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Liebe Leser,

endlich sind diese nervigen Festivitäten Weihnachten und Silvester abgearbeitet, und man kann sich wieder den wahren Vergnüglichkeiten hingeben.
Zinkl ist schon ganz hippelig, wenn er daran denkt, dass am 18. Januar die Rückrunde in der Fußball-Bundesliga beginnen wird. Eine entbehrungsreiche Zeit wird bald vorbei sein und Platz machen dem rasenden Nervenkitzel, der entsteht, wenn der FC Bayern München die ultrabrutale Punkte-Aufholjagd gegen die verdammten Borussen starten wird. Sechs Punkte fehlen, leicht wird es nicht werden.

Das jedoch juckt den echten Löwenfan kein bisschen, denn in der dritten Liga fehlen immerhin nur drei schlappe Punkte bis zum ersten Platz in der Tabelle. Da werden sich Preußen Münster und Hansa Rostock warm anziehen müssen, wenn die brüllenden Löwen ihre Tour de Force starten.

Normalerweise wird der bayerische Mensch als Baby getauft: Er wird Katholik oder ein Protestant, da hat er nichts zu bestimmen, das kann er erst in seinen späteren Jahren der Vernunft annulieren oder weiterhin erdulden. Glauben und zahlen oder austreten und ungläubig werden.

Wie und wann man als echter Münchner allerdings wahlweise zum FCB- oder 1860-Fan generiert wird, das ist eine eher unklare Angelegenheit.
Nun – die braven Leute, die in der Nähe der Säbener Straße wohnen und mit den Fitnessübungen der roten Gladiatoren aufwachsen – sie tendieren wohl zu dieser Konfession.
Das Pack, welches in der Umgebung der Grünwalder Straße vor sich hinvegetiert, dürfte dagegen mit größerer Wahrscheinlichkeit die blaue Gesinnung annehmen. Als Grafiker hatte ich mal die Ehre, für die Münchner Punkband Lustfinger ein Cover zu gestalten für die CD „Einmal Löwe, immer Löwe“. Die Lustfingers und vor allem Ihr lieber Chef Tom Fock sind ganz ganz große 60er-Fans, das ist in Stein gemeißelt.

Zinkl fragt sich nun aber, woher der Rest der münchnerischen Bevölkerung seine Inspiration bekommt, sich der einen oder anderen Firma leidenschaftlich zuzuneigen.

Zweifellos ist die Firma FC Bayern München scheißreich und kann sich mit die weltweit besten Protagonisten leisten. Wenn man so drauf ist, dass man sagt: Ich will, dass die Reichen gewinnen und immer wieder gewinnen und gewinnen und gewinnen, dann ist der Fall klar: Dann muss man FC Bayern-Fan sein. Und das sind ja auch die allermeisten.
Wenn man aber ein echter Underdog ist und sich auch nicht grämt, dass der Verein seiner Wahl in einem wirklich lausigen Paralleluniversum holzt, dann steht man zu 1860 München. Wir gehen gemeinsam unter, aber wir lassen uns niemals unterkriegen! Yes!

Der leider viel zu früh verstorbene Querdenker und Künstler Christoph Schlingensief hat einmal in einem Interview gesagt: „Der Fan an sich ist ja Idiot.“ Das hat sich Zinkl irgendwie gemerkt. Und bei längerem Sinnieren über diese Aussage muss er einsehen: Da könnte was dran sein.

Ein großer Fußballverein ist ein Wirtschaftsunternehmen, das versucht, ein hervorragendes Produkt zu verkaufen. Ein solches Unternehmen muss viel Geld investieren, um sein Produkt stets attraktiv zu halten. Das Produkt ist ein kampfbetontes und im besten Falle virtuoses Spiel, in welchem auch international teuer eingekaufte Artisten darum schwitzen, erfolgreiche Ballbewegungen ins gegnerische Tor zu erzielen. Das kann mitreißend zu beobachten, für manchen Zuschauer aber auch einigermaßen langweilig sein – wie so oft eine Frage der Sichtweise, wie sehr man das Hin- und Hergeschiebe des Balles liebt.
Egal, ob die Ausnahmespieler aus Europa, Südamerika oder Afrika importiert werden – ab dem Moment, wo sie der FC Bayern rekrutiert, sind es Bayern. Das ist eigentlich nett, denn rassistisches Gedankengut hat hier nichts aber auch garnichts verloren.

Nun frage ich mich, wie sich diese Tatsächlichkeit mit einem surrealen Patriotismus verträgt, den die Fans mit zum Wahnsinn neigender Überzeugung mit sich schleppen.
Gibt es überhaupt einen vernünftigen Grund, sich mit der einen oder anderen Mannschaft zu identifizieren?
Gibt es nicht. Es ist eine absurde Willensbekundung zu sagen, ich bin FC Bayern-Fan oder ich bin 1860-Fan. In der Regel kennt man die Mitglieder der Firmen nicht persönlich. Na schön, man kann beobachten, wie sie ihre Arbeit verrichten. Der eine gut, der andere weniger gut. Aber kompetente Mitarbeiter wechseln immer mal wieder zur Konkurrenz – zwischen FCB und 1860 ist das zwar eher selten der Fall, aber in ähnlich situierten Unternehmen durchaus. Lewandowski hier, Lewandowski dort.
Fan-Sein hat also wenig zu tun mit Persönlichkeiten in den Vereinen, es ist diesbezüglich unabhängig. Die Entscheidung, mit speziell eingefärbten Schals und Käppis und Flaggen herumzuschlurfen, gerne zu gröhlen und sich überhaupt blöde zu benehmen, hat diffuse Gründe.
Jaja, ich weiß schon, der Mensch will sich zusammenrotten, will sich definieren, in der Gruppe bekommt auch ein Kleingeist ein größeres Selbstwertgefühl – das ist alles andere als neu. Die Vereine unterstützen diesen Klamauk freilich gerne und lukrativ mit ihren scheußlichen Fanprodukten.

Doch es ist im Grunde müßig, das zu thematisieren. Denn – um nun ins Größere abzudriften – der deutsche Fußballsport hat eine solch immense Bedeutung und Beliebtheit in der deutschen Gesellschaft, dass Anmerkungen, die dieses Treiben mit irritiertem Staunen betrachten, weggewischt werden, wie eine Stubenfliege vom karierten Tischtuch.

Kultiviert Fan sein ist auch bei Intellektuellen anerkannt. Wem aber das Finale der UEFA Champions League so wurscht ist, wie die Richtungsänderungen der Schwäne im Starnberger See, über den wundert man sich.
Zinkl hat es selbst bitter erleben müssen. Wenn beispielsweise bei seriösen Geschäftsbesprechungen abschließend noch das gute Schmiermittel „kameradschaftliche Kommunikation“ zum Einsatz kommt und man sich launig austauscht über Details aus der Fußball-Bundesliga, dann wird derjenige, der darüber aus guten Gründen nur mäßig informiert ist, recht mitleidig so behandelt, als sei er ein Mensch, der nicht kapiert hat, worum es im Leben tatsächlich geht und was von wirklicher Relevanz ist. Wen es anödet, welcher Verein zu welchem Zeitpunkt so- und soviele Punkte ergattert hat, der ist ein Paria.

Meinem lieben Freund Carsten wird das nie passieren. Mit größter Passion verfolgt er jeden Samstagnachmittag die Spielbewegungen in den deutschen Fußballstadien – und zwar im Radio! Diese Zeiten sind für ihn heiliger als heilig. Das Hin- unter Herschalten zwischen den Korrespondeten in ihren Funkhäusern, ihre Berichterstattungen voller Kompetenz und Emotion: Er liebt es über alles. Und er muss bitterlich weinen, wenn der FCB nicht gewinnen kann – und damit er ist wahrlich nicht der einzige in unserem schönen Bundesland.
Ich verstehe es nicht, es ist eine völlig andere Denkweise als die meine. Ich verstehe auch nicht gewisse Paarungsgewohnheiten der Aborigines, falls es solche geben sollte. Es ist einfach außerhalb meiner Wahrnehmungsmöglichkeiten.

Nur alle vier Jahre, wenn die FIFA zur Weltmeisterschaft bimmelt, da bin ich dabei. Da konditioniere ich mich: Deutschland muss Weltmeister werden. Das ist mir an und für sich so schnurz, wie wenn in Laos ein Kunstmaler in den Mekong fällt. Aber es ist halt einfach eine Frage der Entscheidung, wie man denken, wie man sich verhalten will.
Von Mitte Juni bis Mitte Juli des Jahres xxxx MUSS das deutsche Team besser sein als alle anderen. Während dieser Zeit fiebere ich mit und schreie und juble und fluche und beisse Fingernägel. Wenn Deutschland ausscheidet, muss ich mich einen Sekundenbruchteil ganz fürchterlich ärgern. Danach ist es mir wieder scheißegal, was passiert ist. So, als hätte ich mich nie darüber echauffieren müssen. Ist das verrückt? Nein, das geht jedem so, das ist völlig normal. Patriotismus ist geil – wenn er keine Menschenopfer fordert.

Nun weiß ich jedoch immer noch nicht, wie man dazu kommt, ein Fan des FC Bayern oder von 1860 München zu werden. Wird einem das von den Eltern aufgezwungen? Sind aufdringliche Mitschüler dafür verantwortlich? Ist es eine Frage der Charakters? Kapitalisten für den FCB, Punker für 1860? Ich werde es nie erfahren. Außer, mein lieber kompetenter Kollege Kay, ein großer Freund des Schmiermittels, erklärt es mir demnächst und mit intellektueller Größe – so wie es ihm zu eigen ist.

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