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Liebe Leser,

wir haben eine Fläche, ich glaube, ein Quadrat, ähm, und man, äh, und diese Fläche ist in einem Koordinaten-, obwohl, nicht unbedingt in einem Koordinatensystem, ich bin mir gar nicht sicher, auf jeden Fall, ähm, hat man, muss man von dieser Fläche mit bestimmten Werten den größtmöglichen Flächeninhalt rausfinden, also die größtmöglichste Fläche, die man mit diesen Zahlen, die man gegeben hat, ähm, halt eben erreichen kann.

Genau so hat es mir meine Tochter Linda als Sprachnachricht ins Handy hineingeredet, weil ich ihr gesagt habe, der mathematische Begriff Extremwertprobleme gefalle mir ganz ausgezeichnet und ich hätte dafür gerne eine Erklärung, vielleicht könnte ich darüber einen gebildeten Aufsatz verfassen. Linda lernt aktuell Mathematik im Gymnasium, 9. Klasse – ich selbst mit meiner lausigen Realschulausbildung hatte dieses schöne Wort vorher noch nie gehört.

Nun gut, es soll nicht meine Aufgabe sein, dafür eine etwas sachlichere Definition zu liefern, das kann man ja wahlweise Siri fragen oder Frau Wikipedia. Ich möchte vielmehr ein wenig frei und vor allem extrem herumassoziieren, ohne dabei aber ein Problem draus zu machen.

Seit einigen Jahren spricht alle Welt von der Globalisierung. Ich darf nun auch etwas globaler werden, und zwar so extrem global wie möglich. Let’s go:

Nachdem die Sternengucker herausgefunden haben, dass sich jegliche Materie seit 13,8 Milliarden Jahren von einem gewissen Standort aus ins Unendliche fortbewegt, wird dieser Standort als Anfangspunkt der Entstehung von Materie, Raum und Zeit betrachtet.

„Urknall“ bezeichnet jedoch keine Explosion in einem bestehenden Raum, sondern die gemeinsame Entstehung von Materie, Raum und Zeit aus einer ursprünglichen Singularität. Diese ergibt sich formal, indem man die Entwicklung des expandierenden Universums zeitlich rückwärts bis zu dem Punkt betrachtet, an dem die Materie- und Energiedichte unendlich wird.

Dieser Satz stammt nun nicht von meiner Tochter Linda, vielmehr habe ich ihn komplett aus Wikipedia rauskopiert. Nun aber die extrem globale Frage dazu: Wer ist dafür verantworlich gewesen, für dieses Event?
Der Mensch sucht seit der Urzeit ja immer einen Verantwortlichen, das ist ihm in seinem Gehirn eingetackert. Wer hat die Wurst weggegessen, wer hat die Ziegen aus dem Gehege gelassen, wer hat dem Weib den Kopf verdreht, wer hat Blitz und Donner geschickt? Für Wurst, Ziegen und Weib muss man wohl irgendwelche Zeitgenossen befragen, dagegen kann man sich bei Blitz und Donner jemand einfallen lassen, der mächtiger ist. Da haben wir ihn schon, mein Gott!

Der ist also für Blitz und Donner verantworlich, das war amtlich, bis man Mathematik, Physik und Chemie begriff. Die Naturkräfte konnte man dadurch Gott nicht mehr anlasten, das wurde gelernt. Aber: Wer den Urknall geplant und ausgeführt hat, das ist nicht bekannt, also kommt er wieder ins Spiel, der Allmächtige: Er war’s gewesen, wer denn sonst? So schnell löst man ein globales Extremwertproblem.

Kürzlich war ich morgens mit einer schmerzhaften Entzündung in der Nase aufgewacht, das verstand ich nicht, denn ich hatte einen Tag davor mit dem Finger gar nicht hineingebohrt! Aus Erfahrung weiß ich aber, dass ich nur größtmöglich viel Niveacreme reinschmieren muss, dann heilt das innerhalb von acht Stunden. In diesem Fall: keine extreme und auch keine globale Angelegenheit, und nicht mal ein Problem.

Von diesem Ausflug in den Nasenmikrokosmos zurück in den globalen Makrokosmos. Vom Urknall zu unserer lieben Sonne. Diese ist aktuell ungefähr 4,6 Milliarden Jahre alt. Noch ca. weitere 5 Milliarden Jahre wird sie leuchten, bis der komplette Wasserstoff verbraucht ist, dann kollabiert ihr Kern und: Exitus. Aber schon demnächst, in einer Milliarde Jahren, wird sie so heiß scheinen, dass auf der Erde keinerlei Leben mehr möglich sein wird.

Die Menschheit wird also bestenfalls noch eine Milliarde Jahre existieren können. Doch das ist rein theoretisch und auch ziemlich unrealistisch, denn sie hat es in ihrem schlappen 2,5 Millionen Jahren andauernden Bestehen hochkonzentriert in den letzten 150 Jahren möglich gemacht, dass ihr würdevolles Dasein auf der Erde zeitnah zu Ende gehen wird. Man schaue sich den beklemmenden SF-Film „Soylent Green“ von 1973 mit dem guten Charlton Heston an, dann bekommt man eine Vorstellung davon, was kommen wird. Es wird noch ganz ganz arg werden um die Menschen auf diesem blauen Planeten.

JEDOCH:

Wenn man es extrem global betrachtet: Sollte diese Menschheit von der Erde verschwinden (keine Ahnung, wie lange das noch dauern wird), dann bleibt unter dem Licht der lieben Sonne vielleicht immer noch genügend Zeit, dass sich die Entwicklung des Lebens von der mutierten Schrottratte bis zum Homo sapiens erneut wiederholen kann? Es wird nicht noch einmal ganz genauso ablaufen, aber ich darf mit Freude aus Jurassic Park zitieren: Nature will find a way. Die nächste Menschheit hat vielleicht drei Augen oder 20 Finger, das könnte zu noch virtuoseren Klavierkonzerten führen.

Höchstwahrscheinlich reicht es aber nur zu Wüstenkakerlaken, weils sonnenbedingt schon viel zu heiß sein wird für eine vollständige zweite Evolution mit einer neuen Menschheit als Krone der Schöpfung. Und weil Gott nur fünf Milliarden Jahre alt wird, kann man davon ausgehen, dass es ganz sicher bei den Wüstenkakerlaken bleiben wird. Ist das schlimm, wenn diese kleinen Widerstandsfähigen die nächste und letzte Krone der Schöpfung sein werden? Nein, gar nicht, denn Wüstenkakerlaken werden weder die Ozeane mit Plastikmüll noch den Weltraum mit Technoschrott noch die Luft mit radioaktiver Strahlung anreichern. Doch eigentlich ist das alles ziemlich wurscht,

DENN:

Wenn Zinkl stirbt, ist das ganze Universum sowieso auf einen Schlag verschwunden. Das ist keine Arroganz seinerseits, sondern der Tatsache geschuldet, dass es einfach schon keine Rolle mehr spielt, was in ca. dreißig Jahren passiert. Weil eben nichts mehr passiert. Wohlgemerkt: Nur von Zinkl aus gesehen. Er weiß, das ist nun überhaupt nicht extrem global gedacht, sondern extrem unglobal. Brutal egoistisch sogar! Er sollte sich dafür schämen.

Sollte Zinkl trotzdem keinen in Plastikfolie verpackten Salat mehr kaufen, wie es Linda neuerdings von ihm verlangt?
„Unbedingt!“, lautet die Anwort. Weniger Plastikmüll verschafft der nächsten Evolution eine bessere Ausgangslage. Ich finde es übrigens lobenswert, wie sich Greta Thunberg engagiert. Die Wüstenkakerlaken in 500 Millionen Jahren werden es ihr danken.

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