082_lechwiesen

Liebe Leser,

dies ist die Fortsetzung des Berichtes über die ungewöhnliche Kommunikation mit einem Herrn Huber in Schongau, bezüglich einer ebenfalls ungewöhnlichen ebay-Kleinanzeige. Bitte dazu den vorherigen Blog Nr. 082 lesen, um die Vorgeschichte zu erfahren.

Mir war am Sonntagmorgen, den 24. März, ziemlich mulmig zumute. Ich hatte niemanden aufgetrieben, der mich zu meiner Fahrt zu Huber begleiten konnte oder wollte. Christiane, die ja in Schongau wohnte, lag mit Grippe im Bett, ein Treffen mit ihr vor Ort war also auch keine Option.
Ich war schon am Überlegen, ob ich nicht besser hier in München bleiben sollte, mich in sicherem Umfeld bewegen, ein wenig Radlfahren bei dem schönen Frühlingswetter, zum Schwimmen gehen…

Aufgrund meiner dürftigen Faktenlage zu Huber geisterten mir die ärgsten Visionen durch den Kopf, als ich so gegen 10.30 Uhr auf der A96 meinem möglichen Unheil entgegenfuhr.

Es würde mich in Schongau in Hubers Straße ein auffällig kleiner und schmächtiger Mann in sein Haus bitten, er würde so ähnlich aussehen wie Nikolaus Paryla. Ein altes heruntergekommenes Haus mit kleinen Fenstern, die Vorhänge zugezogen. Huber würde sagen, ihm sei das Tageslicht zu grell. Er würde behaupten, er müsse ins Nebenzimmer, um den iPod zu holen. Zurück kommen würde er mit einer Faschingsmaske vor dem Gesicht, einer perfide grinsenden Schweinemaske. Noch bevor ich zu Tode erschrocken zu der Tür stürzen konnte, um zu flüchten, hatte er mir bereits Pfefferspray ins Gesicht gesprüht, dann wurde mir schwarz vor Augen.
Als ich erwachte, war mir schlecht, mir schmerzte der Hinterkopf. Ich war an eine alte Heizung gefesselt, mit Kabelbindern. Ich schien im Keller zu sein. Vor mir sah ich einen gedeckten Tisch mit Kerzenlicht, auf welchem ein kleiner Elektrogrill stand.
Huber schliff ein großes Metzgermesser und meinte, er würde jetzt damit beginnen meine Zehen zu nehmen, zu grillen und mit Tomatensalat zu verspeisen. Das wäre die Vorspeise …

Als ich auf der Autobahnraststätte Lechwiesen Nord, kurz vor Landsberg am Lech, Rast machte, hatte ich mich dermaßen in diese Kannibalenszene hineingesteigert, dass mir der kalte Schweiß ausgebrochen war. Ich saß mit Durchfall auf der Toilette und dachte mir: Jetzt kannst du noch umkehren, es ist noch nicht zu spät. Auf meinem Beifahrersitz lagen die beiden Packungen Drynites 8 – 15, und ich spielte mit dem Gedanken, eine Packung aufzureißen, um mir eine der Windeln anzuziehen, wegem dem Durchfall.

Ich schickte Huber von meinem Handy aus eine E-Mail.
Hallo Herr Huber, ich komme etwas später, tut mir leid, aber ich hatte Stau auf der Autobahn.

Huber antwortete sofort:
Beeilen Sie sich

Das war wieder diese unpersönliche und befremdend reduzierte Art und Weise, mit der Huber schon die letzten zwei Wochen mit mir kommuniziert hatte. Was war das nur für ein Mensch? Hatte ich es nötig, mich mit einem solchen Typen abzugeben? Ich schrieb zurück:
Hallo, ich bin in einer halben Stunde da. Aber ich möchte, dass wir den Tausch an meinem Auto machen. Ich will ihre Wohnung nicht betreten, in Ordnung?

Ich kann das Haus nicht verlassn

Wieso, Herr Huber, sind Sie krank oder sitzen Sie im Rollstuhl?

Beeilen Sie sich

Wahrscheinlich war Huber ein armer Kerl, der keinen Menschen auf der Welt hatte und dringend Windeln benötigte, weil er inkontinent war. Seine einzige Chance, die er gesehen hatte, um Hilfe zu erhalten, war es gewesen, seinen wertvollen iPod touch 128 GB gegen zwei Packungen Drynites 8 – 15 Jahre anzubieten. Irgend eine gute Seele würde darauf schon eingehen. Oder ein geldgeiler Typ, der die Notlage eines bemitleidenswerten Mitmenschen ausnutzen wollte. Der es eigentlich gar nicht nötig hatte, einen solchen unfairen Handel zu betreiben. Ich war der Schuft, nicht Huber.

Schließlich erreichte ich diesen Ort Schongau, der mir völlig fremd war. Nun kam mir viel zu spät die Idee, dass ich in München mein e-Bike hinten auf den Smart hätte draufpacken sollen, wozu besaß ich einen Fahrradständer für solche Aktionen. Nun hätte ich mit dem e-Bike bequem den Ort erkunden können, das macht wesentlich mehr Spaß, als dort mit einem Kfz herumzugurken.
Wenigstens war das Wetter sonnig, ganz im Gegensatz zu meiner Stimmungslage, die ganz beschissen war. Was für eine saublöde Idee, mit zwei Packungen Windeln hierherzukommen, um sie gegen einen iPod auszutauschen, der vermutlich kaputt war. Nur ein kompletter Narr wie ich konnte sich so etwas antun.

Mit meinem iPhone navigierte ich mich langsam ans Ziel, zu Hubers Straße, die ich aus datenschutzrechtlichen Gründen hier nicht nenne. Ich fuhr einmal langsam an Hubers Anwesen vorbei, es war ein heruntergekommenes kleines Haus mit steilem Dach, wohl aus den 60er Jahren, eine Seite war mit schmutzigen, teilweise gebrochenen Schindeln verkleidet. Um den Garten hatte man sich bestimmt seit Jahren nicht mehr gekümmert, überall wucherndes Gestrüpp. Ein paar Krokusse als Farbtupfer.
Ich parkte mein Auto zwanzig Meter weiter weg und ging wie in Zeitlupe auf das Grundstück zu. Die schmiedeeiserne Gartentür war halb offen.
Die Fenster waren dunkel, kein Licht im Haus, aber es war ja auch 13 Uhr. Es herrschte eine Todesstille, nicht mal Vögel zwitscherten.
Ich ging zu der Haustüre, die einen Vorbau hatte, mit einem einstmals buntem Glasdach. Es gab zwar einen Klingelknopf, aber es war kein Ton zu vernehmen, als ich zweimal drückte. Niemand machte auf.

Ich schlich mich an der mit Schindeln verkleideten Nordseite entlang, um durch ein Fenster zu spähen. Es roch intensiv nach Lavendel. Mottenpulver? Aber mit einer Beimischung von Fäkalienausdünstungen. Widerlich. Von einem Huber keinerlei Anzeichen. Man hatte mich auf den Arm genommen, das war offensichtlich.

„He, Sie da, was machet Sie noh da? Was han Se dahana verlora? Verlasset Sie sofort des Grundstück, sonst rufe i die Polizei.“
Draußen vor dem Gartentor stand eine dicke häßliche Frau, offensichtlich eine Anwohnerin, die mich ankeifte, im ortsüblichen Dialekt.

„Ich habe einen Termin mit Herrn Huber. Wir haben ausgemacht, dass ich zu ihm um 13 Uhr kommen soll, wegen einer geschäftlichen Sache. Aber er scheint nicht da zu sein.“

„Hier gibts koin Huber. Da müsset Sie oi falsche Adress han.“

„Aber er hat mir vor einer Stunde noch geschrieben, dass er da ist, dieser Huber. Die Adresse ist bestimmt richtig, das habe ich sogar schriftlich.“

Die dicke Frau wirkte nun etwas gnädiger.
„Des muss oinawäg a Verseha sei. In dem Häusle hedd scho äwwl da Josef Birkner g’wohnt. Aber jetzt nemme.“

„Dann war Huber wahrscheinlich sein Pseudonym bei ebay. Das ist nichts Ungewöhnliches. Wo ist dieser Josef Birkner denn jetzt?“

Die Frau starrte mich an. Dann nahm sie eine Hand vor den Mund, und flüsterte mir zu:
„Der hedd sich umgebracht’, der Birkner. Vor zwoi Wocha. Ganz ganz grauslich war des, des wollet Sie gar net wissa, wie die Umstände wara. Ganz ganz grauslich war des.“

Nun starrte ich die Frau an, murmelte betreten „Wiederschaun“ und trottete zu meinem Smart. Ohne Umschweife fuhr ich nach München zurück. Von Schongau hatte ich genug gesehen. Und gehört.
Als ich auf der Heimfahrt pinkeln musste, entsorgte ich auf einem Parkplatz die beiden Drynites-Packungen in einen Müllbehälter.

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