdig. Nur gut, dass ich ihn von meinem Arbeitsplatz aus beobachten konnte. Ich wollte nämlich nicht, dass er in der Wohnung herumgeisterte. Als ich ihn googelte, wurde mir klar, dass es wirklich Nicolai war.

Pia meldete sich per Whatsapp. »Komme etwas später, bin noch bei Aldi.«
Ich tippte zurück. »Du hast Besuch. Von Nicolai Kinski. Emoji-Smiley.«
Sie tippte: »Sehr witzig. Bis gleich.«
Wenn aus dem Rheinland stammende Menschen »bis gleich« sagen, dann bedeutet das: bis in zwei Stunden oder später. Das habe ich durch Pia gelernt. Ich fand es zu kompliziert, ihr zu erklären, dass das kein Scherz gewesen war. Und hatte sowieso noch zu arbeiten. Kinski junior schlief ja anscheinend tief und fest, er machte keinen Mucks.

Es wurde schon dunkel draußen und ich war beunruhigt. Wo blieb sie denn? Ein Fremder schlief seit zwei Stunden auf meiner Couch. Ich ging hinaus, um nach dem Sarg zu sehen. Der Deckel war weggeschoben! Nun wurde es mir sehr unheimlich zumute. Ich kenne mich aus mit Horrorfilmen – und ich habe eine gute Fantasie. Verflucht! Irgendwo hinten im Gebüsch raschelte es. Dann sah ich die dunkle, sehr dürre Gestalt mit dem argen Gesicht, so bleich wie weiß geschminkt. Konnte es sein? Der Mann ist seit über 25 Jahren tot! Er näherte sich mir mit wackeligem Gang. Er hatte entsetzlich lange Spinnenfinger mit gelbraunen spitzen Nägeln und diese großen fransigen Ohren. Es war Nosferatu. Genauer gesagt: Kinski-Nosferatu. Ich war vor Schrecken wie gelähmt. Das musste ein Alptraum sein, aber es war keiner. Es war alles echt.

Schon war er da. Mit traurigem Blick sah er mich an und flüsterte mit uralter Stimme: »Wo ist Nicolai?«
Ich: »Ihr Sohn schläft, drinnen in der Wohnung auf der Couch. Seit zwei Stunden bereits!«
Kinski-Nosferatu: »Er hat es nicht leicht mit seinem alten Vater. Er muss ihn durch die Welt ziehen, immerzu.«
Ich: »Sind Sie wirklich Klaus Kinski? Ich bin ein Riesenfan von Ihnen. Ich sehe mir immer wieder ihre Filme an. Fitzcarraldo, Aguirre, vor allem Corbuccis „Leichen pflastern seinen Weg“, mit dieser wunderschönen Morricone-Melodie…, ähm… apropos Pflaster. Ihr Sarg hat den Hinterhof etwas beschädigt.«
Der Blick von Klaus verdüsterte sich und die beiden spitzen Vorderzähne wurden sichtbar. Geringschätzig spuckte er das Wort aus: »Pflaster … Pflaster … was wissen sie von Beschädigungen? Ja, es ist ein Schaden, dass ich keine Filme mehr drehen kann. Ja, es ist vorbei damit. Ich bin ein Wiedergänger geworden, für immer. Man kann mich nicht mehr verpflichten. Wecken Sie Nicolai. Wir müssen jetzt weiter.«

Plötzlich machte er einen wilden riesenhaften Satz, er sprang an mir vorbei, die drei Meter bis zur Couch, landete auf seinem schlafenden Sohn und schlug mit den grausigen Spinnenfingern auf ihn ein, schrie so laut er es mit seiner heiseren, vermoderten Stimme vermochte. »Wach auf, du Hund. Fauler Sack! Nichtsnutz! Wir müssen los. Wir müssen nach Wismar. Hörst du? Nach Wismar müssen wir noch heute!«
Der arme Nicolai wurde von seinem krächzenden Vater aus dem tiefen Schlaf geschüttelt und schließlich unter Schlägen gezwungen, ihn huckepack hinaus auf den Hof zu schleppen. Dort sprang Klaus in den Sarg zurück und der Deckel schloss sich von selbst wie von Zauberhand. Wirklich schauerlich mitanzusehen.

Es war nun schon sehr dunkel und Nicolai fasste das Seil. Mit größter Anstrengung und dem üblen Schleifgeräusch zog er den Sarg Richtung Ausgang. Nur einmal drehte er sich noch um, versuchte ein Lächeln: »Grüßen Sie Pia von mir, es hat nicht sollen sein.«
Dann entschwand der Geplagte mit seinem ruhenden Vater im Sarg. Ich wusste nicht, wie er es schaffen sollte, nach Wismar zu kommen. Es schien unmöglich zu sein.

 

Harants akustischer Beitrag zu diesem Vorfall:

 

Herzliche Grüße,
Zinkl (Schreiberling), Harant (Akustiker)

Wir wünschen eine gute Zeit – bis in sieben Tagen zum nächsten zinkl-harant-Blog!
Thema: der erste Zinkl-Warentest: IKEA vs LEGO

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