burschen

Liebe Leser,

vor zwei Wochen habe ich von meinen Freund Michael Dettling erzählt. Manchmal visioniere ich seine mächtige Gestalt mit dem roten Intelligenzschädel noch vor meiner Wohnungstüre, dabei ruft er mir irgend etwas Unerwartetes zu. Ich nehme es ihm sehr übel, dass er sein Leben nicht vorschriftsmäßig bis zum bitteren Ende ausgeführt, sondern viel zu voreilig auf den Off-Schalter gedrückt hat. Eine aus meiner Sicht überflüssige Energiesparmaßnahme.

Er hat keine Frau und Kinder hinterlassen, aber mich! Bin ich es nicht wert, wegen mir am Leben zu bleiben? Hat er wohl anders gesehen. Ich habe jedenfalls beschlossen, es ihm nicht gleichzutun.
Vor einigen Tagen ließ ich mir von zwei fähigen Automechanikern der guten Werkstatt Dvorak einen Paulchen-Radträger an den Smart montieren. Paulchen hört sich so harmlos an, aber es war selbst für Profis eine vielstündige Mühe, das Radträger-Gestänge aus unzähligen metallischen Puzzleteilen zusammenzusetzen und sachgemäß mit dem Smart zu verknoten.

Der Smart im wunderschönen metallisch glänzenden „Hazelnut“, das Fahrradl und ich erkunden von nun an die Welt. Ich glaube, Mercedes wollte das hübsche Fahrzeug nicht als Haselnussbraun bezeichnen, wegen Heinos Lied „Schwarzbraun ist die Haselnuss, schwarzbraun bin auch ich“.
Was wollte ich sagen: JA, WIR ERKUNDEN DIE WELT. Vorerst ist  Niederbayern dran, nächstes Jahr vielleicht schon Sumatra. Ich habe vor, irgendwelche Freunde oder Bekannte ohne Ankündigung zu besuchen, um mich zu vergewissern, dass sie sich noch nicht umgebracht haben. Von jeder kleinen oder großen Fahrt werde ich aussagekräftige Fotos mitbringen und hier ausstellen.

Dies ist mein legendärer erster Ausflug nach Obertaufkirchen, irgendwo östlich hinter Dorfen. Das Auto habe ich am Dorfener Marktplatz abgestellt, von dort bin ich mit dem Radl 12 km heißen Asphalt bergauf gestrampelt, bergab gerollt, Sonntagmittag bei 28 Grad Celsius, im Schweiße meines Angesichts. Jaja, schon gut, schlappe kurze 12 km. Das ist doch nichts!
Da sitze ich nun auf einer Bank an der Dorfkirche Obertaufkirchen mit Blick auf den Friedhof und auf die Wirtschaft Josef Pointvogl, die wohl aus wirtschaftlichen Gründen verödet ist. Und tippe den ersten Teil diesen Blogs ins iPhone. Da mir seit Dorfen bestimmt 250 Gramm insektoides Eiweiß in den Rachen gerast ist, bin ich nicht mal hungrig.

Ich werde nun in Kürze bei Richard und seiner Frau Brigitte klingeln. Spontan. Richard kenne ich seit 1977, wir waren damals gute Kumpels und haben im Markt Schwabener Zinklhaus sogar mal eine feine Landei-Party organisiert, mit Mädchen! An den Wänden hingen BRAVO-Poster, und es gab eine Lichtorgel. Es lief Je t’aime, der Schmuseklassiker, in welchem Jane Birkin unvergleichlich leidenschaftlich stöhnt. Dazu wurde Schieber getanzt.

Wir hatten viel Spaß, aber der war begrenzt, weil Richard eines Tages die schöne blonde Brigitte kennenlernte. Richard verliebte sich unsterblich und hat Brigitte schnell geheiratet, aber nicht nur sie. Sondern auch Herrn Jehova und seine kompletten himmlischen Heerscharen, weil nämlich Brigitte eine Zeugin Jehovas war. Das wars dann mit den irdischen Schmusepartys für Richard. Die Zeugen Jehovas sind gute Menschen, aber sie führen durchaus ein strenges Regiment. Und Richard wurde einer der eifrigsten. Eine Zeitlang wollte er mich missionieren, aber an mein Hirn lasse ich nur Wasser und edles Shampoo.

Auch wenn mir die Idee gefällt, dass Satan Dinosaurierknochen vergraben hat, um die Menschen in die Irre zu führen (Blendwerk der Hölle). Mir gefallen viele Ideen. Zum Beispiel noch, dass sich auf dem Obertaufkirchener Friedhof Klaus Kinski alias Nosferatu eingemietet hat, um der Bevölkerung den Garaus zu machen. Mit den Wirtsleuten Josef Pointvogl hat er bereits begonnen.

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Nun gut, ich habe bei Richard und Brigitte geklingelt, und er hat mich nicht erkannt. Klar. Mit Sonnenbrille, eng anliegender Radlerhose und langem verschwitztem Grauhaar – und mir außerdem ein paar Jahre nicht mehr ins Antlitz geschaut.
Aber gleich danach war die Begrüßung herzlich, und ich bekam auf der großen Gartenterrasse einen Russen als Getränk. Aber nicht nur das. Richard warf den Grill an, Brigitte und die bezaubernde Tochter Deborah brachten Bratkartoffeln und Tzatziki und Guacamole und Pitabrot, und die Würstl und das Fleisch und alles schmeckte ganz wunderbar. Brigitte und Deborah haben während der Speisung ungefähr 17 eifrige Stubenfliegen totgeschlagen, da kennen Jehovas Zeugen nichts.

Ich bin aufgenommen worden wie ein armer Pilgersmann, man hat mich genährt und bespaßt. Alsodann trat ich beglückt die Rückradelei nach Dorfen an, es gab noch etwas Fliegeneiweiß in den Rachen, aber damit muss man halt rechnen, wenn man München verlässt. Das Leben ist schön, und solange es so herrliche Dinge wie das Burschenvereinsplakat von Schwindkirchen zu entdecken gibt (und solange mir Luzifer, der ehemals strahlende Engel des Lichts, keinen Brontosaurierknochen vors Radl schmeißt), werde ich es noch ein wenig genießen.

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