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Liebe Freunde, Gläubige und Heiden,

weiß jemand, wie das Buch der Bücher entstanden ist – aus der Sicht der Wissenschaft? Muss man das wissen, gerade jetzt an Weihnachten?

Das muss man vielleicht nicht, aber mich hat es interessiert und ich habe einige Stunden bei Wikipedia etc. verbracht, um mich zu bilden. Das ist ein sehr komplexes Thema, aber da kenne ich nichts. Denn diese Kolumnenreihe soll ja keinesfalls allein zur lustigen Unterhaltung dienen, sondern auch zur Bildung. Über die Barockperücke haben wir bereits Gutes gehört. Nun also: Die Bibel. Wobei ich nicht das Hollywood-Epos mit Charlton Heston meine. Dieses wäre auch der Analyse wert, aber vielleicht ein anderes Mal. Was habe ich Charlton Heston als Jugendlicher verehrt!

Ich vereinfache insgesamt ein wenig, bemühe mich aber grundsätzlich um Plausibiliät und Ernsthaftigkeit (ein klein wenig Spaß darf aber schon auch sein, gell?).

Stichwort Wikipedia. Am Anfang haben ein paar Schreiberlinge die ihnen bekannten Fakten zusammengestellt, dann kamen immer mehr Fachleute aus anderen Bereichen und haben ihre Aufsätze dazugelegt, es wurden Korrekturen vorgenommen, und so ist es gewachsen und gewachsen. Wikipedia wird ja Tag für Tag immer umfangreicher, während die Bibel eines Tages aufgehört hatte zu wachsen. Weil man irgendwann sagen musste: Schluss, aus, das ist jetzt die Bibel und die gilt.

Wie ging das genau vor sich? Darum jetzt mal wieder in unsere Zeitmaschine eingestiegen und weit in die Vergangenheit gereist!

Ca. 1.200 Jahre vor Jesus wird von den Juden der dreiteilige TANACH begonnen. Das ist eine Sammlung verschiedenster jüdischer Schriftstücke aus mündlichen Überlieferungen (z.B. Sagengeschichten), aus religiösen und profanen Texten. Über viele Jahrhunderte wird das ergänzt und verändert werden und sich in eine theologisch konzipierte Heilsgeschichte Israels verwandeln. Über den gestrengen Gott Jehova und wie er SEINE Israeliten betreut, die mit allerlei Widrigkeiten zu kämpfen haben.

Großer Zeitsprung ca. 1000 Jahre nach vorne:
Dieser Tanach wird von den frühen Kirchenvätern des Christentums um ca. 135 nach Jesus umsortiert und modifiziert und dann für gültig erklärt (»kanonisiert«). Man bezeichnet es als das ALTE Testament. Denn nun kommt auch noch was relativ NEUES dazu: die aufregende Geschichte des Jesus von Nazareth und seiner jungen Lehre.

Das Leben dieses charismatischen Predigers und diverse spektakuläre Anekdoten über ihn wurden von seinen Fans lange Zeit nach seiner Hinrichtung noch dokumentiert. Es gab damals keine BILD-Zeitung und keine Marvel-Comics, aber die einfachen Leute liebten immer schon gute, spannende Geschichten und waren sehr offen auch für Mystisches. Die Wahrheit hatte nicht die erste Priorität. Deshalb fallen unter diese Jesuserzählungen durchaus auch Texte der Kategorie »Freies Erfinden und unterhaltsames Dichten«.

Der christliche Glauben mit der Bedeutung der Nächstenliebe und der Vergebung der Sünden, den dieser besondere Mann aus Nazareth mit seinen Aussagen gesät hat, bekommt so mit der ordentlich auffrisierten Story über ihn im NEUEN Testament eine menschlich/göttliche Gallionsfigur. Das ist von entscheidender Bedeutung für die Ausbreitung dieser neuen Religion, denn mit diesem sympathischen GOTTESSOHN Jesus kann man sich identifizieren, an den will man gerne glauben (die Pharaonen wurden zwar auch als gottähnlich betrachtet, aber nach dem Tode auferstanden soll von denen keiner sein – man wäre aus der Pyramide auch nur schwer rausgekommen).

Zeitsprung 200 Jahre nach vorne:
Trotz Verfolgung und brutaler Hinrichtung werden immer mehr Menschen überzeugte Christen. Bis schließlich der schlaue römische Kaiser Konstantin I. im Jahre 315 das Christentum als wichtigste Religion privilegiert, denn er erhofft sich dadurch eine stabilisierende Wirkung für die eben erst wiedergewonnene Einheit des Römischen Reiches. Das christliche Bibelbuch wird damit aus römischer Sicht legalisiert.

Aber! Weil über die textliche Darstellung des Wesen Jesu und der Dreifaltigkeit (Gottvater / Sohn / Heiliger Geist) zwischen vielen Bischöfen noch große Uneinigkeit herrscht, beruft der Kaiser das Erste Konzil von Nicäa (in der heutigen Türkei) im Jahr 325 ein, vom 20. Mai bis zum 25. Juli. Es werden alle 1800 christlichen Bischöfe in den Provinzen des römischen Reiches angeschrieben und eingeladen. Ungefähr 300 der engagiertesten Gottesmänner kommen angereist. Sie sollen sich einigen, was für wahr erklärt werden sollte, aber es wird weiter gestritten, denn es fühlt sich jeder Bischof für fachkompetent und im Recht. Das geht dem Kaiser auf die Nerven, er hat auch noch anderes zu tun, und so beendet er die Diskussion damit, dass »DER SOHN EINES WESENS MIT DEM VATER« ist. Der Vater (Jehova) ist Gott, der Sohn (Jesus) ist darum auch Gott und der Hl. Geist ist der dritte im Bunde. Und alle drei sind eins. Basta. Das müssen nun alle Bischöfe akzeptieren und vor allem auch glauben und lehren.

Als offiziellen Schlusspunkt der Fertigstellung (Kanonisierung) des Neuen Testaments kann man das Jahr 367 ansehen – der Bischof Athanasius von Alexandrien hat ein verbindliches Exemplar vorgelegt.

Was nicht explizit in der Bibel steht, aber von den patriarchalischen Herrschaften der römisch-katholischen Kirche trotzdem irgendwann festgelegt wurde:
Die Vertreter Gottes auf Erden – die Päpste, Bischöfe und Priester – dürfen keine Familie haben, sie sollen sich ganz auf ihre Schäfchen konzentrieren können (so wie Jesus das getan haben soll).
Frauen dürfen selbstverständlich keine Vertreter Gottes auf Erden sein – Jesus soll ja auch nur männliche Apostel ausgesucht haben, die seine Lehre weitergeben. Ist klar, Frauen hatten auch keine Zeit, einem Prediger hinterher zu streunern, die mussten sich um die Kinder und den Haushalt kümmern.
Auf jeden Fall wird die römisch-katholische Kirche mit diesem Regelwerk hervorragend funktionieren, was ihre unglaubliche Ausbreitung und ihr nachhaltiger Erfolg in aller Welt beweisen wird. Ein geniales Konzept, welches auch noch dadurch unterstützt wird, dass besonders herausragende Vertreter heilig gesprochen werden dürfen, in diesem Falle sogar auch Frauen (die Top-Manager/innen dürfen in die Chefetage).

Zurück zu unserer Bibel:

Das heilige Buch wird nach seiner Kanonisierung über die Jahrhunderte von den Gelehrten laufend im Detail geprüft, korrigiert und durch die zahllosen handschriftlichen Kopien und sprachlichen Übersetzungen vielleicht auch leicht verändert. Es gibt zu dieser Zeit jede Menge Unikate in ganz Europa, oftmals mit vielen bunten Illustrationen angereichert.

Das ungebildete Volk kann das lateinische Buch leider nicht lesen, dem kann man im Prinzip auch etwas weismachen, was nicht drin steht. Zum Beispiel im 15. Jahrhundert, dass man dem Papst und seiner großen Firma sein hart verdientes Geld abgeben soll, damit man sündenfrei wird und in den Himmel kommt. Für diese Geschäftemacherei fühlt sich dann Herr Luther zuständig, das ist ja bekannt. Er übersetzt die Bibel ins Deutsche und lässt sie für alle drucken.

Nun sind wir wieder zurück im Jahre 2017, im »Zeitalter der Vernunft«. Und wir können eigentlich froh sein, dass mit dem Geld auch der ärmsten Leute sensationelle Kathedralen, Skulpturen, Schnitzereien und Gemälde finanziert wurden. Das war halt der Solidaritätszuschlag für die Kunst, an der wir uns heute laben können. Die ausgemergelten Spender kamen ja dafür in den Himmel (man entschuldige hier meinen Zynismus).

Fazit:
Nicht so dramatisch wichtig, was in der Bibel nun historisch korrekt ist oder was nach einem Game of Thrones-Drehbuch klingt … die gute Nachricht, auf die es ankommt, heißt ja letztendlich: Auge um Auge …, Stop! … LIEBE deinen Nächsten wie dich selbst. Und das tun wir zumindest an Heiligabend, gell?

Zinkl und Harant wünschen allen eine freudvolle Weihnachtszeit und viel Spaß am Essen, Trinken und Schenken (von Liebe).

Nachtrag:
Von mir aus kann dieser Text kanonisiert werden. Allerdings bin ich darauf vorbereitet, dass mir in manchen meiner Ausführungen wahre Gelehrte widersprechen werden. Dann streue ich Asche auf mein Haupt und stelle mich in die Ecke. Trotzdem bleibt noch zu sagen: Nix gwiss woas ma ned – aber des woas ma!

 

Damit es nun nicht zu besinnlich wird, höre man sich Harants Gottesdienst an:

 

Herzliche Grüße,
Zinkl (Schreiberling), Harant (Akustiker)

Am nächsten Sonntag ist Silvester. Da geht es um unüberwindbare Sucht(e)n und gute Vorsätze. Zinkl outet sich, das wird ziemlich hart werden.

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