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Liebe Leser,

Am 30. Mai hatte ich den Nachmittag frei (das kann vorkommen als Selbständiger – und es reimt sich sogar!) und bin munter Richtung Marienplatz gelatscht – es war ein bayerischer Sommertag par excellence. Den Rücken stabilisierte der Lederrucksack aus Venezia, den ich sehr ins Herz geschlossen habe. In der Hosentasche schlief der iPod.

Als mir die Sonne auf das Hirn knallte, schaltete ich Gustav Mahlers „Das klagende Lied“ zu – ein relativ unbekanntes Stück aus seiner Zeit noch vor den Sinfonien. Sehr malerisch, wuchtig sinfonisch, mit Gesangssolisten und Chören. Erhebend, wenn man auch das Pathos liebt. Die Sinfoniker aus San Francisco taten ein gutes Werk in meinem Kopf.

In der Münchner Fußgängerzone, nicht weit von der Sportscheck-Kathedrale, drang christlicher Singsang durch meine feinen Teufel-Kopfhörer hindurch – und tatsächlich: Eine Gruppe Teenager-Christen hatte sich gehordet, um die Fußgängerzonenmenschen zu Jesus zu bekehren.
Ich registrierte, dass die jungen Leute ein wenig aussahen, wie züchtige Gläubige aus einer dieser biedereren Illustrationen einer 30 Jahre alten Ausgabe des „Zeugen Jehova-Wachturm“. Dagegen muss man wirklich nichts haben – es gibt ja schließlich genügend andere junge Menschen, die – christlich eher weniger missionarisch – ihre körperlichen Reize in die Gegend schleudern, auf dass man deren Schönheit erkenne.
Wie heißt nochmal dieser neue Begriff? Von den beiden lieblosen Rapperteufeln ins Gespräch gebracht: Der definierte Körper. Hah, da brauche ich bloß an meiner Wampe herabblicken, dann weiß ich, was ein undefinierter Körper ist. Aber das ist ein ganz anderes Thema …

Hundert Meter weiter stand ein junger Mann mit einem großen, hohen gelben Schild herum. Auf diesem stand:
„FÜRCHTE GOTT und halte seine Gebote“.
Ich war gut drauf, mit Gustav zusammen, wollte mir eigentlich eine Cargo-Short kaufen. Aber dieser junge Typ in seinem aprikosenfarbenen Hemd und dem marktschreierischen Schild triggerte mich dermaßen an, dass ich mich ihm näherte – wie magnetisch angezogen. Darauf wartete er ja nur.

Ich sagte ihm gleich, dass Angst das Schlimmste sei, was man dem Menschen zumuten könne – und mit seinem „FÜRCHTE DICH“ wäre er schon mal ganz verkehrt bei der Sache. Dann laberte ich ihn sturzbachartig damit voll, dass Gott eine reine Fantasie der Menschen sei und dass … blablabla.
Der arrogante Atheist halt. Und der niemals wankende Bibeljünger. Thomas hieß er und er war nett. Ich war auch nett. Wir haben uns nett unterhalten, aber keiner gab um ein Jota nach in seiner beinharten Überzeugung.
Ich konnte ihn nicht ganz davon überzeugen, dass er mich nicht würde überzeugen können, von seinen Bibelwahrheiten. Bibeljünger glauben ja jedes Wort wortwörtlich aus der Bibel. Jedes. Es ist furchtbar. Ich lerne doch die „Herr der Ringe“-Trilogie auch nicht auswendig und sage dann, das ist alles in echt so gewesen. Ist doch wahr.

Schließlich bot er mir eine unangenehme Option an:
Wenn ich glauben würde, dass nach dem Tode rein gar nichts mehr kommen würde, nur Leere ohne jegliches Bewusstseinsempfinden, dann könnte ich das evtl. am Sterbebett bereuen. Aber dann wäre es zu spät! Dann wäre ich mindestens dem Fegefeuer ausgeliefert. Ein Jammertal.

Das muss doch nicht sein! Nach der Peitsche nun das Zuckerbrot:
Wenn ich aber (es sei jetzt noch nicht zu spät!) anfangen könnte, Gott zu suchen und zu finden, dann würde ich mir auf jeden Fall die Ewigkeit sichern. So als Gutschein gewissermaßen. Du ziehst auf dem Totenlager deinen Gutschein raus und bekommst die Ewigkeit dafür. Wie diese aussehen würde, konnte mir Thomas zwar nicht erklären, dafür war unser Gespräch zu kurz. Man lese jedoch Stephen Kings Roman „Revival“, dann weiß man Bescheid: wie es endet.

Ich habe Thomas meine Visitenkarte gegeben, damit er meine Blogs liest, dann haben wir uns nett verabschiedet, der 58-jährige und das christliche Söhnchen, welches die richtige Clique für sich gefunden hat. Ich wünsche ihm, dass er sich verliebt und glücklich wird, mit einer Johanna oder Agatha oder Felicitas – und natürlich mit Jesusgott, vor dem er sich nicht fürchten muss, weil er ja die Gesetze befolgt.

Ich spazierte mit Gustav zum C&A und kaufte – total verwegen – eine superextrasexy Jeans-Short mit zwei dekorativ geflickten Löchern. Meine erste definierte Jeans! Schluss mit dem Modedünkel (siehe auch Blog 031).

Und dachte mir beim Finale von „Das klagende Lied“: Gustav Mahler hat es geschafft, er hat für mich ein Ticket für die Ewigkeit angefertigt. Das wird mein Passagierschein sein, wenn ich mich euphorisch vom Sterbebett aufrichten und barfuß in den lichten Tunnel hineintapsen werde.
Allerdings: Das Werk endet erschreckend mit einem mächtigen, unheilvollen Donnerschlag. Ob so die Glocke ins Paradies erklingt? Oder ist es eher Luzifers Vorschlaghammer, der mir ans Hirn knallen und mich die Treppe runterschmeißen wird, ziemlich weit nach unten?
Na ja, dem jungen Gustav hat das halt Spaß gemacht, ich baue in meine Musik ja auch gerne dramatische Effekte ein.

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