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Liebe Leser,

da mein Töchterlein und mein Neffe in diesem Frühjahr konfirmiert werden, muss ich an meine eigenen Erfahrungen mit Besuchen im (katholischen) Gotteshaus denken, als ich noch ein Kind war.

Die nachfolgenden mystisch-schauerlichen Ereignisse trugen sich zu in Markt Schwaben, in den Jahren 1968 bis 1971. Während man in Kalifornien ausgelassen flowerpowerte und tanzte und kiffte und man in Woodstock Jimi Hendrix, Santana, The Who und viele andere angesagte Bands bewundern konnte und tanzte und kiffte, und während Genesis mit Peter Gabriel in England ihre ersten magischen Alben veröffentlichten und man dazu nicht tanzte, aber kiffte – da gab es in Markt Schwaben spektakuläre Ereignisse völlig anderer Art, die sich für den neun- bis zwölfjähringen Zinkl ereigneten.

Bei den Zinkls lief es so am Sonntagvormittag: Die Mutter hatte einen knusprigen Schweinsbraten im Rohr zu beaufsichtigen, der Vater hatte in der Wirtschaft Steinmeir den Frühschoppen zu absolvieren (da war es anscheinend schöner als daheim), und die Kinder schickte man in die Dorfkirche, damit zumindest sie dafür sorgten, dass der liebe Gott der Zinklfamilie gnädig blieb. So wanderte ich mit meiner Schwester Cornelia (die Evi war noch zu klein) zum Marktplatz, um der prächtigen St. Margaret-Kirche mit ihrem hervorragendem Zwiebelkopfturm unsere Aufwartung zu machen.

Damals zogen sonntagmorgens noch massig Leute in die Hl. Messe. Ein mächtiger Pulk anständig dunkel angezogener Männlein und Weiblein gemischten Alters inkl. ein paar bunter, herausgeputzter Kinderlein drängte sich durch die schwere Eichentür, um dem Herrn Pfarrer Kottermair zuzuhören und zu beobachten, wie seine braven Ministrantenbuben die heiligen Messingglöckchen schwangen. Die Glöckchen klangen zauberhaft glitzerig wie aus einem anderen Land, Herr Kottermair klang, als hätte er den Mund voller Semmelknödel. Die Predigt war immer der ärgste Teil der Vorstellung, denn es war völlig unmöglich, Herrn Kottermairs salbungsvollen Worten zu folgen. Genauso vollzog er auch den Religionsunterricht in der Grundschule. Er war ein grundgütiger, lieber Mann mit einer gigantischen Warze auf der Backe, aber verstehen, verstehen konnte man ihn nicht. Was so schlimm nun auch nicht war.

Als Zinkl in die dritte Klasse ging, wurde eine erstmalige Beichte organisiert. Zeit war es geworden, dass sich die sündigen kleinen Schülermenschen von ihren Lasten befreien durften. Zinkl war sehr nervös, als ginge es um eine Aufnahmeprüfung für den Einlass ins Reich Gottes. Und er hatte sehr wohl etwas zu beichten. Nämlich hatte er kürzlich bei seinem Freund Rudi ein herumliegendes Fünfzigpfennigstück an sich genommen und sich dafür ein großes Eis gekauft. Das Eis war kein Genuss gewesen, das schlechte Gewissen plagte ihn so sehr, dass er es seiner Mutter sagen musste. Sie schimpfte, und beim nächsten Besuch beim Rudi legte er deshalb ein ähnliches Geldstück wieder irgendwo hin.

Eigentlich hatte er also inoffiziell schon alles gebeichtet, aber was sollte er denn sonst erzählen in dieser stockdunklen muffigen Kabine mit einem Unsichtbaren hinter dem Holzgitter? Als dieser zwei Minuten lang die Vergebung von Zinklchens Untat flüsterte, war klar, dass es Pfarrer Kottermair war.

Draußen, unter dem strahlend blauen Himmel, fühlte sich der kleine Zinkl gesegnet und wie neugeboren. Er war nicht nur die Erbsünde schon längst bei seiner Taufe losgeworden, nun hatte er auch den gesamten Sündenballast seiner 8-jährigen Existenz von sich geworfen. Das Leben konnte neu beginnen.

Trotzdem waren die sonntäglichen Besuche in der Kirche danach so saulangweilig, wie eh und je, man kann es nicht anders sagen. 40 Minuten lang stehen, knien, sitzen, stehen, knien, sitzen, usw. Beim Knien schafften manchmal Erektionen Abwechslung zur Ödnis der Vorkommnisse vorne am Altar. Sich mit Erektion die Hl. Hostie abzuholen war aber schwierig, deshalb fiel der Genuss des Leibes Christi manchmal aus. Wenn nicht, blieb die Oblate gerne am Gaumen kleben und man war damit beschäftigt, den angepappten Jesus wieder herunterzubringen.

Einmal kam Zinklchen während der Messe ausgerechnet neben der liliputanischen Gabriele zu sitzen. Das war eine alte Dame mit dem Verstand eines sehr kleinen Kindes, die meistens grundlos grinste. Gabriele hatte die schwarz eingebundene Bibel in der Hand und blätterte darin grinsend und unentwegt, vor und zurück, vor und zurück, als würde sie ganz dringend eine wichtige, aber unauffindbare Stelle suchen. Doch tatsächlich war diese Tätigkeit ihrer geistigen Verfassung geschuldet. Sie blätterte und blätterte – die ganze Zeit. Shining von Stanley Kubrick sollte erst in über zehn Jahren gedreht werden, aber eine entsetzlichere Szene konnte Zinkl darin später nicht finden.

Zweimal Trost gab es an den Sonntagvormittagen: zum einen, dass die Messe nach gefühlten 400 Minuten irgendwann zu Ende ging – zum anderen, dass man beim Heimweg am Aushang des örtlichen Kinos vorbeikam. Dort wurde mit verheißungsvollen Plakaten bekannt gemacht, dass um 13.30 Uhr ein neuer japanischer Monsterfilm gezeigt wurde (dem der deutsche Filmverleih voller Blödheit den Namen Frankenstein mit in den Filmtitel schrieb: Frankenstein und die Monster aus dem All. Was den kleinen Zinkl völlig verwirrte, denn in diesem und anderen japanischen Monsterfilmen tauchte niemals ein gewisser Frankenstein auf!).

Oder es kam Winnetou und das Halblut Apanatschi oder Tom und Jerry oder Die Lümmel von der ersten Bank mit Hansi Kraus. Egal, es wurde ALLES angeschaut, ab 13.30 Uhr. Alles war besser als die Hl. Messe in der St. Margaret-Kirche. Aber vielleicht musste es so sein: erst das Fegefeuer und dann die Erlösung.

Das Mystische ist gegangen. Gabriele ist fort, der nuschelnde Herr Kottermair ist fort, Pierre Brice und Lex Barker sind tot, die japanischen Monster sind kleine, lächerliche Stop-Motion-Gummitiere. Kein Wunder, dass Zinkl nun das Leben eines beinharten Atheisten führt. Da nützt es auch nichts, dass die Hl. Messen inzwischen vielleicht von sprachlich versierteren Würdenträgern zelebriert werden.

It’s too late to believe in this holy magical mystery.

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Dass ich eine besondere Liebe zur katholischen Kunst habe, zeigt nicht nur das Themenbild oben, sondern auch diese Skulptur, die von Pia und mir am 1. November 2011 im christlichen Niederbayern entdeckt worden ist. Armes kleines Jesulein.

Nächste Woche geht es um eine rein weltliche Angelegenheit, man lasse sich überraschen.

Herzlichst, Euer Zinkl

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Aktuelle Kommentare von Lesern:

Patrizia H:
Viel Erlösendes muss ich mir nicht nicht zu meiner Erfahrung mit der heiligen Geistig(lich)keit von der Seele schreiben, trotz man mich katholisch getauft hatte. Ich bin bei meinen Großeltern aufgewachsen und mein Opa hatte nach dem Krieg genug von allen Machthabern und ist dann lieber in die Berge als in irgendeine Kirche gegangen. Der Schulpfarrer hat es aber dann doch geschafft, dass ich mich am Karfreitag verletzen wollte, um ein wenig das Leiden Christi nachempfinden zu können. Das ist aber lange überholt, und mein Sohn, den wir nie getauft haben, hat mir einen Trost gespendet, der allen die Unsicherheit nimmt, wenn sie sozusagen nicht ganz „gwiess“ sind, ober man sich nicht sicherheitshalber doch der schwarzen Sonntagsfraktion anschließen soll: »Gott liebt dich, auch wenn du nicht an ihn glaubst!« Gesegnet seist du Kindermund …

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