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Liebe Leser,

aus gegebenem Anlass schreibe ich diesen Aufsatz. Zart besaitete Wesen sollten ihn sich aber nicht zu Gemüte führen.
Ich weiß, jetzt wird erst recht weitergelesen, das war auch der Sinn der Sache, jedoch: Ich hab’ die Vorwarnung gemacht, damit sich danach keiner beschweren kann.

Es ist doch so: In der Regel, wird das, was man dem Körper zuführt, als positiv empfunden. Obst, Gemüse, Käse, Wurst, Kartoffelchips, Haribosüßkram. Die Menschen stecken es sich genussvoll in den Mund, kauen es meistens zu kurz und lassen danach die Restarbeit ihren Magen verrichten.
Der Magen kann aber nicht alles brauchen, was man ihm gibt. Er wirft Überflüssiges in den Darm, in welchem es ein paar Kilometer wandern darf, bis es ausgeschieden wird. Gut so!

Doch merkwürdigerweise werden die Substanzen, die den Körper wieder verlassen, als ekelig und unangenehm riechend empfunden. Die Menschen verachten diese Substanzen zudem so sehr, dass sie im normalen Leben jeder Art von Unbill den Namen derselben zuweisen. Sie verwenden dafür nicht amtliche Bezeichnungen, sondern einen höchst beliebten Kraftausdruck, der mit „Sch“ oder im Englischen mit „sh“ beginnt.

Kürzlich war ich mal wieder gezwungen, mir Germanys Next Top Model mit Heidi Klump anzuschauen. Da war ein junges Mädel dabei, eine süße Blondine, die für sie unerfreuliche Wettbewerbsumstände ständig und dauernd mit diesem Wort bezeichnete. Das wurde in der Folge vom 26. März 2020 thematisiert, es fiel den Mitbewerberinnen und sogar Heidi Klump deutlich auf. Und es missfiel. Klar: Wenn so ein Wort von einer hübschen jungen Dame ausgeschieden wird, ist es umso unschöner.

Dieser Kraftausdruck wird zudem oft noch garniert mit Zusatzbegriffen wie „heilige“ oder „verdammte“ oder „verfluchte“ oder „gequirlte“. Er wird damit zum Inbegriff des Verabscheuungswürdigen!
Ich verstehe das einfach nicht. Die Substanzen, um die es hier geht, sind doch nichts Schlechtes! Wenn sie noch relativ warm aus dem Darm gedrückt werden, riechen sie sogar manchmal recht reizvoll, das muss doch jeder zugeben. Und selbst wer da anderer Ansicht sein mag: Es ist ja nie soo schlimm, dass man sie in Bezug setzen muss mit ärgerlichen Vorkommnissen.

Der Körperbereich, aus welchem die Substanzen in der Regel herausdringen, wird von den Menschen ebenfalls oft als Schimpfwort verwendet. Das ist noch unverständlicher. Jeder hat diese Öffnung und jeder sollte wirklich dankbar dafür sein, dass er sie hat. Sie ist ein Segen und ohne sie würden wir kläglich zugrunde gehen.

Aber wie beschimpfen sich die Leute? Sagt jemals einer im Zorne „Mundloch“ oder „Ohrloch“ zu einem Zeitgenossen?
„Was bist du doch für ein Nasenloch!“ — nie gehört. Dabei werden aus dieser menschlichen Gesichtshöhle ja manchmal auch Substanzen herausgeholt, die man gerne loswerden will. Die sind auch nicht „schlimmer“ als Kot, aber das ist für die Leute kein Thema, wenn sie sich mit Verachtung strafen wollen.

Nun gut, zum einen also die Tatsache, dass man seine Ausscheidungen nicht lieb hat. Zum anderen aber dann die Gegensätzlichkeit, dass man sie auch nicht gründlich von seiner Körperoberfläche entfernt, manchmal bleibt ja was kleben.

Und hier kommt endlich jenes Produkt ins Spiel, welches in diesem Frühjahr 2020 die Medien so stark beschäftigt wie nie zuvor. Dieses Produkt gibt es in unterschiedlichen Güteklassen, es kann sich kratzig hart oder samtig weich anfühlen. Und es ist nun von solch immenser Bedeutung geworden, dass die Industrie mit seiner Fertigung überlastet scheint.

Aber ist es denn wirklich so wichtig? Der kleine und sehr versteckt im amazonischen Dunkeldschungel lebende Volksstamm der Analander hat es nicht und braucht es nicht. Die Analander begeben sich zur Reinigung ganz einfach in den Fluss und warten ab, bis die hungrigen amazonischen Egel alles am After Hängengebliebene wegverzehrt haben. Dann kehren die Analander fröhlich (und hervorragend gereinigt) zurück in ihre Hütten. Keine Umweltbelastung durch Papier wird hier begangen. Vorbildlich.

Aber dem sogenannten „zivilisierten“ Menschen reicht es aus, ein paar Mal oberflächlich mit Spezialpapier drüberzureiben, um sich gereinigt zu fühlen. Selbst wenn er sich täglich am Morgen duscht oder badet, trägt er nach späteren „Geschäften“ mehr oder weniger Restmaterial die meiste Zeit am Tag und in der Nacht mit sich herum — obwohl er es verachtet!

Dazu ein kurzer Bericht von meiner lieben Tochter Linda, die das Urlaubsglück hatte, das bangkok’sche Luxushotel Sukhothai zu erleben:

„Im Herbst letzten Jahres hatte ich die Ehre einen fabelhaften Urlaub in Bangkok verbringen zu dürfen. Zu den traumhaften Sehenswürdigkeiten und der für mich neuen Kultur hat mich noch etwas anderes sehr fasziniert: Das Klosett in unserem Hotelzimmer!
Sitzt man auf dem Luxus-Gegenstand, wird der Popo von unten mit einer angenehmen Temperatur von 25 Grad gewärmt. Neben der Toilette ist eine Bedienungsanleitung mit kleinen Bildchen, die verdeutlichen sollen, was das magische Gerät sonst noch alles drauf hat. Drückt man auf einen der Knöpfe, kommt ein Wasserstrahl von unten aus dem Klo gespritzt, mit einer angenehmen Temperatur von 20 Grad. Es gibt einen Knopf, der das Po-Loch reinigt und einen weiteren für vorne herum. Ist man fertig mit der Wasser-Reinigung, gibt es einen Knopf, der dafür sorgt, dass von unten ein warmer Föhn kommt und einen trocken föhnt.
Auf die Spülung muss man gewiss nicht selbst drücken, sobald man sich von der Toilette runterbewegt, geht sie von selbst an. So verbrachte ich gerne einige Stunden auf diesem sonderbaren Klo … wenn das kein purer Luxus ist, dann weiß ich auch nicht.“

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Nun, ich beneide mein Töchterlein um dieses großartige Erlebnis. Aber freilich kann sich nicht jeder ein solches Luxusklosett leisten. Dafür habe ich Verständnis.
Auch der Zinkl besitzt nicht diese Apparatur — obwohl es tatsächlich angedacht ist, ein solches Schmuckstück der Hygiene zu erwerben, wenn ihn Covid-19 nicht dahinraffen wird.
Vermutlich wird ihm vorher das Klopapier ausgehen, was ihm aber scheißegal sein wird, denn er kennt andere Methoden der umfassenden Reinigung, die unaussprechlich sind. Unaussprechlich? Jawohl: Weil sie das Empfindsamkeitsfass seiner Leser zum Überschwappen bringen würden, will er das deshalb hier auch nicht weiter ausführen.

Auf alle Fälle dürfte es einsehbar sein, dass es nach diesem aufklärenden Traktat erst recht keinerlei Grund geben kann für hysterische Hamsterkäufe eines wirklich verzichtbaren Produkts unserer verzärtelten Wegwerfgesellschaft.

Und man höre auf mit diesen lächerlichen „Sch“-Kraftausdrücken, denn sie basieren auf einfältiger Denkweise und darauf, dass man die Erzeugnisse eines völlig natürlichen körperlichen Vorgangs diskreditiert  — wie ich hier hoffentlich überzeugend dargelegt habe.

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