kripperl

Liebe Leser,

der Zinkl will aus aktuellem Anlass ein wenig nostalgisch tun und tatsächlich nicht besonders tief vergrabene Kindheitserinnerungen herausschaufeln, um sich daran zu erinnern, dass Weihnachten früher schön gewesen ist.

Im Markt Schwaben der 60er Jahre wohnten die Zinkls in einfachen kleinbürgerlichen Verhältnissen. Das bedeutet, dass die Christbaum-Tanne eine dürre Fichte war, lichtmäßig ausschließlich mit elektrischen Kerzen bestückt, und dass die Hl. Kripperlfamilie aus Hartgummi gefertigt war – dies, seit der kleine Zinkl denken konnte. Und das war auch gut so – anders wäre es falsch gewesen.

Doch der Reihe nach. Die absolute Mystik begann immer am 23. Dezember abends. Unser kleines Wohnzimmer, welches nur durch die Küche betretbar war, wurde von meinen Eltern plötzlich zum Hochsicherheitstrakt erklärt. Es zu betreten wäre für uns Kinder eine ungeheuerliche Tat gewesen. Durch die geriffelte Glasscheibe, die in die Wohnzimmertüre eingesetzt war, konnte man allerhöchstens geheimnisvolle Lichteffekte ausmachen – dahinter tat nämlich das Christkind höchstpersönlich seine gute Pflicht, während man uns Kinder in die viel zu verfrühte Nachtruhe abschob.

Der Tag der Tage zum Abend der Abende war dann jedesmal die zähflüssigste Zeit des ganzen Jahres. Teilweise durften wir nun auch die Küche nicht mehr betreten, sondern mussten bei Oma und Opa ausharren, deren Wohnraum ein paar Meter weiter gelegen war. Der (aus heutiger Sichtweise) schrottreife Schwarzweiß-Fernseher stand zur Unterhaltung sowieso nicht zur Verfügung, weil er sich ja im magischen Bescherungsraum befand.

Irgendwann, als die Spannung bis zur Unerträglichkeit gestiegen war, klingelte das berühmte Glöckchen und wir Kinder wurden in das feierliche Reich hineingelassen. Rudolf Schocks Sangeskünste umschwallten das herrlich dekorierte Gestrüpp – in den silbrigen Lamettafäden und den bunten Kugeln glitzerte das elektrische Kerzenlicht (welches man praktischerweise durch Drehen einer einzigen „Flamme“ an- und ausmachen konnte, was Zinkl liebend gerne tat).
Der berühmte kleine weiße Storch im Baum und ein prächtiger goldener Engel auf der Fichtenspitze machten die Inszenierung perfekt.
Darunter stand das göttliche Kripperl, vom Christkind dorthin bugsiert und mit viel Liebe arrangiert – und da lagen natürlich auch die Gaben. Die waren ganz klar das Bedeutungsvollste und wurden ziemlich hastig aus dem bunten Geschenkpapier herausgewühlt.

Zu den Geschenken, die mir in bester Erinnerung geblieben sind, zählen ein batteriebetriebender Roboter, der Brusttüren öffnen und mit schwerem Geschütz knatternd herausschießen konnte. Ich habe ihn heute noch, aber er hat im Kampf einen Arm verloren.
Wer leider nicht mehr unter den Lebendigen weilt: der mechanische Wollaffe, der auf eine kleine Blechtrommel eindreschen konnte und völlig unvorbereitet einen Salto rückwärts ausführte. Dieser aufziehbare Affe war für meine Schwester Cornelia der schlimmste Horror ihrer Kindheit. Bei den Saltos erschrak sie immer derart, dass sie weinen musste. Der Sadist Zinkl führte ihr das Kunststück so oft wie möglich vor, bis der böse Affe von unserer Mama weggesperrt wurde. Ach, diesen Affen hätte ich heute wahnsinnig gerne. Ein tolles Teil. Es kann gut sein, dass Cornelia auch mit 56 noch weinen müsste, wenn sie ihn arbeiten sähe.

Weihnachten war schon eine starke Zeit damals. Wenn der Fernseher nicht gerade eine Störung hatte und nur schwarzweißen Gries brachte, konnten wir Kinder die frühen Produktionen der Augsburger Puppenkiste sehen: Kater Mikesch! Dort spielte auch der tschechische Ziegenbock Bobesch mit. Dieser blöckte gerne laut: „Es is’ ma unmäääääääglich!“ Ich habe in diesem Jahrtausend meine langjährige Geliebte Pia so oft wie möglich damit genervt – sie hat es gehasst, wenn ich Bobesch grellst zitiert habe. Manche Dinge muss man tun, man muss sie einfach tun.

Das Markt Schwabener Kripperl bedarf noch einer speziellen Inspektion. Wenn die Weihnachtsgeschenke längst irgendwo nutzlos herumlagen, hatte der kleine Zinkl nachhaltig die größte Freude daran, die vorhandenen Protagonisten immer wieder neu und anders aufzustellen. Als lange Karawane beispielsweise, oder als spannungsvoll verteiltes Ensemble auf und um die schwarze Scheune. Frühe kompositorische Übungen.
Die Hl. Familie ertrug dies schadlos, denn – wie anfangs bereits bemerkt – war sie aus Hartgummi gefertigt und ist auch heute noch in bester Verfassung. Gummi sei Dank!
Dafür hatten wir aber Schäfer, Schafe und Hunde aus empfindlicherem Material – so manches Schaf verlor beim Gruppenspiel ein Bein und auch die beiden Schäferhunde waren ziemlich schnell amputierte Geschöpfe, die ihrer Schäferpflicht nicht mehr nachkommen konnten. Ich ärgere mich heute noch, wenn die dreibeinigen Köter immer wieder umfallen.
Irgendwann kam zu Ochs und Esel noch eine fette Sau dazu, das war der progressiven Denkweise geschuldet, die der kleine Zinkl schon damals ausleben musste.

Das Kripperl und seine Teilnehmer sind seit Jahren im Zinklarchiv gelagert, vielleicht baue ich es dieses Jahr gar nicht auf. Mir ist nicht danach. Wenn ich eines Tages Opa sein werde, ist es noch früh genug, die skurrile Heiligschaft wieder hervorzuholen, um die restlichen Schafsbeine zu riskieren. Und dazu Bobesch so laut blöcken zu lassen, dass die elektrischen Kerzen flackern.

»The magic has gone« sagte einst Peter Hammill, als er die frühen Jahre mit seiner Progressive Rock-Band Van der Graaf Generator hinter sich gebracht hatte. Dem kann ich leider auch seit Jahrzehnten nur zustimmen. Weihnachten ohne Kindheitsdasein ist lediglich ein lausiger Abglanz zauberhafter Tage voller Schönheit und Reinheit (nostalgisch verklärt, klar doch!).

Ich wünsche euch allen aber eine Weihnachtszeit mit möglichst wenig Abglanz, lasst es glitzern, so viel wie möglich! In euren Herzen – und seid lieb zueinander, das ist das Wichtigste. Ich hoffe, ich kann meine bescheidenen literarischen Geschenke im kommenden Jahr auch weiterhin verteilen – irgendetwas gibt es ja immer zu erzählen.

Danke, dass ihr mich lest 🙂

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