dettling

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1976
Michael Dettling ist mein Mitschüler in der FOS München, Fachbereich Gestaltung. Er ist ein schlaksiger Städter mit Bürstenschnitt und halblangem Kamelhaarmantel – ich bin ein Landei aus Markt Schwaben mit Bügelfaltenhose und giftgrünem Hemd. Er wirkt auf mich kosmopolitisch, unnahbar, wie aus einer anderen Welt.
Aber wir haben eines gemeinsam: Wir sind beide hochtalentierte, extrem akribische Zeichner. Als er erkennt, dass ich diesbezüglich noch etwas besser bin als er, sucht er meine Nähe.

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1977
Dettling ist mit mir in der Mittagspause im Kaufhaus unterwegs, er verschwindet absichtlich kurz aus meinem Blickfeld. Ein Kaufhausdetektiv erwischt ihn, weil er eine Kleinigkeit hat mitgehen lassen und holt uns beide ins Büro. Ich weiß nicht, was los ist, der Mann nimmt nur Dettlings Personalien auf.

Als wir einmal zusammen in einer überfüllten U-Bahn stehen, fragt ihn eine Frau, ob er aussteige (sie will raus). Er antwortet: „Nein. Sie?“

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1978 – 1979
Dettling macht nach der FOS eine Lehrzeit als Drucker – ich gehe für drei Jahre zum Bruckmann Verlag und lerne Tiefdruck-Retuscheur.

Dettling kommt zu mir nach Markt Schwaben, weil ich im Keller meines Elternhauses eine „Landei-Party“ veranstalte. Er kommt spät, im hellen, weitgeschnittenen Einteiler, und führt bei Led Zeppelin einen hochnäsigen Ausdruckstanz vor. Dann beleidigt er einen meiner Freunde, indem er ihn mit Silvia anspricht.

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1980
Dettling wohnt mittlerweile in einer Dachgeschosswohnung in Augsburg – er studiert Architektur. Er hatte seine Bundeswehrzeit abgekürzt, indem er vor niemandem Respekt gezeigt und alle Befehle verweigert hatte und schließlich aussondiert worden war. Ich bin während dieser Zeit Zivildienstleistender im Markt Schwabener Altersheim.

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1981
Einmal machen wir einen Wochenendausflug nach Niederbayern, wo er in einer WG eine Freundin besucht. Während er bei dem schönen Mädchen schläft, übernachte ich auf einer Matratze im Wohnzimmer. Um vier Uhr früh reißt mich ein Höllenlärm aus dem Schlaf, weil einer der bärtigen Hippies bei einem irre lauten Blues ausflippt. Dettling erzählt mir am nächsten Tag, er habe zu dem Mädchen gesagt, sie habe Beine wie Froschschenkel.

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1982 – 1987
Dettling arbeitet nach dem Studium in einem renommierten Architekturbüro – ich lerne Kommunikations-Design an der FH München. Wir sehen uns selten. Er fährt mittlerweile einen alten offenen Bundeswehr-Kastenwagen und trägt eine Camourflage-Hose. Ich fahre einen grünen Opel Kadett.
Er spielt sehr gut Akustikgitarre und zeigt mir ein paar Griffe.

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1988
Dettling hat sich mit dem Chef des Architekturstudios überworfen. Er ist so konsequent in seinen Ansichten und Überzeugungen, dass er bei Planungen und Ausführungen kaum Kompromisse mit Auftraggebern eingehen kann.
Er versucht sich selbständig zu machen. Er entwickelt ein perfekt ausgetüfteltes Rastersystem für Fertigholzhäuser und realisiert für einen Kunden ein lichtdurchflutetes Holzhaus mit umlaufendem Balkon in Freising.
Als die Frau des Kunden im Haus mehr Steckdosen haben will und billigen Zierschmuck aufhängt, kommt es zum Streit mit Dettling.

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1989 – 1999
Dettling trifft mich hin und wieder – meine damalige Frau Elisabeth und ich arbeiten „rund um die Uhr“ als selbständige Werbegrafiker vor allem für Modefirmen. Er wirft mir vor, mich für die Werbebranche zu prostituieren und keiner ethisch wertvollen Arbeit nachzugehen. Ich würde mein Talent nur fürs Geld vergeuden. Wir diskutieren viel darüber, ich versuche meinen Standpunkt darzulegen, er denkt, man müsse an das Thema Mode auch ganz anders herangehen – ich widerspreche.

Dettlings Pläne an einem Projekt für eine Holzfertighaussiedlung scheitern unglücklich. Er wohnt nun in München-Schwabing, nicht weit von meinem Arbeitsplatz. Er trainiert extrem viel an Hanteln, wird sehr muskulös, rasiert sich eine Vollglatze und und isst bereits am Morgen viel Fleisch. Er trinkt nur Mineralwasser, weil er sagt, Alkohol sei für ihn zu gefährlich und diese Zeit hätte er hinter sich gebracht.

Dettling und ich machen eine Autofahrt nach Tirol, wo in einer Tunnelbaustelle ein Konzert des Musikers Delago mit Blaskapelle und Didgeridoo stattfindet (ich habe Delagos CD-Cover gestaltet und bin deshalb eingeladen worden). Wir übernachten auch in Österreich und kommen nicht schlecht miteinander aus.

Mein damaliger wichtigster Auftrag- und Geldgeber Dennis Wunderlich kauft für seine Werbeagentur Life Style zu einem Schnäppchenpreis ausgerechnet die mehrstöckige Jugendstilvilla, in welcher auch Dettling wohnt und arbeitet. Wunderlich entlässt die Mieter und baut das Haus in großem Stil um.
Dettling führt mit ihm einen aussichtslosen Rechtsstreit und weigert sich bis zuletzt das Haus zu verlassen. Im Briefverkehr an Wunderlich schreibt Dettling diesen mit seinem echten Vornahmen Detlef an, um Wunderlich zu provozieren und es kommt einmal sogar zu Handgreiflichkeiten. Dettling watscht Wunderlich.
In der staubigen Baustelle verliert Dettling viele wertvolle Arbeitsunterlagen, bevor er auszieht – mir wirft er vor, ich würde für einen skrupellosen Kapitalisten arbeiten und aus dessen Handlungen keine nötigen Konsequenzen ziehen.

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2000 – 2007
Dettling entwickelt die Idee von grafisch anspruchsvollen, mehrseitigen Grußkarten-Büchchen, welche die Post ohne Umschlag verschicken kann. Er fertigt viele Muster an und organisiert sich eine Website. Ich unterstütze ihn beim Layout und beim Programmieren. Obwohl er für das Projekt Zustimmung findet, entwickelt sich daraus kein finanzieller Erfolg.

Als ich meine zweite Tochter mit Kirsten bekomme, sagt Dettling zu mir: „Na Anton, spielst’ wieder Familie?“

Als ich mit Kirsten und Linda im Urlaub bin, im Ausland, braucht ein Kunde ganz dringend eine Datei aus meinem Computer. Ich rufe Dettling an, und er macht das für mich sofort zuverlässig – und bewundert, dass ich ihm exakt genau den Standort der Datei im Rechner aus dem Kopf beschreiben kann.

Dettling beschäftigt sich – zusammen mit seiner neuen Freundin Angelika – mit der Produktion von selbst angefertigten fotografischen Kinderbilderbüchern und hat dazu auch ein Verlagsgespräch in der Schweiz. Es scheint zum Vertragsabschluss zu kommen, da findet Dettling heraus, dass ihn Angelika mit einem anderen Mann betrügt. Er bricht sofort mit ihr für immer und beendet das Projekt Kinderbilderbücher.

Dettling wohnt nun in einer winzigen Waschküche im Keller unter dem Blumenladen seiner Mutter in München-Neuhausen. Er schläft in einer engen Pritsche, gleich daneben befindet sich ein kleiner Tisch mit PC und eine Duschmöglichkeit.

Er arbeitet irgendwann als Nachtportier in einer einfachen Pension, in welcher er auch übernachten kann. Die Pension will er mir nicht nennen.

Die Treffen und Gespräche mit ihm werden immer anstrengender. Nach zwei Stunden bin ich jedesmal komplett ausgelaugt und über ihn sauer, weil er nichts gelten lässt, was ich sage. Wenn wir uns im Unfrieden trennen, verabschiedet sich Dettling von mir säuerlich mit „Gute Besserung, Anton“.

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2008 – 2013
Dettling wohnt in einer kleinen Eigentumswohnung in einem Hochhaus in München-Sendling, welche ihm seine Eltern überschrieben haben. Außerdem hat er von der Familie ein kleines Häuschen in einem Schrebergarten erhalten, wo er sich bei sonnigem Wetter hin zurückzieht.
An beiden Orten darf ich ihn nicht besuchen, er lässt nun niemand mehr in seine Privatsphäre.

Er sagt, er verreise auch nicht mehr, weil er die Einrichtung von fremden Hotelzimmern nicht ertragen könne. Sein Fenster zur Welt sei nun das Fernsehen. Dann regt er sich über den Egomanen Gernstl auf, der im Bayerischen Regionalsender irgendwelche Leute besucht, um mit ihnen dümmlich zu plaudern.

Wenn ich ihm meine elektronische Musik vorspiele, meint er, es gäbe viele junge Live-Musiker, die kenne er aus dem Fernsehen, die würden für ihre Leidenschaft brennen, das fände er toll.

Dettling erzählt mir, er habe sich eine Erfindung patentieren lassen, die er noch während seiner Zeit als Architekt gemacht habe: einen speziellen Metallwinkel, welcher Dachstuhlbalken ideal miteinander verbinde. Davon könne er ganz gut leben. Nebenbei würde er ein wenig im Internet mit Aktien spekulieren, aber sein Bankberater sei unfähig.

Er kümmert sich um seine Eltern bis zu deren Tode – weil seine drei Geschwister nicht verfügbar sind, diese leben inzwischen ganz woanders.

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2014 – 2017
Dettling ist nun ausschließlich in für ihn angefertigter bayrischer Tracht unterwegs. Lederhosen, seitlich geschnürte Schuhe, Wadenstrümpfe, weißes Hemd. Kein Hut. Er sagt, er finde, es stünde ihm. Das tut es, aber diese Modifikation ist mir befremdlich. Außerdem hat er sich ein österreichisches Militärfahrrad zugelegt, welches sein inzwischen hohes Gewicht tragen kann.
Ich sehe ihn nur noch zweimal im Jahr. Manchmal kommt von ihm ein skurriler Brief, der so perfekt auf alt gemacht ist, als wäre er aus der Weltkriegszeit. Mit Stempel und mit Feder in altdeutscher Handschrift. Das scheint ihn zu erfreuen. Mich auch.

Einmal ruft mich Dettling nach langer Funkstille an einem Silvestervorabend an, ob ich schon Raketen gekauft hätte. Als ich, etwas überrumpelt, mürrisch reagiere, legt er sofort auf – wieder ein halbes Jahr kein Kontakt.

Als ich ihn im Sommer anrufe, ist er sehr kurz angebunden und sagt mit stark gebrochener Stimme, er würde sich melden, wenn es ihm wieder besser ginge.

Dettling besucht mich ein halbes Jahre später spontan, als auch meine Mutter gerade da ist. Sie kennt ihn ja noch von früher, aus der Schulzeit. Wir unterhalten uns nett und harmonisch zu dritt, er ist sehr freundlich und dann wieder weg.

Wiederum Monate später taucht er mit dem Fahrrad auf, als auch zufällig meine Freundin Pia da ist. Als Pia erzählt, wir gingen öfters ins Haus der Kunst, entgegnet er gereizt, Kunst sei dann nicht mehr als solche zu bezeichnen, wenn sie den Ort ihrer Entstehung verlassen habe. Ich lasse mich auf die Diskussion verärgert ein, sie endet unfreundlich und er verabschiedet sich mit: „Gute Besserung.“ Dann hält er kurz inne und korrigiert seine Aussage: „Nein, ich wollte sagen, macht’s gut. Servus.“

Das war das letzte Mal, dass ich ihn gesehen habe.

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2018
Dettlings Festnetzanschluss funktioniert nicht mehr. Nachdem er schon seit vielen Jahren kein Mobiltelefon mehr hat und ich ihn auch nicht per E-Mail erreichen kann, registriere ich ihn für mich als dauerhaft verreist.

Am 27. Mai 2018 – es ist ein sonniger Sonntagnachmittag – will ich mein Glück versuchen und ihn mit dem Fahrrad besuchen, in Sendling, Listseeweg 7. Vor dem Haus treffe ich einen Anwohner und frage diesen, ob er zufällig Herrn Dettling kennt. Er sagt mir, ja, der sei aber ausgezogen. Als ich ihm erzähle, ich sei ein guter alter Freund und wisse nicht, wie ich Dettling erreichen könnte, er sei ja ein ziemlicher Einzelgänger, antwortet der Anwohner, dass sich Dettling vor einigen Monaten umgebracht habe.

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Ich weiß nichts über die Umstände seines Todes und kann auch nicht viel herausfinden. Die Friedhofsverwaltung München hat mir eine Überführung in eine andere Stadt genannt, aber dort sei er anonym begraben worden und dazu sei nun keine weitere Auskunft verfügbar, aus Datenschutzgründen auch nicht erlaubt.

Michel Dettling ist aus seinem (und meinem) Leben verschwunden, ohne mir die Chance zu geben, ihm diese Entscheidung auszureden.

Es passt zu ihm. Die Unbequemlichkeit, die Unnachgiebigkeit, die Kompromisslosigkeit, die ihm zu eigen war … er hat sich nicht kaufen lassen und konnte sich aber auch nirgendwo einfügen … er war trotz seiner hervorragenden Fähigkeiten als Architekt inkompatibel für die Gesellschaft.

Ich möchte glauben, er ist abgetreten, weil er der Ansicht war, es könne nur noch abwärts gehen mit ihm und es sei nun gut und ausreichend gewesen – hier auf der Welt. Nicht aus Verzweiflung. Er behauptete die letzten Jahre mir gegenüber, er sei völlig glücklich, wenn er still vor sich hin lebend Bücher lesen könne. Das darf ich bezweifeln, aber ich kann es nicht wissen.

Michel hat mich 42 Jahre als sehr spezieller, oft provozierender, aber auch witziger und belesener Zeitgenosse und schwieriger guter Freund begleitet. Wenn es mir schlecht ging, machte er sich ehrliche Sorgen und hörte mir genau zu.

Eine starke Konstante ist gegangen. Mir bleiben seine vier verrückten, wunderbaren Briefe aus einer fiktiven Vergangenheit. Das ist leider ziemlich wenig.

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