090_punkte dich glücklich

Liebe Leser,

neulich besuchte ich bei mir in der Maxvorstadt die gute alte Tante Edeka um die Ecke. Edeka ist mir als liebes altmodisches Wort aus meiner Kindheit bekannt. Damals in Markt Schwaben hatten wir ein kleines Lebensmittelgeschäft, das hieß nämlich Edeka, dort hielt ich mich gerne auf, wegen der Süßigkeiten.
Zwischenzeitlich sind so große Läden wie REWE, ALDI, LIDL verbreitet, aber EDEKAS gibt es auch noch, kleinere und größere, wie schön.

Nun, bei meinem kürzlichen Besuch fragte mich die Dame an der Kasse, ob ich eine Deutschland Card hätte. Ob ich Punkte sammle?
Ich bin zwar von jeher ein begeisterter Sammler von allem möglichen und unmöglichen Geraffels, aber das Sammeln von Payback- und sonstigen Bonuspunkten ist mir nie zu einer großen Vorliebe geworden. Was soll das groß bringen? Die paar gesparten Cents sind doch wie ein Tropfen auf dem heißen Stein, außerdem überfrachten diese Kleingeizdokumente den Geldbeutel – und diese Überfrachtung kann von den paar zurückgeholten Cents durch das Punktesammeln sicher nicht ausgeglichen werden.
„Sammeln Sie Herzen?“ Wer hat darauf noch nie antworten wollen: „Nein danke, ich habe bereits eines.“ Jaja, schon klar, es ist platt und peinlich, so zu antworten, deshalb lässt man es auch besser bleiben.
Mir tun die Angestellten an den Kassen vieler Geschäfte schon lange leid, weil man sie zwingt, alle Kunden nach einer Payback-Karte zu fragen. Ist vielleicht sogar die meistgestellte Frage in Deutschland. Ich sage nur eines: Psychoterror für Angestellte und Kunden gleichermaßen.

Und nun also auch noch die Deutschland Card! Superduper! „Punkte dich glücklich“, so der dazugehörige Slogan. Da dachte sich wohl ein ganz findiger Bursche in einer Werbeagentur: Think big! Und schuf einen zusätzlichen Anreiz dafür, dass man sich als Deutscher durchaus bewusst sein darf,  in Deutschland einzukaufen. Dabei selbstverständlich mit der Deutschland Card in Deutschland Punkte sammeln und viel Geld sparen. Ja, warum denn nicht?
Haben die Ösis nun eine Österreich Card? Die Schweizer eine Schweizer Card? Jedem Land seine ganz nationale Card, gut so!

Ich finde auch, trotz diesem angestrebten „Wir sind Europa“-Gleichklang soll jeder Staat seine Individualität behalten dürfen, da kann so eine Deutschland Card mithelfen. Wohlgemerkt: Deutschland Card. Und nicht Deutschlandkarte. Letzteres klingt ja wie ein verknitterter Falkplan, den man schon lange nicht mehr zur Navigation braucht. Ein bisschen was Englisches trägt bei zum internationalen Flair. Ausgerechnet was Englisches: Wo gerade die Briten seit gefühlten zwanzig Jahren brexitieren, um ihre sinnlose Eigenbrötlerei zu zelebrieren. Wenigstens hat man den neuen Ausweis nicht Germany Card genannt. So weit wollte man nun doch nicht gehen!

Da fällt mir ein: Tübingens Bürgermeister Boris Palmer hat kürzlich kritisch angemerkt, wie die Deutsche Bahn ihre Internetseite gestaltet hat. Mit fünf Fotos, auf denen lauter fröhliche Menschen im Zug sitzen. Der eine isst ein Brot, der andere kaut nachdenklich an seiner Brille, eine hübsche Brünette denkt an was Lustiges, eine Mutter herzt ihr Kind und Nico Rosberg sinniert vielleicht darüber nach, ob es richtig war, der Formel 1 den Rücken zu kehren.
Nun, das wäre alles nicht so schlimm, wenn Nico nicht der einzige Weiße in dieser Versammlung wäre. Bürgermeister Palmer hat gefragt, was die Deutsche Bahn denn damit für ein Gesellschaftsbild abbilden möchte, wenn vier Fünftel der gezeigten Leute einen Migrationshintergrund haben, die Mehrheit der Menschen in Deutschland dagegen tatsächlich immer noch Weiße sind. Dafür bekam Palmer von vielen Seiten ordentliche Watschen.

Nun, es ist doch sonnenklar, dass die Deutsche Bahn ein Statement abgeben will: Wir sind überhaupt gar nicht rassistisch, total und komplett das Gegenteil ist der Fall, und wir freuen uns auch, dass Herr Rosberg mit uns fährt, weil er erkannt hat, dass er im Zug sicherer ist als er es in seiner Rennkarre jemals war.

Ich finde, diese Darstellung auf der Website der Deutschen Bahn ist sogar zukunftsweisend. Der weiße Deutsche stirbt sowieso bald aus, weil er nicht mehr für genügend Nachwuchs sorgt. Das kann man dagegen den nichtweißen Deutschen nicht unbedingt vorwerfen. Alles fließt.

Eine Werbeagentur weiß, was sie tut! Da steckt viel Konzeption und Klugheit und Raffinesse dahinter. Es war garantiert eine Werbeagentur, die sich die Deutschland Card ausgedacht hat. Und es war garantiert eine Werbeagentur, die die Menschenbilderauswahl für die Website der Deutschen Bahn getroffen hat. Vielleicht plant eine Werbeagentur gerade, die Deutsche Bahn umzubenennen in World Bahn. Dann gäbe es an der Bilderauswahl rein garnix zu kritisieren. Gell, Herr Palmer, das fänden Sie auch passender?

Wie wäre es eigentlich mit einer World Card? Die gesammelten Punkte werden verwendet, um das massive Artensterben auf unserem blauen Planeten abzuwenden. Doch wie anfangs angemerkt: Ein Tropfen auf dem heißen Stein hat noch nie viel Wirkung gezeigt  😦

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