simmerlein

Liebe Leser,

dies ist der stark gekürzte Bericht über den Bau eines Eigenheims mit Garten.

Ungekürzt wären es 50 Seiten, aber das ist schwer auszuhalten. Auch für mich. Man möchte doch die düsteren Erinnerungen nicht wieder in solcher Monumentaliät hochschwappen lassen, auf dass sie einen ersäufen. Auch in gekürzter Version ist es immer noch brutal.

Doch alles der Reihe nach.

Im Jahre 2006 fanden meine damalige Gattin Kiki und ich, dass es schön und bedeutend für unser dreijähriges Töchterlein sein könnte, in einem hübschen Haus mit Garten aufzuwachsen. Ein Eigenheim, aus dem uns nichts und niemand vertreiben können würde! Das war ein mächtiges Vorhaben, welches nicht nur die Ersparnisse auffressen, sondern auch einen ordentlichen Schuldenberg generieren würde. Ich dachte mir, das ist zu packen, ich war ja ein gut verdienender Grafiker. Welch’ ein herrliches Abenteuer!

Herr Grossmann war ein unglaublich sympathischer älterer Herr, der eine feine Sprache pflegte und uns die Pläne für einen modernen Vierspänner darlegte. Er zeigte uns innovative Computeranimationen der geplanten Innenräume, und das sah doch ganz verheißungsvoll aus, wirklich großzügig.
Dass ich Trottel auf realitätsferne Weitwinkelansichten eines Badezimmes hereinfiel, in welchem man keine zwei Schritte geradeaus machen können würde, ohne sich die Zehen blau zu stoßen, ist wohl einerseits dem Charme des Bauunternehmers Grossmann geschuldet, anderseits der Tatsache, dass ich eben ein Trottel bin.

Wir erwarben das teurere Eckhaus mit Terrassen- und Gartenfläche, Westseite, weil uns Grossmann schnell überzeugen konnte, dass wir bei einem Mittelhaus mit einem Garten in Badehandtuchgröße auf Dauer nicht glücklich sein würden. Unser Haus sollte schwindelerregende 450.000 Euro kosten. Zahlbar in Raten – je nach Bauabschnitt. Im Sommer würde ausgehoben werden, im Frühjahr darauf könne man bereits mit Kind und Kegel einziehen.

Ich war fasziniert und fuhr fast jeden zweiten Tag zum Simmerleinplatz in Moosach, um die Voranschreitung des Domizils zu beobachten und freilich auch zu kontrollieren. Der Simmerleinplatz ist ein Traum von einer Wohngegend: ein ganz kleiner Park voller hoher Eichenbäume, sehr idyllisch, um welchen sich ein ruhiges Sträßlein windet. Am südöstlichen Eck war Raum freigemacht worden – auch für unser kleines Schlösschen. Die Gegend hatte dörfliches Flair und war doch so stadtnah; bei gutem Wetter würde ich mit dem Rad ins Büro fahren können.

Es dauerte, bis die Kellergeschosse des Vierspänners ausgehoben waren. Ich zweifelte am Timing von Herrn Grossmann, aber die Firma Planbau aus Suhl in Thüringen schien alles im Griff zu haben. Der Bauleiter hieß Manfred Henkel und war der Typ „freundlicher Bär“, mit dem man sich besprechen konnte. Mein Kontaktmann für die nächsten 30 bis 40 Wochen. Einen Architekten habe ich nie gesehen – ich vermute, es gab entweder keinen, oder aber er war völlig uninteressiert an der Sache.
Waren Grossmann die bayerischen Baufirmen eigentlich alle zu teuer? Suhl ist kein schönes Wort.

M. Henkel & Co. fingen im Frühherbst mit den Ziegelsteinen an – es wurde interessant. Als vom Erdgeschoss die ersten beiden Reihen standen, war herrliches sonniges Wetter. Die kleine Familie machte einen Wochenendbesuch auf der menschenleeren Baustelle und ich betrat unser künftiges Wohnzimmer. Dreieinhalb Schritte von der West- zur Ostwand. Mich beschlich ein panikartiges Magengefühl, welches man als Schüler kennt, wenn man vor der Matheschulaufgabe sitzt und völlig blank ist.

Ich musste mich beruhigen. Klein aber fein. Klein aber mein. Die Details würden es bringen. Wertige Fliesen, ein edler Parkettboden, eine stilvolle Einbauküche. Es würde etwas teurer werden als geplant, damit war zu rechnen. Ja mei.

Nun ging es zügig voran. Als die Decke zwischen Erdgeschoß und erstem Stock eingezogen war, erkannte ich, dass von den dreieinhalb Schritten noch ein zugegeben enger Schacht für das Treppenhaus abgezogen werden musste. Normalgroße Möbel würde man vermutlich mit dem Kran durch die schmalen, aber zimmerhohen Fenster ins Haus holen müssen, noch bevor deren schmucke Außengeländer angebracht waren.

Ich plante wie besessen den exakten Standort von Steckdosen und wollte außerdem im Wohnzimmer die Lautsprecherkabel unter Putz gezogen haben. Daher schrieb ich ausführliche Dissertationen über diese und andere Sonderwünsche, zeichnete Zusatzpläne, alles ordentlich vermaßt. Mein Hobbyraum im Keller für das geplante Heimkino mit Beamer und für meine elektronische Musikanlage war auf die Größe eines begehbaren Kleiderschranks geschrumpft. Verzweifelt zeichnete ich immer neue Verteilungspläne für die Möbelstücke, aber es war aussichtslos. Es war, als wolle man in einem Hamsterkäfig ein Nutria unterbringen.

Als das Haus bis ganz oben hochgeziegelt war, erkannte ich, dass wir in einem Turm leben würden. Fast jedes Stockwerk hatte immerhin einen kleinen Balkon Südseite, vom obersten blickte man schwindelerregende elf Meter in die Tiefe. Es ist ja bewiesen, dass Treppensteigen extrem gesund ist – wir konnten in diesem Haus nicht krank werden. Hier, ganz oben, auf dem 1 qm-Balkon, würde mein Aussichtspunkt sein. Runterkommen vom Stress des Arbeitstages, in der Ferne einen kleinen Sonnenuntergangsausschnitt bewundern, ein Bierchen trinken, welches ich gefühlte 100 Stufen hochgetragen hatte.

Bevor es zu spät sein würde, ließ ich von den Maurerleuten an der Westwand noch das Badezimmerfenster im 1. Stock um 30 cm versetzen. Der Architekt hatte es nämlich meiner Ansicht nach mit verbundenen Augen in den Plan eingezeichnet. Kleiner Aufpreis für diese Aktion.

Irgendwann, als das Verputzen der Innenwände begann, wurde mir bewusst, warum für das Haus überall eine Fußbodenheizung geplant war: Wegen der zimmerhohen Fenster war schlicht und einfach nirgendwo Platz für Heizkörper. Für Schränke allerdings auch nicht. Herr Grossmann hatte nie darauf hingewiesen, dass er Häuser für möbellose Wichtelwesen erschuf. Es gab nur eine Möglichkeit: Einbauschränke, die den wenigen Platz optimal nutzen konnten, auf den Zentimeter kompliziert angepasst vom Schreiner. Sie würden die Kosten weiter in die Höhe treiben. Ich musste mir wohl meine Lebensversicherung vorzeitig auszahlen lassen.

Teil 2 der bitteren Mär folgt nächste Woche.