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Liebe Leser,

der Beruf des Grafik-Designers erlaubt es Zinkl, ab und an für hochverehrte Musikanten tätig werden zu dürfen. Noch werden Compact-Discs auf den Markt gebracht, das sind diese silbern glänzenden Audioträger, die man angenehmerweise mit Papier anreichert, welches die Musik mit kreativen optischen Eindrücken — Bildern und Texten — aufwerten darf. Booklets nennt der Insider die 120 x 120 mm kleinen mehrseitigen Büchlein, die nicht selten die Liedertexte zum Mitlesen präsentieren.

Bei meinem sehr lieben Freund Dirk Busch, einem fein chansonierenden Nordlicht aus dem niedersächsischen Weyhe, wäre allerdings das Mitlesen seiner Gesänge gar nicht notwendig, denn er intoniert so klar und deutlich, dass man jedes Silbchen beim ersten Mal schon versteht. Vorbildlich!

Nun, man ist es aber gewohnt, dass des deutschen Liederschreibers gesungene Geschichten schwer oder gleich gar nicht verstanden werden — man nehme beispielsweise den glorreichen Wolfgang N. BAP. Dessen kölsche Gedichte klingen für einen bayerischen Ureinwohner wie Kisuaheli. Herbert G. macht es einem zwar auch nicht immer ganz leicht, jedoch bei dem argen Stakkato-Sprech der zahllosen Hiphoprapper steigt mein lädiertes Gehirn schon nach fünf Sekunden aus.

Kürzlich durfte ich mein grafisches Handwerk dem berühmten Schweizer Barden Roland Zoss angedeihen lassen. Dieser äußerst freundliche Herr singt mit sonorer Stimme im schwyzerdütschen Dialekt über die Bäume des Nordens und über die Bäume des Südens. Warum über Bäume?

Nun, Roland liebt Bäume, sei es die heimische Birke oder den knorrigen Baobab. Ich darf ausschnittweise aus dem Vorwort des Albums zitieren:

Bäume stehen in Ewigkeit und atmen. Die größten Lebewesen der Erde leiten das Wasser, trotzen dem Feuer, sie brechen den Wind. Sie haben uns die Musik geschenkt, das Holz der Gitarren und Geigen. Das Rad am Wagen des Fortschritts. Im Grün der Wälder finden wir zu uns, angelehnt am Stamm der Blutsbrüder und -schwestern. Bäume sind Luft für uns… wir brauchen sie zum Leben!

Ich denke, dieser Text ist für euch, liebe Leser, verständlich. Roland hat nun mich, das bayrische Urgestein, gefragt, ob ich es für sinnvoll halten würde, dass er seine beiden Baumlieder-Sammlungen auch im bayrischen Raum zum Besten gibt, mit munterem schwyzerdütschem Konzertieren in Viechtach, Regensburg und natürlich München!

Ich meine dazu: Der Bayer* hat BAP gut gefunden, er errät Herbert G’s Texte seit Jahrzehnten, zumindest der pubertäre Bayer hält das unangenehm hektische Genöle von Sido, Eko Fresh, Kollegah, Bushido und Konsorten mit Vergnügen aus. Wieso sollte er dann bei umweltfreundlichen und wunderbar instrumentierten Baumliedern in wohlklingend vorgetragenem Schwyzerdütsch ablehnen? Sehe ich gar nicht ein.

Aufgepasst: So geht Zossens Schwyzerdütsch – nachfolgend ein paar Zeilchen aus dem Eichen-Lied:

S steit en Eiche – en alti Eiche
En Eiche im Wald vo Wyssestei

Das Hotel het 5 Stärne, u tuusig schregi Gest
Es Füür i allne Bletter, e Huuch i allne Est
Hie im Boum cha jede sich sälber sy und ’s pflege

Cha wie ne Chünig grille, u mit de Grille chille
Im tüüre Eichetäfer läbt e Diva ihres Ding
Sie spinnt sech schön, de flüügt sie uus

Als Purpur-Schmätterling

Im Mondschyn tanze Falter mit so wilde Rumpelstilze
Vom Läbe bschissni Gstalte singe d Hymne vo de Pilze
S steit en Eiche – en alti Eiche

En Eiche im Wald vo Wyssestei

Das versteht man doch problemlos, gell? Wenn man es liest. Wenn man es nur hört, kann es etwas tricky werden. Aber egal: Die Eiche groovt.

Dem Zinkl ist es übrigens ganz recht, wenn er die Aussagen der Gesänge nicht mitbekommt. Die menschliche Stimme als Instrument darf für ihn gerne „sinnlos“ erklingen, in ihrer ganzen klanglichen Vielfalt.
Zum Glück hatte er als Realschüler einen ziemlich mangelhaften Unterricht in der Weltsprache Englisch erhalten, daher konnte er schon in den 70er Jahren den Texten nicht richtig folgen, zum Beispiel bei genialen Großwerken wie „Supper’s Ready“ von Genesis oder „The Revealing Science of God“ von Yes.
Wahrscheinlich hätte ihm ein volles Verständnis der Gedichte sogar etwas von der Magie genommen, die so skurrile Zeilchen haben, wie: Can you tell me where my country lies?“ Said the uni faun to his true love’s eyes. „It lies with me!“ cried the Queen of Maybe …

Die französische Avantgarde-Jazzrock-Band MAGMA war so irre, dass Sie 1970 eine ganz eigene, außerirdische Sprache für ihre Gesänge erfand: Kobaïanisch. Da wurden dann neue Begriffe ausgedacht, wie beispielsweise:
ëmgalaï: Apokalypse
glao: Blut
hamataï: begrüßen
hamtaahk: Hass
hündïn: ewig
kreuhn: Übergeordnetes Wesen, Gott
ẁurdah: Tod
theusz: Zeit
zeuhl wortz: himmlische Musik

Eine Textpassage aus einem Magma-Werk lautet so:
Lah ẁortz rëišfünk dëh ẁërëstëgëuhnzür ünd dëh bündëhr drakeïdah kömmandöh ẁürdï hëul zortsüng. Hurẁah dëh zün Hurẁah dëh Zëbëhn Hurẁah dëh Ğëuštaah Hurẁah dëh ğlëšt Hurẁah dëh kümpkah Hurẁah dëh Hürẁah Hurẁah Kamkaï!

Eine solche Maßnahme kann ich nur begrüßen. Wunderbar! Ich bin für jede Verrücktheit zu haben. Und man bedenke: Da ist doch Schwyzerdütsch babyleicht, im Vergleich zu Kobaïanisch!

Unbedingt sollte sich nun nicht nur der bayrische Blog-Leser selbst ein Hör-Bild machen von den Baumliedern des Roland Zoss — ich empfehle das ausdrücklich. Wer die Texte komplett kapieren möchte, muss sich halt auf das für uns recht teure Schweizer Pflaster begeben und die dortigen Ureinwohner befragen. Eine waghalsige Aktion.

Und ich hoffe, ich kann Meister Zoss davon überzeugen, bald in unserer bayrischen Heimat aufzutreten. Zumindest Zinkl wird auf jeden Fall hingehen — um die Bäume dieser Erde zu feiern.

 

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* Natürlich sind hier auch die weiblichen Bayerinnen und alle anderen menschlichen Geschlechtsvertreter gemeint, selbstredend! Mir geht das penetrante der/die Bayer/in bloß gegen den erzählerischen Strich.

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