vinyl3

Liebe Leser und Schallplattenfreunde,

dies ist die dritte Fortsetzung zum Thema „Tonträger einst und jetzt“ (siehe auch die Blogs 033 und 036).

Im August in den Süden zu reisen, nach Griechenland oder Sizilien oder nach Marokko: Das lieben die Menschen. Sandstrand, Palmen, bunte Cocktails und SONNE zuhauf! Selbst ein Zinkl, dessen Metabolismus derart programmiert ist, dass er bereits den Transpirationsvorgang einleitet, wenn er sich nur mal am Kopf kratzt, hat solche Visionen – auch wenn er sie keinesfalls umsetzen sollte. Aber man achtet halt nicht immer auf seine wahren Bedürfnisse.

Darum ist Zinkl mit seiner Pia und ingesamt 4 Töchtern (zwei von ihm, zwei von ihr) im August 2016 nach Zypern gejettet, um dort dem luxuriösen Clubleben zu frönen.
Pia noch vor der Reise:
»Hältst du das wirklich aus? Du verträgst doch die Hitze nicht.«
Zinkl noch vor der Reise:
»Jaja, diesmal halte ich es aus, ich werde es sogar richtig genießen.«

Er hat es genossen. Absolut. Während (in alphabetischer Reihenfolge) Aimeé und Aliya und Marlena und Pia im zyprischen Wüstengürtel am mittelländischen Meer brieten, bis deren rotbraunes Fleisch zu rauchen anfing, und während sich Linda am türkisfarbenen Clubpool mit Gleichaltrigen spaßend tummelte… währenddessen saß Zinkl in der angenehm klimatisierten Hotellobby am kleinen Computerterminal für die Touristen, um bedeutende Eruierungsvorgänge ablaufen zu lassen.

. . . . .

URIAH HEEP:
The Magician’s Birthday und Demons and Wizards. Legendäre Cover von Roger Dean. Look at Yourself mit der berühmten Spiegelfolie, diese scheinbar ohne Demolierungen?

YES:
Tales from Topographic Oceans und Relayer. Ebenfalls unverzichtbare Meistergemälde von Roger Dean.

KING CRIMSON:
Lizard: Mit Gold gedruckt, sieht aus wie neu – ein sehr seltener Leckerbissen. Aber über 100 Euro! Aus Rumänien.

GENESIS: Nursery Crime, Foxtrot und Selling England by the Pound. Drei Alben für die Ewigkeit.

EMERSON, LAKE & PALMER: Brain Salad Surgery. Komplett mit Poster und hervorragend erhaltener Aufklappstanzung. Wird nach meiner Retusche aussehen wie neu.

GENTLE GIANT:
In a Glass House. Die bedruckte Vorderseitenfolie sieht gut aus; scheint aber einen Gelbstich zu haben.
Three Friends
: Coverrückseite leider arg versaut. Evtl. retuschierbar? Mal sehen.

JETHRO TULL:
Thick as a Brick. Das originale Zeitungscover zum Auseinanderfalten – leider nur zerrissene Exemplare im Angebot. Inakzeptabel. Weitersuchen.

GRYPHON:
Gryphon (die erste) von 1973!!! Bestzustand. Aber sehr teuer, logisch.

. . . . .

Anfangs war der Plan, dass ich bei ebay nur ein paar wenige Vinyls ersteigere, welche ich als Jugendlicher schon mal besessen, aber – siehe Blog 036 – vor ein paar Jahren leichtsinnigerweise weggegeben hatte. Und zwar solche Juwelen, deren Cover besonders großartig und legendär sind und selbstverständlich – auch noch nach 35 bis 45 Jahren – bestmöglichst erhalten.

Aber wie das Leben so spielt, kam ich in einen Rausch hinein, für den ich nichts kann. Was soll man denn sonst auch machen, in einem verpalmten Ferienclub in Zypern, in dem es 35 Grad Celsius im Schatten hat. Im Pool paddeln? Am Meer den weichen Sand aufwirbeln? Schwitzend den Damen beim Braten zugucken, während trockener Sand zwischen den Zehen bröselt und juckt? Ach, kommt, Leute.

Nein, mein Platz war in der Hotellobby am PC, ohne Sand zwischen den Zehen, und was ich fand, euphorisierte mich über alle Maßen. Da gab es jede Menge Ebayer, die ihre gepflegten alten Vinyls loswerden wollten. Eine Dame bot sogar zahllose, völlig neuwertige und ungespielte Platten aus den 70er Jahren an, die ihr ein verstorbener Onkel hinterlassen hatte, welcher Schallplattenhändler gewesen war. Ein göttliches Erbe. Meine Onkels waren Busfahrer und Zimmermann gewesen. Unbrauchbar.

Freilich ernüchterte mich anfangs, dass die Leute wussten, was sie zu verlangen hatten. Top erhaltene Raritäten kosten! Da musste ich über meinen geizigen Schatten springen. Der finanzielle Aufwand würde wohl unermesslich sein. Aber schaut ein passionierter Sammler von antiken Motorrädern aufs Geld? Nein, er stapelt die edlen Maschinen solange in seinen Garagen, bis er pleite ist.
Meistens akzeptierte ich gleich die Festpreise, um lästige Auktionszeit zu sparen. Aber hier und da musste ich das gemeinsame Abendessen mit den fünf Grazien verlassen, weil ich wichtigen Auktionen kurz vor Schluss noch beiwohnen wollte, um dann mit dem Selbstbewusstsein eines Millionärs zuzuschlagen.

Ich würde mir keine Harley Davidson zulegen, sondern meinen gesamten verlorenen Schallplattenbestand wieder zurückholen. Und diesen üppiger und prächtiger als je zuvor ausgestalten – mit Exemplaren, die ich mir damals als 14-Jähriger nicht leisten konnte. Hahaa! Ich hatte natürlich noch exakt im Kopf, welche der vielen hundert Vinyls ich damals besessen hatte und welche nicht. Diese galt es nun in aufwändiger Sisyphosarbeit weltweit aufzustöbern und ins traute Heim zu transferieren.

Der Urlaub war wunderschön, die Tage vergingen viel zu schnell. Schließlich musste ich nach einer knappen Woche in den sauren Apfel beißen und meinem geliebten Aldiana-PC Goodbye sagen. Danke dir, du liebes Gerät! Du hast mich glücklich gemacht und wirst mir unvergessen bleiben.

. . . . .

Als ich wieder zu Hause war, wurden die Herren von diversen Kurierunternehmen zu mein besten Freunden. Besonders ins Herz schloss ich den blaugekleideteten Hermes-Osteuropäer, denn er brachte im Laufe der kommenden Wochen die allermeisten Geschenke.
Nicht immer lief alles glatt. Eine Sendung aus der Steiermark (Osibisa: Woyaya) dauerte viermal so lang wie eine aus Japan (Grateful Dead: Blues for Allah): Die Afrikaner waren vermutlich durch ganz Österreich geschleust worden, bis sie bei mir in München eintrudeln durften.
Aber eines muss ich lobend erwähnen: So gut wie alles kam letzten Endes an – ob aus Kanada (Peter Hammill: Over), aus der Schweiz (Greenslade: Spyglass Guest) oder aus Großbritannien (Frank Zappa: Burnt Weeny Sandwich). Aus den USA bekam ich sogar eine Seltenheit von 1987, die noch verschweißt war (Startled Insects: Curse of the Pheromones)! Unglaublich. Besser als „Mint“.

Anmerkung: Bei gebrauchtem Vinyl bedeutet „Mint“: fast wie neu. Danach kommen: „Near Mint“, „Very Good Plus“, „Very Good“, „Good/Good Plus“, „Poor/Fair“. Für meine Bestellungen war „Very Good Plus“ die Mindestoption, und selbst da war das Cover oft schon leicht lädiert und musste von mir mit Buntstiften und verschiedenfarbigen Fineliner-Filzern retuschiert werden.
Pia wandte ein, mit meinen Retuschen würde ich mit unlauteren Methoden den Originalzustand verändern. Aber ich sage dazu: Der Originalzustand ist durch Abgegriffenheit, Schmutzflecken und sonstige Versaubeutelungen sowieso dahin, also muss ich da halt etwas manipulieren, damit das Cover wieder aussieht fast wie neu.

. . . . .

Nun braucht der fassungslose Leser nicht glauben, dass mein Vinyl-Projekt nach Zypern schnell zu Ende gehen würde. Mitnichten. Dies war der Auftakt gewesen. 700 ausgesuchte Raritäten herbeizuzaubern bedarf einer gewissen Geduld und Zielstrebigkeit. Man muss Listen führen, um nicht die Übersicht zu verlieren. Man muss tagtäglich auf die Suche gehen, nicht nur bei ebay. Man muss länger ausstehende oder falsche Ware anmahnen. Kommt vor.

Aber man lebt dafür auch fröhlich mit täglichen Postlieferungen, und jedes Mal ist es eine Überraschung, meist eine positive. Nette Verkäufer geben sogar ein billiges Gratis-Album dazu, man braucht es nicht, aber es ist erfreulich.
Eine Harley kommt nur einmal. Doch monatelang fast täglich eines oder gleich mehrere quadratische Päckchen zu erhalten, das ist schon eine immense Freude.

Nach ungefähr einem Jahr neigte sich das leidenschaftliche Projekt dem Ende zu. Die Lieferungen wurden spärlicher, ich musste der Aktion leider ein Ende setzen – auch deshalb, weil ich in meinem Heim einfach keinen Platz mehr hatte für noch mehr Schallplatten in übersichtlicher Sortierung.

Vor allem aber hatte ich alles, was ich wollte. Sogar solche extrem seltenen Sahnestücke wie Donald Fagens Kamakiriad von 1993 und Elvis Costellos When I Was Cruel von 2002. Dazu muss man wissen, dass in den 90ern und Nullerjahren kaum noch Vinyl gepresst wurde. Und die wenigen bedeutenden Alben aus dieser Zeit, die trotzdem in niedriger Auflage als traditionelle Schallplatte erschienen, waren inzwischen begehrte Sammlerobjekte. Aber ich gab gerne einen Hunderter aus für eine Scheibe, die in 30 Jahren vielleicht das zwanzigtausendfache wert sein wird. Das wird meine Rente aufstocken oder meine Töchter reich machen. Das mag etwas zu hoch geschätzt sein, aber weiß man’s?

. . . . .

Nun wird vielleicht am Ende noch die Frage auftauchen: Hat denn der Zinkl diesen ganzen Vinylberg auch mal einer guten Nadel anvertraut?
Dieses Thema und noch mehr spannende Detailinformationen zu den Schallplattenhüllen gibt es im vierten Teil von „Revival“, welcher vermutlich nur mehr für Vinyl- und Coverfreaks von Interesse sein wird, aber scheiß drauf. Demnächst in diesem Theater!

 

zypernsextettDie fünf Grazien und das Faktotum

abstand-linie