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Liebe Leser,

bayrische Männer verwenden dieses Wort immer mal wieder, um sich zu beschweren: nämlich, wenn irgendeine Situation nicht ganz zu ihrer Zufriedenheit verläuft. Man nennt das auch: einen Fluch loslassen. Selbst Zinkl, der eigentlich in jedem Moment seines Lebens absolut Herr der Lage ist, kann es sich manchmal nicht verkneifen, auf diese Art und Weise Entlastung zu finden. Um diese noch wirkungsvoller werden zu lassen, zischt er aber meistens das komplette Wort „Kruzifix“ heraus, zum Beispiel, wenn ihm die Tüte Kartoffelchips entgleitet und sich fast der gesamte Inhalt auf dem abgewetzten Parkett niederlässt.

Freilich hilft ein solcher Fluch keinesfalls, die unglückliche Situation ins Positive zu wenden, aber dafür ist er auch nicht da, der Fluch. Er ist dazu da, die Schuld jemandem anderen zuzuschieben, irgendeinem. Es ist ja immer befreiend, wenn man einen Schuldigen hat. Im Falle der ausgeschütteten Kartoffelchipstüte kann Zinkl allerdings nicht auf einen irdischen Täter zurückgreifen, denn die Tüte war ja ausschließlich in seinen eigenen tollpatschigen Händen gelagert.

Und man ahnt es schon: Die Art des Fluches weist eindeutig auf eine ganz unirdische Wesenheit und ihr arges Schicksal hin! Es geht um ein sehr großes Holzkreuz, dieses scheußliche Trumm, an welches der Messias, der Erlöser, der Sohn Gottes geschlagen worden ist. Man hat dem Jesus zwar nachträglich die Absicht unterstellt, dass er das deshalb zuließ,  weil er mit dieser Aktion alle menschlichen Sünden der Welt auf sich nehmen wollte, aber ich bin da ziemlich skeptisch. Erstens, ob das überhaupt geht – und zweitens haben ja die Menschen sofort nach dem Tode von Jesus wieder weitergemacht mit dem Sündigen und tun das ununterbrochen bis heute. Also, was sollte das bringen, außer einem Sünden-Neustart?

Oder hat Jesus mit dieser Aktion alle Sünden aller Menschen in allen zukünftigen Zeiten gemeint? Kann ich mir aber nicht vorstellen, denn das würde bedeuten, dass man schadlos vor sich hinsündigen kann, denn Jesus hat alles schon im voraus auf sich genommen – das wäre ja gewissermaßen ein Freibrief zum Sündigen! Und dann gäbe es folgerichtig auch kein Fegefeuer – und eine Hölle auch nicht! Alle kämen ins Paradies, weil ihnen die Sünden vollautomatisch abgenommen worden sind.

Wie auch immer sich das verhalten mag, konnte sich der allwissende Gottvater für diesen Sündenablass durch seinen Sohn nicht eine weniger schlimme Quälerei einfallen lassen? Hat es das gebraucht, diese Folterei? Da hätte ich es voll verstanden, wenn Jesus, ans Kreuz genagelt, ein paar Mal laut „Kruzifix“ geflucht hätte.

Womit ich wieder beim Fluchen wäre. Was meint man denn damit, wenn man dieses Wort in Wut verwendet? Dass es ähnlich schlimm ist, Kartoffelchips zu verschütten wie ans Kreuz genagelt zu werden? Das ist doch hirnrissig! Voll übertrieben. Selbst wenn man deswegen „verfluchte Scheiße“ sagen würde, wäre das noch übertrieben. Denn Kartoffelchips lassen sich vom Boden ja leicht wegkehren, aber verschmierte Fäkalien erfordern schon einen anderen Aufwand – mal ganz abgesehen vom Geruch, den man bei dieser Arbeit ertragen müsste.

Fluchen ist einfach grundsätzlich eine wahnsinnige Übertreiberei. Meistens sind die beklagten Vorfälle lächerlich im Vergleich zu dem, wie man sich darüber unkontrolliert auslässt. Und man kann es sich leider problemlos angewöhnen: Man stößt sich den Zeh am Stuhlbein: Kruzifix! Man zwickt sich mit dem Reißverschluss den Jackensaum ein: Kruzifix! Man rotzt sich beim Niesen auf den weißen Pullover: Kruzifix!

Früher gab es noch den Fluch „Kruzitürken“, aber das darf man ja nicht mehr sagen, das wäre politisch unkorrekt. Der Zusammenhang ist auch diffus. Man kann die Türken für die Kreuzigung von Jesus nicht verantwortlich machen. Die zweite Belagerung Wiens durch die Osmanen ist schon 336 Jahre her. Und selbst R. T. E. würde ich es nicht wünschen, qualvoll am Kreuz zu sterben. Obwohl …

Man kommt in Teufels Küche, wenn man über das Fluchen herumsinniert. Es ist eine verdammte Angelegenheit. Wenn ich „Kruzifix“ fluche, obwohl ich nicht an Gott glaube und auch nicht an einen Gottessohn, dann ist das doch grotesk! Mir ist zwar bekannt, dass in der Antike zur Zeit des römischen Imperiums das Kreuzigen eine übliche Methode der Todesstrafe war. Man denke an Kirk Douglas und seine armen Sklaven, mit deren gekreuzigten Leichen man endlos die römischen Straßen gesäumt hat. Aber deshalb flucht man doch nicht „Kruzifix“!

Es muss also was mit dem katholischen Glauben zu tun haben. Auf wen schimpft man denn, wenn man so flucht? Letztendlich doch tatsächlich auf Gott, der für dieses ganze Kartoffelchipsmalheur verantwortlich ist, so will man meinen.
Ich sollte mir das als überzeugter Atheist wirklich abgewöhnen, aber so paradox es auch sein mag: Wenn ich „Blöder Gott, den es nicht gibt“ fluchen würde, hätte das einen völlig anderen Effekt. Es wäre dann kein Ausdruck meiner Wut, sondern eher eine ironische Anmerkung.

Es ist halt tatsächlich alles jahrzehntelange Gewöhnungssache. Man kann seine Flucherei nicht so einfach umstellen. Eine Zeitlang rief ich immer „Bluatiga Hennadreck“ oder „Kreizteifi“. Nicht so übel, aber gar kein Vergleich zur markigen Wirkung von „Kruzifix“.
Meine liebe Mama sagte immer, wenn sie ganz ganz selten fluchen musste: „Sapperlot!“ Das ist aber ein sehr sanfter Fluch, wird auch bei Überraschungen verwendet – und ich konnte leider nicht ermitteln, ob dieses Wort einen speziellen Hintergrund hat, so wie „Kruzifix“. Wer es weiß oder herausfinden kann, soll es hier bitte in einem gepflegten Kommentar der Allgemeinheit mitteilen – das wäre höchst lobenswert.

Die Eurovision Song Contest-Lena fluchte im Fernsehen „Verdammte Axt“. Das finde ich ja schon wieder charmant, aus dem Munde der hübschen jungen Dame. Aber man stelle sich vor, sie würde sich in echt versehentlich mit der Axt einen Finger abhacken! Was für ein Malheur. Jedoch immer noch nicht so schlimm, wie ans Kreuz geschlagen zu werden! Deshalb ist und bleibt „Kruzifix“ der stärkste Fluch: Weil es einfach eine grauenhafte Art zu sterben ist. Und weil man es dem völlig unschuldigen Jesus angetan hat, der doch für alle nur das Beste wollte.

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