schafkopfaffen

Einmal im Monat treffen sich (in alphabetischer Reihenfolge) Doris, Horst, Joachim, Sepp und Toni zu einer freudvollen Veranstaltung – wahlweise in Anzing, Markt Schwaben oder Trudering. Es sind intellektuell versierte Leute, die des feinen oberbayerischen Dialektes mächtig sind und ihn auch vor allem bei ihren Konferenzen mit Nachdruck pflegen.

Doris und die vier Mannsbilder bringen je ein „Sackerl“ mit Geld mit, in unterschiedlichen Behältnissen. Beim Joachim ist es eine große Zigarrenkiste, die mit so viel Münzgeld gefüllt ist, dass sich der Deckel gerade noch so drüber schieben lässt. Der Toni hat neuerdings eine kleine hölzerne Schatztruhe, innen mit rotem Samt ausgekleidet. Auf dem Deckel sitzen zwei dicke Holzmäuse, innen befindet sich Münzgeld in deiner Menge zwischen 16,80 und 31,60 Euro. Die Doris hat dafür eine schöne runde Porzellandose – Horst und Sepp bedienen sich aus ihrem Geldbeutel.

Man trifft sich meistens an einem Freitag, denn die Sessions dauern jedesmal bis Mitternacht, und da will man ja am nächsten Tag nicht früh aufstehen müssen.

Doris könnte die Gesellschaft zum Beispiel so eröffnen:
»Heit miasst’s eich warm oziagn, Buam, heit gwinn i.«
Darauf könnte Toni entgegnen:
»Des sogst immer – und host de letztn Moi gwonna?«
Doris:
»Hoits Mei. Aber heit gwinn i«.

Die Karten werden von Toni ausgeteilt.
Sepp: »Wos is’n des fir a Dreck. Geht des scho wieda so o. Weida.«
Joachim: »Wer hot’n des gemm? Da Toni. Super! Mogst a moi schaun, wos’d ma fir an Scheiß gemm host? Weida.«
Toni: »Geht des Gejammer jetzt scho glei am Anfang los. Herrschaftszeiten. Do, da Horst grüblt scho. Der hot wahrscheins a Solo.«
Horst: »I dad.«
Doris: »O mein Gott. Er scho wieda. Zua.«
Horst: »Herzsolo.«
Joachim (laut): »Scheiße mit Reisse.«

Sepp spielt aus, es ist der Beginn einer vier Stunden langen Schlacht um kleine Münzgeldbeträge, die zwischen den fünf Protagonisten abwechselnd hin- und herwandern. Zwischendurch werden Episoden aus dem Leben erzählt, manchmal so ausufernd, dass Toni unleidig wird, denn er will spielen und nicht quatschen.
Das Spiel kann nur von vier Leuten betrieben werden, aber der Geber geht derweil aufs Klo (Joachim) oder eine rauchen (Sepp) oder zählt sein verlorenes Geld nach (Toni) oder schreibt eine SMS an die Tochter (Doris) oder sinniert über einen unglücklich verlorenen Farbwenz (Horst).

Diese Runde findet seit weit über zwanzig Jahren statt, Toni kam als letzter dazu, das war ungefähr im Jahre 2002. Zunehmend finden im Laufe des Abends kleine Konzentrationsschwächen statt, à la:
»Wer muass gemm?« – »Wer spuit?« – »Mit wos fir a Sau geht’s?« – »I hob ned mitzäit« – »I kenn me nimma aus«.
Wenn der Toni eine halbe Minute stumpfsinnig in seine Karten schaut, weiß man, dass er einen Blackout hat und gar nichts mehr checkt. Aber alle fünfe haben für jede Art von Defekt großes Verständnis.

Natürlich wird ein Spieler (Joachim) zusammengeschissen, wenn er offensichtliche Fehler macht, die nach zwanzig Jahren nicht mehr passieren dürften. Oder einer (Toni), der als Spieler unnötig riskant – aus purem Übermut – die Sau selbst sucht. Doris kann da fuchsig werden, sie hat als Kind bei ihrer Oma eine harte Schule durchgemacht. Wenn einer den ganzen Abend ein sauschlechtes Blatt bekommt (Sepp), wird er fatalistisch oder (Horst) saugrantig. Überhaupt spielt die Sau immer eine große Rolle.

Man bemüht sich einigermaßen um intelligentes Spiel mit Niveau, das muss schon sein, aber in einer Profirunde wäre vermutlich jeder von den fünfen verloren, zumindest aber in einer stark erhöhten Stresssituation. Deshalb werden ehrgeizige Turniere in der Markt Schwabener Kneipe beim Deutinger gemieden wie der Teufel das Weihwasser. Man bleibt unter sich und das ist richtig so.

Der Zinkl Toni hofft, er kann auch als uralter Rentner noch dabei sein, denn das ist Lebensqualität pur – und nur wenig Anlässe sind für die Beteiligten wichtig genug, als dass man das Schafkopfen einmal ausfallen lassen würde.

 

Nachtrag:
Gestern, am 18. Mai 2018, ist es für den Toni gut gelaufen. 4,70 Euro gewonnen. Und beim Ramsch dreimal Jungfrau geworden! Das kann aber beim nächsten Mal schon wieder ganz anders ausschauen …

 

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