51_single

Liebe Leser,

nachfolgend der dritte und letzte Teil meines praktischen Ratgebers zum Online-Dating.

Nachdem wir gelernt haben, wie wichtig es ist, das eigene Online-Profil in Wort und Bild mit kluger Überlegung zu präsentieren, wollen wir nun den entscheidenden Schritt wagen. Wir wollen uns trauen – nein! Noch nicht vor dem Altar oder dem rührigen Standesbeamtler, das ist zu früh – wir wollen uns lediglich trauen, einen Brief zu versenden an eine unbekannte Frau. Warum ausgerechnet an eine Frau? Ja, weil der Autor nicht schwul ist, ist das so schwer zu kapieren? Also!

Man merkt, ich bin gestresst bei diesem Thema. Habe ich doch im vergangenen Sommer gefühlte 586 Briefe an diverse Damen verschickt. Bekam ich Antworten auf meine wohlgeformten literarischen Werke? Nun, ich würde sagen: Still ruht der See – seltene Ausnahmen bestätigen die Regel.

Es verhält sich grausamerweise auch in dieser Zone der Umgarnung genau so, wie bei den täglich eintrudelnden Werbeprospekten – die man aus seinem Briefkasten direkt in die Papiertonne entlässt, ohne sie eines Blickes zu würdigen. Dabei wurden in diese Kunstwerke der Werbung viel Überlegung und Energie eingebracht – die die Angebalzte allerdings mit hoher Geringschätzung einfach entsorgt. Damit muss man immer rechnen, wenn man sich um diesen Job bewerben will: um den Job des potentiellen Lebensabschnittspartners, um den Job des Liebhabers, meinetwegen nur um den Job des versierten SalsaMamboSambaHulatänzers. Es ist ein mühsamer Canossagang, wenn der alte verkratzte Topf einen polierten Deckel mit einer Einfassung aus Saphiren haben will.

Da ist Mann aber selbst schuld. Wenn er nur die vermeintlich schönen und hübschen und jüngeren Damen unaufgefordert anschreibt, mit gestelzt-posiert lockeren Worten, muss er sich nicht wundern, wenn kein Feedback kommt. So leicht ist ein Maserati nicht zu gewinnen! Vor allem, wenn man (ehrlicherweise) nur das Budget für einen Fiat Punto 188 hat.
Eine greißliche (Entschuldigung: nicht ganz so fotogene) Frau meldet sich dafür in der Regel blitzartig. Der Autor hat das versuchsweise ausprobiert. Ja mei – das gnadenlose Prinzip von Angebot und Nachfrage gilt halt auch im Supermarkt der Sehnsüchte.

Zinkl findet jedoch, es ist ein Gebot von Anstand und Höflichkeit, grundsätzlich zu antworten – und wenn man nur ein kurzes „Viel Glück bei deiner weiteren Suche“ anmerkt. Er hat bei den sehr seltenen Anfragen an seine Wenigkeit immer freundlich abgesagt – das gehört sich doch so, auch wenn Mutter Beimer anklopft.
Dafür haben ihm auch einige aparte Ladies total lieb – einen Korb überreicht. Ein großer Trost ist das allerdings nicht. Eigentlich ist es dann fast besser, man bekommt keine Antwort.

Wenn der testosterisierte Aspirant ein wenig seinen angefrusteten Verstand bemüht, sollte ihm klar werden: Er ist nicht der einzige, der sich bei der wunderschönen Pink Lady um einen Job bewirbt. Da gibt es Hunderte, die ihre smarten Angebote abgeben. Und Pink Lady selbst? Die sortiert gestresst und überfordert aus – und ist am Ende komplett ratlos, weil sie ja nicht wissen kann, wer hinter den Bewerbungen steckt. Ist es ein netter Kerl oder ein faules, fieses Ei? Die hat es also wahrlich nicht leicht, die begehrte Pink Lady. Und greift sich mit gewisser Wahrscheinlichkeit ein paar ganz raffinierte, aber falsche Fuffziger heraus. Bis sie merkt, dass alle Männer Schweine sind. Oder unerotische Zwergpapageien.

. . . . .

Irgendwann ist es plötzlich soweit, ganz unverhofft: Karl (56) bekommt eine Antwort von einer sympathisch wirkenden Frau, die er angeschrieben hat. Und muss sich nicht mehr fühlen, wie ein Stück Dreck, welches niemand am Schuh kleben haben will. Obwohl er zahlreiche Sätze in originellem Deutsch, aber orthografisch korrekt niedergeschrieben und all sein romantisches Herzblut vergossen hat, kommt als Antwort:
»Wir können uns gerne treffn. LG Corina.«
Keine persönliche Anrede, kein Terminvorschlag. Aber immerhin weiß Karl jetzt, dass „LoveMiTender43“ Corina (nur mit einem n?) heißt. Man nähert sich an. Er ist euphorisch und antwortet:
»Liebe Corina, es freut mich sehr von dir zu hören! Wie wäre es mit einem Treffen nächste Woche? Ich kenne ein Café in Schwabing, in dem wir uns bestimmt wohl fühlen werden. Liebe Grüße, Karli«
Nach einer Woche schreibt Corina zurück:
»Du Peter, ich glaub, wie passen nicht zueinander. Machs gut. VG Corinna«.
So geht Online-Dating.

Ich möchte natürlich niemanden davon abhalten, seine eigenen Erfahrungen zu machen. Und tatsächlich kann es auch ganz anders laufen:
Karl ändert sein Profil. Er wird jetzt provokant sein. Er beschreibt sich so, als wäre er ein Alien von einem fremden Planeten, welches hier auf der Erde gestrandet ist und sich versucht anzupassen. Das Profil wird enorm witzig und unverwechselbar. Aber keine Sau teilt diese Ansicht. Die meisten Frauen wollen mit einem SciFi-Freak keinen Kontakt haben.

Halt! Bis auf eine! Tanja (42) findet das sehr komisch, sie steht auf originelle Typen. Sie ist total voll hübsch auf ihren Fotos und intelligent und witzig. Karl und Tanja haben enormen Spaß mit ihrem Briefwechsel – erst wird täglich mehrmals geflachst über die Alien-Story, dann entwickeln sich freundschaftliche Gefühle und schließlich, nach zwei Wochen, ist Tanja schon total voll verliebt in Karl, weil er so einfühlsam und lieb formuliert. Karl ist komplett durch den Wind, einen solchen Sturm an Zuneigung hat er noch nicht erlebt. Endlich hat er seine Traumfrau gefunden. „Geduld ist bitter, aber ihre Früchte sind süß“ – so dichtete einst ein sehr kluger Mann.

Karli und Tanjalein planen bereits ihr Leben miteinander, da kommt Karl auf die Idee, dass man sich doch auch mal treffen könnte, in echt. Sich in die Augen schauen und so. Tanja hat Bedenken, sie schreibt:
»Was ist, wenn es nicht so schön wird, wie wir uns das vorstellen?«
Karl: »Wir kennen uns doch bereits total gut. Und haben uns auf Fotos gesehen. Das kann doch nur super werden.«
Tanja lässt sich überzeugen. Man will nicht vorher telefonieren, damit die Überraschung vollkommen wird. Die beiden vereinbaren ein Treffen im Biergarten am Lerchenauer See – da gibt es Plätze direkt neben dem Wasser. Und Steckerlfisch.

Karl und Tanja zählen die Stunden bis zu diesem Freitagabend. Sie sind aufgeregt und voller Vorfreude. Als sie sich dann endlich sehen, läuft es so:
Karl findet Tanja noch hübscher als auf den Fotos. Eine tolle Frau! Vielleicht ein wenig zu jung für ihn, aber was soll’s. Tanja ist etwas verhalten. Die beiden gehen eine Viertelstunde spazieren, danach setzen sie sich auf eine Bierbank. Aus Tanja platzt es nun heraus:
»Karl, es tut mir so leid, es geht nicht. Du bist ein total sympathischer und netter Mann, echt attraktiv und witzig und zuvorkommend. Aber du erinnerst mich total an meinen alten Onkel Peppi. Ich kann das nicht. Mir tut es wahnsinnig leid, aber das wird nichts mit uns beiden. Wir können hier noch etwas sitzen bleiben, aber ich weiß nicht, ob das was bringt.«
Man verabschiedet sich mit etwas ungelenker Umarmung.
Tanja weint sich zu Hause die Augen aus – und Karl fühlt das große schwarze Wurmloch in sich.

Was lernen wir aus dieser unerquicklichen Geschichte? Wir lernen, dass ein sehr langer und inniger Briefkontakt zwischen Fremden eine kontraproduktive Maßnahme ist, wenn es darum geht, nach einer Liebesbeziehung mit erotischer Komponente zu streben. Denn die Protagonisten entwickeln während dieser Zeit des Briefaustauschs starke Hoffnungsfantasien und erschaffen sich darin ideale Partner voller Schönheit und mit mächtigem erotischem Charisma. Da kann die Realität einpacken. Wenn man sich dann endlich leibhaftig gegenübersteht, könnte die Ernüchterung brutaler nicht sein. Wobei: Karl wäre ja voll total zufrieden gewesen mit Tanja.

. . . . .

So ist das mit dem Online-Dating. Morastige Sümpfe, verrostete Bärenfallen lauern überall. Man muss einstecken können.
Und dennoch soll es auch zu Happy Endings gekommen sein. Man möchte es kaum glauben. Man kann jedem Single nur empfehlen, es zu versuchen. So wie man wöchentlich seinen Lottoschein ausfüllt, um den Jackpot zu knacken. Einer gewinnt auf jeden Fall immer: die Bank, das www-Portal der unerfüllten Sehnsüchte.

. . . . .

Damit endet dieser Dreiteiler, und Zinkl hofft, er hat ein wenig geholfen, dem Online-Dating seinen Schrecken zu nehmen. Er selbst zumindest hat sein Mädel gefunden. Und ist sauglücklich. Sie vielleicht auch.

abstand-linie

Hier zum Thema noch zwei Cartoons aus alter Zeit:

cartoon-02x_538x538

cartoon-09_538x538

abstand-linie

Mit dem nächsten Blog Nr. 052 ist das erste Zinkl-Blog-Jahr vollendet. Ein Jubiläum! Wir wollen den Champagner entkorken!

abstand-linie