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Liebe Leser,

ich hoffe, ihr seid munter ins Neue Jahr gerutscht. Ich war ein paar Tage in Wien, um mich kulturell weiterzubilden und mir den Hintern abzufrieren. Beides ist recht gut gelungen. Bevor ich hier aber einen ungemein spannenden Report über die exorbitant großartigen Museen der österreichischen Hauptstadt abliefere oder über den eiseskalten Wind auf dem januar’schen Zentralfriedhof berichte, muss ich etwas anderes loswerden:

Was mir an Wien besonders gut gefallen hat, ist folgendes:
Alle paar Meter steht ein wohlgeformter öffentlicher Abfallbehälter bereit, um entbehrliche Reste in sich aufzunehmen. Das ist praktisch, weil man entbehrliche Reste ja alle paar Minuten aus den Winterjackentaschen kramen kann: verschneuzte, verwuzzelte Tempotaschentücher; kleinformatige Papierhülsen, aus denen man weißliches Gaviscon Dual als Mittel gegen einen nervigen Säuremagen herausgesaugt hat; das nicht mehr benötigte Ticket für das Naturhistorische Museum; die leergeschmierte Niveaucremedose.

Während man sich in der bayerischen Landeshauptstadt dumm und deppert sucht, wenn man auf der Straße seinen kleinen Müll loswerden will, sagt Wien gewitzt: »Gib mir den Rest«.
Jawohl, tatsächlich sind die Wiener Mistbehälter (Vollkommen richtig: Man verwendet dort anstelle von Müll das hübsche Wörtchen Mist) auch noch total unterhaltsam, denn sie sind mit flotten Sprüchen garniert, die einen heiter stimmen:

»Ganz Wien bleibt clean.«
»Für die Zigarette danach«
»Ihre Papiere, bitte!«
»Gebaut nach dem Reinheitsgebot von 2009.«
»Für Sie rund um die Uhr geöffnet.«
»Bitte füttern!«
»Gib meinem Hängen einen Sinn.«
»Hasta la Mista, Baby?«

Es gibt da noch einige mehr, aber dass soll erstmal genügen. Ich finde das ganz wunderbar und hatte mit diesen Mistsprüchleins schon enorm viel Freude. Und so sehr ich München verehre, da kann es sich eine kräftige Scheibe von abschneiden. Nicht nur was die Menge der Mistbehälter, sondern auch deren Unterhaltungswert betrifft.

Ich habe mir ein eigenes Sprüchlein einfallen lassen, welches sich gut auf einem Behälter für den Zentralfriedhof eignen würde: »Rest in peace«. Oder für die Intellektuellen: »R.I.P.«
Okay, okay, ist ja schon gut, das ist geschmacklos.

Was mir noch in Wien passiert ist (was allerdings mit der Stadt nicht viel zu tun hat):
Ich bekam eine (weitergeleitete) whatsapp mit folgendem Bericht:
Nach einer Studie der britischen Binghampton Universität gilt es als unhöflich und grob, einen Satz in einer Textnachricht mit einem Punkt zu beenden. Für eine Studie wurden 126 Studenten gebeten, untereinander Textnachrichten auszutauschen. Manche der Antworten endeten mit Punkten, andere ganz ohne Satzzeichen.
Eine abschließende Befragung ergab, dass die Antworten, die mit einem Satzzeichen endeten, als weniger herzlich und aufrichtig eingestuft wurden.

Das findet der Orthografie-Junkie Zinkl interessant. Freilich ist es inzwischen völlig usus geworden, anstelle eines abschließenden Punktes ein Emoticon anzubringen: einen gelben Kopf, der lacht, dass ihm die Tränen aus den Augen spritzen; einen Kopf, der ein rotes Herz herausspuckt; einen Äffchenkopf, der sich die Augen zuhält; einen Kopf, der Edvard Munchs Gemälde „Der Schrei“ nachgebildet ist; und unzählige weitere Spaßetteln.
Wenn man an seine Nachricht keine bildgewordene Emotion dranhängt, sondern den Text nur mit einem ernsthaften Punkt beendet, läuft man heutzutage Gefahr, als humorloser Zeitgenosse zu gelten, der gefühlsarm agiert, statt fröhlich in die Welt hineinzulächeln.

Obwohl der Zinkl humanerweise bei seinen Whatsappereien natürlich auch sehr oft die lustigen Emojis zum Einsatz bringt, ist er doch der Ansicht, dass man nicht jede Information zwanghaft mit einem Grinsen abschließen muss, um als freundliche Person zu gelten.

Dass sich die Leute lieber mit spontanen Gefühls-Illustratiönchen erheitern als mit klarer konstruktiver Sachlichkeit zu langweilen, ist ja — genau! — allzumenschlich und meist einfach nur lieb und nett gemeint.
Vieles ist halt mit Humor noch besser. Aber immer öfter ist auch vieles gar nicht mehr lustig. In den letzten Jahren zeigt sich bekanntermaßen eine grausige Tendenz. Geballt schwappen auf unserer aus den Fugen geratenden Menschenwelt wieder Emotionen des negativen Spektrums (Angst, Neid, Machtgier, Zorn, Hass) wie unaufhaltsame Tsunamis heran. Und dann passiert auch so etwas, was brandaktuell passiert: ein Irrsinn, wie jener zwischen der USA und Iran/Irak. Hinter diesen Satz würde ich anstelle eines Punktes gerne einen kleinen gelben Kopf abbilden, der einen Schwall grüner Flüssigkeit erbricht. Aber das kann dieses Blog-Programm nicht leisten. Man stelle es sich bitte trotzdem vor.

Man bräuchte dringend einen ziemlich großen Mistbehälter, um all die Trumps dieser Welt im Jahre 2020 ganz schnell zu entsorgen. Auf diesem dürfte dann stehen: »Hau weg das Trumm Dreck«. (Emoticon: Hand mit Daumen nach oben)

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