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Liebe Leser,

es gibt zwei bekannte (um nicht zu sagen: berühmte) Herren, die sich seit vielen Jahren in Deutschland als Kolumnisten betätigen. Ihre wöchentlich erscheinenden Aufsätze lese ich regelmäßig und sie erfreuen mich fast immer. Diese beiden Meister der deutschen Sprache schreiben klug und pointiert über aktuelle Themen, und ich nehme sie mir gerne zum Vorbild. Natürlich kann ich mit Ihnen keinesfalls mithalten, weil ich sicher nicht so klug studiert habe wie sie – und weil mir auch die Zeit fehlt, mich umfangreich über komplizierte Sachverhalte informieren zu können. Deshalb kolumniere ich lieber über einfachere Themen, wie beispielsweise: Wer ist Gott? Können Eichhörnchen nachts fliegen? Muss man sich bei jedem Schmerz gleich operieren lassen? …

Das Magazin der Süddeutschen Zeitung, welches immer freitags erscheint, wird stets ganz am Schluss von Axel Hacke veredelt, mit seinen wunderbaren Überlegungen zu Donald Trump, zum Thema „Langsamkeit der Faultiere“, oder er erzählt von lustigen Speisekartenbegriffsverwechslungen. Axel ist ein ganz Großer und ein Guter noch dazu. Vor Jahrzehnten schrieb er im SZ-Magazin fast ausschließlich über sein Leben und seine Familie, hielt dabei Zwiesprache mit einem alten Kühlschrank und hatte viel Amüsantes zu berichten über seine damals noch kleinen Kinder. Sein Büchlein Der kleine Erziehungsberater ist ein legendärer Bestseller. Als Hackes Kinder langsam erwachsen wurden und wohl nicht mehr so viel Amüsantes hergaben, veränderte er seine Kolumne. Aus Das Beste aus meinem Leben wurde Das Beste aus aller Welt. Er schreibt und schreibt und schreibt, und immer fällt ihm was ein, eine gewaltige Leistung. Ich verneige mich tief vor SZ-Axel.

Der zweite kolumnierende Großmeister ist im Norden Deutschlands tätig, seine literarischen Ergüsse bringt das Zeit-Magazin wöchentlich gleich ganz am Heftanfang. Harald Martenstein ist ganz anders als Hacke. Auch sehr klug und witzig, aber strenger. Gelegentlich provoziert und spaltet er, was natürlich nicht unspannend ist. Martenstein kann sich beispielsweise aufregen über übertrieben emanzipatorisches Gehabe. Manche Leser halten ihn deshalb für einen Chauvi, der er aber ganz bestimmt nicht ist. Gerne proklamiert er auch grundvernünftige Ansichten, wenn er über versponnene Forderungen von pseudointellektuellen Hysterikern liest, denen ja manchmal wirklich der gesunde Menschenverstand fehlt. Da ich selbst eine Neigung zur Grundvernünftigkeit habe, bin ich oft auf Haralds Seite. Martenstein hat im fortgeschrittenen Alter ein Kind gezeugt, und dessen Erziehung hält ihn bestimmt frisch für hoffentlich noch viele weitere Kolumnen im Zeitmagazin.

Nun habe ich mir vor einigen Monaten eine kleine Frechheit erlaubt. Da ich nicht immer die Süddeutsche Zeitung kaufe (zu dick, zu viel Text) und die ZEIT aus ähnlichen Gründen auch nicht, lese ich die Aufsätze von Hacke und Martenstein im Internet. Die Süddeutsche Zeitung stellt Hackes wöchentliche Texte kostenlos online zur Verfügung, was ich sehr nobel finde. Sie kommen absichtlich einige Tage später zum Leser als in der Zeitung, aber das tut den Inhalten ja nicht weh. Die ZEIT hat das auch getan, bis ungefähr zum Sommer diesen Jahres – das hat sich nun geändert. Nur wer ein Online-Abonnement der ZEIT kauft, darf Martenstein weiter online lesen, allen anderen ist es versagt. Und ich glaube, das ist meine Schuld.

Nämlich schrieb ich Herrn Martenstein einen leibhaftigen Brief (keine E-Mail) und legte ein Geschenk dazu: mein jüngstes CD-Album »Kinder der Nacht«, eine etwas extravagante Liedersammlung. Ich schrieb Herrn Martenstein, dass ich ihn und seine Kolumne hochverehre und dass ich seine Geschichten regelmäßig im Internet lese. Da ich dies aber ohne Entgelt tue, würde ich ihm zum Ausgleich meine neue CD schenken. Ich wünschte ihm alles Gute und hoffte natürlich insgeheim, er würde meine Lieder hören und dadurch mein guter Freund werden.

Von wegen! Ich habe nie was von ihm gehört. Kein »Danke, Herr Zinkl«, kein »Was soll dieser lächerliche Bestechungsversuch, Sie Schmarotzer!«, kein »Tut mir leid, aber die CD ist grauenhaft«, kein »Nein, ich werde Ihre CD nicht in einer meiner Kolumnen erwähnen und erst recht nicht empfehlen« – gar nichts kam zurück. Dafür stellte die ZEIT ziemlich bald danach den kostenfreien Online-Martenstein-Service ab.

Das mag Zufall sein. Aber ich glaube, dass Harald zum Chefredakteur der ZEIT gegangen ist, ihm mit hochrotem Kopf meinen unverschämten Brief gezeigt hat – und gefordert hat, dass seine literarischen Werke nicht ohne Entgelt zu haben sind, auch nicht im Internet. Schließlich lese man das ZEIT-Magazin nur wegen ihm, und es sei auch ein Schaden für den Verlag, wenn sich die Leute die Quintessenz kostenlos aus dem WorldWideNet heraussaugen würden.

Nun kann ich Martensteins wöchentliche Kostbarkeiten nicht mehr lesen, was wirklich schlimm ist. Aber ich bin auch stur und werde die ZEIT nicht abonnieren. Hätte mir Harald geantwortet – was auch immer – dann wäre ich weiter sein ihn verehrender Leser. Aber so uncool zu sein und sich überhaupt nicht zu melden, das finde ich ziemlich doof. Meine Herren! Anderen Lesern antwortet er sogar innerhalb seiner publizierten Texte. Und ich bekomme nicht mal eine karge E-Mail von ihm. Ich bin jetzt beleidigt. Martenstein, ade! Chauviniere weiter oder nicht, mir ist das nun egal.

Übrigens erhalte ich seit jüngster Zeit E-Mails von der ZEIT mit Aufforderungen, ein Abonnement abzuschließen. So ein Zufall! Ich markiere sie als Spams und schicke sie in den luftleeren Raum hinein, wo sie bei den anderen Spam-Leichen landen.

Ich glaube, ich werde Axel Hacke lieber keinen solchen Brief mit CD-Geschenk schicken. Sonst bin ich am Ende verantwortlich, wenn auch die SZ die kostenfreien Hackegeschichten unterbindet. Das Leben vieler vieler anderen Menschen wäre beeinträchtigt. Denn ein Leben ohne Hacke-Online ist kein Leben. Es muss doch auch was Gutes geben, was nichts kostet. So wie Zinkl-Harants Blog (Eigenlob stinkt, ist ja schon gut).

 

Herr Harant hat dazu eigene Ansichten:

 

Herzliche Grüße,
Zinkl (Schreiberling), Harant (Akustiker)

Nächste Woche machen wir mal wieder einen Trip in die 70er Jahre:
Unter vier Augen

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