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Liebe Leser,

die SMS ist eine großartige Erfindung. Heutzutage verwenden sie aber nur noch altmodische Menschen; moderne Menschen verwenden whatsapp. Jeder hat whatsapp. Jeder Waschbär, jede Schildkröte verwendet whatsapp.

Wenn man whatsapp-User sein möchte, braucht man ein Smartphone. Es ist dabei von Vorteil, wenn das Smartphone mit einem verwachsen ist, so wie das Ohr oder der kleine Zeh. Dann ist man immer sofort und brandaktuell dabei, wenn eine neue Nachricht hereinbingt. Und hat die wunderbare Möglichkeit, in Sekundenschnelle zu reagieren: zu antworten.

Leider leider gibt es Smartphonebesitzer, die ihr wertvolles und unabkömmliches Gerät vernachlässigen. So können Nachrichten hereintrudeln, ohne gesehen zu werden. Diese werden damit schlicht ignoriert, bis sich die werte Dame oder der werte Herr dazu bequemt, das Smartphone endlich wieder zu ergreifen, um sich der Nachrichten zu erbarmen.

Eine whatsapp-Nachricht besteht aus vielen Emotionen, meist auch noch liebevoll angereichert mit bunten Emojis. Es ist grob fahrlässig, sie unaufgerufen vor sich hin dödeln zu lassen, sie manchmal stundenlang warten zu lassen. Es ist schlicht und einfach gemein, sogar niederträchtig.

Wer whatsapp installiert hat, hat eine Verpflichtung übernommen. Er muss sich um seine Schützlinge kümmern. Säuglinge lässt man ja auch nicht einfach liegen, bis sie sich den Kopf rotblau geplärrt haben. whatsapp-Nachrichten können das nicht. Sie machen einmal BING, dann warten sie geduldig, bis man sie liest. Sie warten unter Umständen jahrelang, zum Beispiel, wenn der Smartphonebesitzer sein Teil verloren hat.

Nun fragt sich der geneigte Leser: Will uns der Zinkl hier verarschen? Was soll der Käse? Gutgut, er will es erläutern.

Es geht um Kommunikation. Ohne persönliche Anwesenheit. So wie beim Telefonieren. Beim Telefonieren bespricht man sich im Jetztzustand. Man tauscht sich aus, zum Beispiel, wann und wo man sich trifft. Man klärt die Zeit und den Ort, und dann weiß jeder Teilnehmer Bescheid. Schön und gut.

Eine whatsapp von Pipilotta kann lauten:
»Hallo, Zacharias, wie geht es dir? Ich habe morgen um 18.30 Uhr Zeit, treffen wir uns?«
Nachdem Pipilotta diese Nachricht abgeschickt hat, hockt sie wie auf glühenden Kohlen und wartet. Sie wartet, dass Zacharias mit einer Antwort-whatsapp rüberkommt, und zwar zackzack.
Nach einer Stunde hat es Zacharias geschafft, zu antworten:
»Okay!«
Pipilotta liest das eine Sekunde später und denkt sich: Na toll, maulfauler Tropf. Sie schreibt sofort zurück:
»Wie wäre es mit dem Café am Nordbad? Passt dir das?«
Nach zwei Stunden hat es Zacharias wieder geschafft, zu reagieren:
»Bin mir nicht sicher. Ich melde mich.«
Pipilotta ist nun sauer auf den Typ. Sie hockt weiter in ihrem ganz persönlichen Wartezimmer und denkt sich schließlich: Wenn der Arsch kein Interesse hat, dann soll er mir den Buckel runterrutschen.
Nach einer weiteren halben Stunde schreibt Pipilotta: »Was ist jetzt, klappt das morgen oder nicht?«
Irgendwann spätnachts, so gegen 23.30 Uhr, anwortet Zacharias wieder. Er schreibt: »Tut mir leid, sei mir nicht böse, aber morgen geht es nicht.«

So geht whatsapp. Es kann einen krank machen, wenn die Kommunizierenden ein unterschiedliches Zeitmanagement betreiben. Es kann einen zum Wahnsinn treiben. Es ist so, wie wenn man beim Arzt im Wartezimmer hockt und die Dame an der Rezeption hat einen vergessen. Man kommt nie dran. Das passiert natürlich so gut wie nie, irgendwann kommt man schon dran. Aber bis dahin ist man unter Umständen extrem zermürbt oder gestorben.

Der geneigte Leser mag nun einwenden: Dafür ist whatsapp auch nicht erfunden worden. Man verwende es nur dann, wenn einem völlig wurscht ist, ob und wann man eine Antwort bekommt. Man kann gerne schreiben: »Das Leben ist schön.« Darauf ist eine Antwort nicht unbedingt von Bedeutung. Oder man schreibt: »Fick dich ins Knie«, auch hier möchte man vielleicht nicht auf eine Antwort warten, erfreulich wäre sie wohl sowieso nicht.

Also, ihr Lieben: Seid umsichtig und seid vorsichtig im Umgang mit diesem feinen Softwareinstrument. Es kann euch und euren Kommunikationspartnern wertvolle Lebenszeit kosten, wenn damit Schindluder getrieben wird.

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