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Liebe Leser,

meine Herzensdame hat mir anvertraut, dass sie eine alte Seele habe. Das hat mich interessiert – und natürlich musste ich mir die Frage stellen, ob ich selbst auch eine alte Seele habe oder eher eine junge Seele.

Nun, spannende Sache, durchaus. Viele Menschen glauben, dass sich nach dem Tode die Seele nicht auflöst, sondern dass sie schadlos hinfort wandert und in einen neugeborenen Menschen hineinschlüpft, um ihn zu beseelen. Das ist eine schöne Idee, aber es schmettern sich mir da doch einige Fragen entgegen.

Es ist ja so, dass auf unserem Planeten Erde die Weltbevölkerung zunimmt. Das ist unabänderlich und es ist zugleich beängstigend. Das Beängstigende wollen wir hier aber nicht zum Thema machen, das wäre zu profan. Nein, ich will darauf hinaus, dass aus diesem Grunde der Menschenvermehrung die Seelentheorie hinten und vorne nicht funktioniert.

Knochenfunde belegen, dass vor 2,5 Millionen Jahren der erste Urmensch in Ostafrika sein kümmerliches Dasein fristete. Er hieß Homo rudolfensis, ich will in Rudi nennen. Eigentlich ist es Quark, von einem ersten Urmenschen zu reden, denn es war ja wohl ein fließender Übergang vom Affen zum Rudi. Die Seelen der Affen sind also in die Rudis übergeschlüpft, um Urmenschenseelen zu werden. Kann man das so sagen? Wenn ein Rudi starb, schlüpfte seine „alte“ Seele in einen neugeborenen Rudi, so die Theorie.

Jedoch wurden so nach und nach immer mehr Rudis geboren, die von der Evolution mutiert und verbessert wurden, einige verwandelten sich beispielsweise in zahlreiche Neandertaler und andere schließlich in zahllose Cro-Magnon-Menschen, das ist eine Fachbezeichnung für den anatomisch modernen Menschen, den Homo sapiens.

Ist ja klar, worauf ich hinaus will. Seit der Urzeit wurden es immer mehr und mehr Menschen, aber wenn jeder frisch Geborene erst durch eine alte in ihn hineinschlüpfende Seele komplett wird, dann mussten sich jede Menge Säuglinge damit abfinden, eben nicht komplett zu werden. Aus der Mangelware Seelen resultieren logischerweise jede Menge seelenloser Menschen. Wie arg!

Das können wir natürlich so nicht stehen lassen. Jeder Mensch hat eine Seele, das weiß man doch!
Es muss sich also folgendermaßen verhalten: Irgendwo gibt es ein Archiv mit Milliarden neuer Seelen, die per Abruf bereit stehen. So ähnlich, wie Amazon Milliarden von Produkten archiviert hat, für die unzähligen Kaufwütigen. Diese Seelen werden von einem Organisator an Neugeborene verteilt, das ist viel Arbeit.
Jedoch wird dieser ominöse Organisator auch entlastet, denn wenn jemand stirbt, ist ja eine Seele übrig, eine alte Seele. Diese wird sofort oder nach einem gewissen Zeitraum in einem Zwischenlager an einen Säugling übermittelt.

Stellen sich also nun einige Fragen: Welcher Säugling bekommt eine alte Seele und welcher eine frische aus dem Archiv? Wer entscheidet das? Der Organisator? Macht er das nach dem Zufallsprinzip? Falls nicht, welche Kriterien spielen eine Rolle?
Und überhaupt: Ist es von Vorteil, eine alte Seele zu erhalten? Oder ist ein Lebensstart mit einer ungebrauchten Archivseele nicht eher anzuraten? Ich entscheide mich in der Regel gerne für ein neues Produkt, aus qualitativen Gründen.

Nur mal angenommen, der Zinkl hätte ein alte Künstlerseele in sich. Woher ist die gekommen?
Da wir nicht kleinkariert sein wollen, lasst uns mit Michelangelo Buonarroti beginnen. Dieser Meister starb 1564. Seine Seele könnte hineingeschlüpft sein in Peter Paul Rubens, geboren 1577. Bedeutet also, dass man das Teil 13 Jahre zwischenlagern musste. Rubens starb 1640. Wer bekam seine Seele? Vermutlich war es der holländische Bildhauer Johannes Blommendael, welcher 1650 das Licht der Welt erblickte. Er starb 1707.
Blommendaels Seele empfing der italienische Landschaftsmaler Michele Marieschi (1710 – 1744). Die nun schon ziemlich alte Seele wurde wiederum nach 22 Jahren weitergereicht an den Schweizer Firmin Massot (1766 – 1849) und schließlich an Alfred Kubin (1877 – 1959). Nur ein Jahr später bekam sie der Zinklsäugling eingepflanzt.

Leider leider hat sich das Talent von Michelangelo, Rubens und Kubin nicht mit eingepflanzt. Denn Zinkl wurde lediglich ein unbedeutender Grafiker, Tonkünstler und  Blogger. Ja mei, mehr war halt nicht drin. Aber immerhin: Träger einer alten Künstlerseele!
Ist ja auch nur ein theoretisches Spiel. Wahrscheinlich hat der Zinkl gar keine alte Seele, sondern eine nagelneue, die er seit fast 60 Jahren abnutzt. Und an wen dieses Gebrauchtteil einmal weitergereicht wird, steht komplett in den Sternen – ich hoffe, es dauert noch ein paar Jahrzehnte, bis sich der Tausch vollzieht. Aber mir tut der Empfänger jetzt schon leid.

So manche Zeitgenossen betreiben ja hobbymäßig Ahnenforschung und schaffen es manchmal, weit in die Vergangenheit reichende Stammbäume zusammenzustellen. Wie wäre es mit Seelenforschung? Auf jeden Fall ein ganz neues spannendes Gebiet. Ob man in den Archiven diverser Gemeinden fündig werden könnte, darf ich stark bezweifeln, eher sollte man sich an seriöse Geisterbeschwörer wenden.

Ich fände es wirklich schön zu wissen, welche hervorragenden Menschen die Seele von meiner Claudia trugen. Es waren sicher ganz besonders liebe und gescheite Damen, ich nehme stark an, dass auch die römische Kaiserin Claudia, Tochter des Nero und der Poppaea Sabina darunter gewesen ist. Oder Claudia de’ Medici, die Erzherzogin von Österreich und Landesfürstin von Tirol.
Ach, was sinniere ich für einen Schmarrn. Wieso sollte Claudias Seele nur in früheren Claudias gewesen sein? Das entbehrt doch jeder Grundlage.

Lassen wir es hier aber erstmal gut sein. Ist ja auch noch ein ziemlich unerforschtes Gebiet, das Lokalisieren früherer Seelenträger.

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Ich wünsche allen meinen lieben Lesern ein frohes Osterfest, viele bunte Eier und bedenket: Vielleicht steckt in einem von euch die Seele, die einst unser Heiland in sich getragen hat – denn nach seiner Auferstehung dürfte er sie ja nicht mehr benötigt haben. Nix g’wiss woaß ma net!

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