dulox

Liebe Leser,

wenn es dem grundvernünftigen Atheisten mal so richtig dreckig geht, dann fängt auch er an zu betteln. Bei einem Gott, den er für kompletten Unsinn und eine Vorstellung eines konfusen Geistes hält. So geschehen dem Herrn Gustav.

Aber erstmal: Woher kommt denn dieser fröhliche Spruch überhaupt? Wenn Gustav seine Musikbibliothek poliert, so wie es der Modelleisenbahn-Connoisseur genussvoll mit seinen kleinen sexy Märklin-Lokomotiven betreibt, kommt ihm dieser Vers immer wieder mal unter.
Nun: „Aus tiefer Not schrei ich zu dir“ ist ein Kirchenlied von Martin Luther. Er schrieb es um die Jahreswende 1523/24 als Nachdichtung des Bußpsalms 130. Der göttliche Johann Sebastian machte 1724 daraus seine Choralkantate BWV 38. Für die Unwissenden: BWV bedeutet Bachwerkeverzeichnis. Auch andere Komponisten wie zum Beispiel der hervorragende Sigrid Karg-Elert verwendeten das Lied für eigene Interpretationen.

Also, Gustav gefällt dieser Spruch ganz ausgezeichnet. Ihm huscht da gleich eine expressive Bildvision eines armseligen Menschenwürmchens in den Geist, welches in größter Pein nur noch einen Ausweg sieht: Das Anbetteln eines Gespenstes um Hilfe und Linderung aus dem aktuellen Daseinsschreckens. Es gibt dafür ein sehr schönes Emoji, das ich hier nicht versäumen möchte, abzubilden:

weini

Was aber ist denn Gustav so Schlimmes passiert, dass er keinen anderen Ausweg mehr sah, als den „lieben“ Gott anzuheulen? Das soll hier nicht unerwähnt bleiben.

Gustav konnte sich eines Tages beim Telefonieren nicht mehr konzentrieren. Er verlor beim Gespräch den „roten Faden“ und fiel in ein sekundenlanges Wurmloch, als wäre in seinem Hirn die Sicherung rausgeflogen. Das war für den Gesprächspartner weniger dramatisch, als für Gustav selbst – welcher sich nach mehrmaligen solcher Vorfälle dachte, nun würde ihn frühzeitige Demenz oder Alzheimer oder ähnlich Unerfreuliches heimsuchen.

Gustav ging zum Hirnarzt Hundsbauer und ließ alles checken und scannen und röntgen und messen, aber zu seiner Beruhigung stellte sich heraus, dass es im Kopf nix Böses zu fotografieren oder zu messen gab. Er war pumperlgesund und der fröhliche Neurologe empfahl ihm einfach mal einen kleinen Urlaub.

Gustavs Hirn erweiterte sein Defizit relativ flott auch auf Gespräche unter vier Augen. Ständig entglitt Gustav das Thema, es entglitten ihm die Worte, er tapste für kurze Momente in offene Kanalschächte, suchte blindlings nach verlorenen Schubladen im Kopf und kam sich vor wie ein Rhesusaffe, der zu blöd ist, seinen Mund zu finden. Beim Schafkopfen glotzte er debil auf sein Blatt und versuchte die Leere mit Spaßbemerkungen zu vertuschen. Nach einer halben Stunde Smalltalk mit einem Freund war Gustav so erschöpft, als hätte er eine Doktorarbeit abgeliefert.

Auch wenn er alleine an seinem Computermonitor vor sich hin wurstete, kam es immer öfters vor, dass er auf einfache Anforderungen starrte, als müsse er außerirdische Hieroglyphen entziffern. Simples Multitasking machte ihn fix und fertig. Beim nächtlichen Autofahren ertrug er starke Lichtkontraste kaum mehr. Als er im Urlaub an der Hotelrezeption nur noch unter größter Anstrengung und in Zeitlupe fähig war, seinen Namen und sein Geburtsdatum ins Formular einzutragen, wusste Gustav: Es brennt lichterloh.

Weitere Konsultationen bei Hirndoktoren und bei recht unterschiedlich tickenden Psychoklempnern brachten keine Erkenntnisse. Weder der greise Klekhi-petra mit dem schwingenden Pendel und seinen subtilen Globolirationen halfen – noch der Grobpsychiater, der Gustav darauf hinwies, er solle sich gefälligst nicht so anstellen und sich ein Beispiel nehmen am Presslufthammermann auf der Baustelle, der jammere auch nicht rum bei Kleinigkeiten. Ein anderer Psychotherapeut glaubte ihm kein Wort und riet Gustav, er solle doch mal mit einem Lächeln durchs Leben spazieren.

Gustavs Hirn schreckte nicht davor zurück, weitere Modifikationen vorzunehmen. Ein ungut hart zudrückendes unsichtbares Brett schraubte sich auf Gustavs Stirn, der obere Kopfbereich fühlte sich an wie mit Watte ausgestopft, ein lähmendes Zombiedasein nahm seinen Anfang. Gustav war nur noch müde, er wachte müde auf, hockte müde am Computer und legte sich alle zwei Stunden auf die Couch, um dem Stirndruck zu entschlafen. Das Leben ging dem Ende zu.

Eines Abends drückte das Brett so arg, dass Gustav anfing zu weinen. Aus tiefer Not schrei ich zu dir, nun war es soweit. Ungeglaubter Gott, wenn es dich gibt, dann mach’ was, mach es weg. MACH ES WEG, sonst bring’ ich mich um. Gustav zog sich die Winterjacke an und ging um vier Uhr früh auf die Straße. Er lief herum mit seinem verdammten Wattekopf und dachte sich: Hätt’ste nicht gedacht, Gustav, dass es mit dir ein solches Ende nimmt, was? Das ist nun die Quittung für 50 Jahre Sorglosigkeit, du Arschloch, du verfluchtes.

Gustav ging erneut zum fröhlichen Neurologen Hundsbauer und verklickerte ihm, dass es wohl mit Urlaub nicht getan sei. Dieser wiederum erzählte ihm, dass Gustav keine Angst haben brauche, denn Demenz und Alzheimer hätten ganz andere Symptome zu bieten. Aber man könne mal ein klein wenig Chemie probieren. Ein klein wenig Chemie. Gustav, das Versuchskaninchen. Duloxetin! Psychopharmaka für den Ausgebrannten, für den Ausgeburnten, für den Depressiven, der ja eigentlich ein glückliches Leben hatte – bis auf seinen wattigen Watteschädel, der ihm die Denkautobahn sperrte.

Schon nach einer Woche Duloxetinschluckerei war Gustavs Zustand fast wieder wie früher. Ein medizinisches Wunder war geschehen. Gustav dankte jetzt nicht Gott, sondern der pharmazeutischen Wissenschaft. Die Götter der Chemie hatten es vollbracht.
Natürlich war es nicht wie früher. Die geistigen Aussetzer blieben, aber zumindest hatte sich Gustavs Stirnbrett verabschiedet. Das Duloxetin verursachte Durchfall, und um einen Samenerguss zu bekommen, musste man fast bis zum Herzinfarkt schuften. Aber Scheiß drauf, man muss halt Prioritäten setzen. Lieber kein Sex als schwachsinnig.

Gustav nahm die Pillen in zunehmener Dosierung fast drei Jahre lang. Der Durchfall verschwand, der Sex auch.

Seit zwei Wochen nimmt Gustav die Droge nicht mehr. Testweise. Mal abwarten, was kommt. Kommt der Wattekopf wieder? Eines jedenfalls ist bereits gekommen: die Libido! Hussa! Wenigstens das.
Gustav ist jedoch skeptisch. Aus Erfahrung weiß er nämlich: Nicht nur »shit happens«, sondern auch »shit stays«. Das hat er schon oft erlebt. Gott ist (so es ihn gibt) grausam. Er freut sich daran, wenn seine Kreatur leidet. Das findet er gut. Dafür hat er sie geschaffen, die Kreatur. Damit sie in tiefer Not zu ihm schreit.

Trotzdem ist Gustav vorübergehend sehr sehr glücklich. Er verschafft sich Befriedigung, er tut so, als würde das Leben weitergehen. Und wenn es ihm mal wieder so richtig dreckig gehen sollte, dann hört er sich BWV 38 an. Musik hat ja heilende Wirkung. Aus tiefer Not schrei ich zu dir. Jawohl. Es hört mich zwar keiner, aber schreien kann man ja mal. Möglichst laut. SCHREIEN.

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Nachtrag:
In einer früheren Version dieses Textes habe ich meine liebe Freundin und damalige Lebensgefährtin Pia falsch und sehr unfair miteinbezogen. Das tut mir wirklich leid, das war unüberlegt und dumm. Pia hat mich bestmöglich unterstützt, in dieser schweren Zeit. Danke dafür!