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Liebe Leser,

mein guter alter Freund Hans gönnt sich mit seiner liebreizenden Gattin Isa und den beiden wohlgeratenen Söhnen einen mehrwöchigen Trip durch den heißen Westen der USA. Das kann diese Familie machen, weil es eine Lehrerfamilie ist. Die großen Sommerferien, yes!
Der Zinkl dagegen träumt von Palm Springs, Lake Powell, Bryce Canyon, Zion Nationalpark und Las Vegas noch so lange, bis ihn seine Kunden in die Rente schicken. Das wird freilich noch ein paar Jährchen dauern.

Na gut, ich freue mich mit den vieren! Jeder soll wie er kann. Es ist aber schon wirklich imposant, was mir Hansi für Fotos herüberwhatsappt. Die rotgoldenen Felsenformationen Utahs, wunderherrlich bizarr ragen sie hoch hinauf in den gleißenden Sonnenhimmel und brutzeln bei 40 Grad Hitze vor sich hin.

Bei diesen Gebilden, die mal aussehen wie versteinerte Eiscreme oder wie ein seit Millionen von Jahren vertrocknetes Mammut, muss ich unwillkürlich an den britischen Künstler Roger Dean denken. Und da vor allem an dessen Gemälde für die Schallplatten-Cover der progressiven englischen Rockband YES in den frühen siebziger Jahren.

Ein vierzehnjähriger Bub mit Pubertätspickeln im blassen Gesicht, der zu zögerlich war, seine angebetete Klassenkameradin Karin zu fragen, ob sie sich mit ihm einmal nach der Schule treffen wolle, auf ein Eis oder so — genau der war es, welcher sich auch in die sagenhaften Bilder Roger Deans verliebte (ohne dabei einen Korb befürchten zu müssen).

Mit staunenden Augen konnte sich der Bub in andere Dimensionen beamen, weit weg von der profanen Landeiwelt, in die er hineingeboren worden war.
Dean malte mystische außerirdische Welten, schuf skurril verwinkelte Felsenburgen, die aus stillen Seen herausragten, er ließ rote Elefanten mit Libellenflügeln vor einem Sonnenuntergang kreisen und zeigte eine wunderbar düster dreinblickende Monsterkrake in ihrem Tiefseereich. Er dachte sich gigantische pilzförmige Felseninseln aus, die schwerelos hoch über der Erde schwebten (James Cameron brachte jede Menge davon 35 Jahre später in seinem Science Fiction-Epos Avatar zum Einsatz).
Alles, was Roger Dean malte und immer noch malt, ist bunt und schön und zeigt auch eine große Liebe zu dem, was unser Planet an Prächtigem zu bieten hat (bevor ihn die Menschheit niedergebrannt haben wird).

Perfekt dazu passend war damals die Musik von YES. Doch wie kam der kleine naive Bub dazu, die durchaus merkwürdigen und ungewöhnlich langen Lieder dieser Band zu hören?

Es gab ja kein youTube, es gab Internet sowieso nicht — aber am Bahnhofskiosk konnte man immerhin eine Zeitschrift namens Musik-Express erwerben. Das war die Informationsquelle über aktuellen Pop- und Rock. Natürlich war das keine akustische Informationsquelle und vor allem „extreme“ Musik wurde zu dieser Zeit (wie übrigens auch heute) so gut wie gar nicht im öffentlich-rechtlichen Radio (ein anderes gab es nicht) gespielt.
Also musste man sich darauf verlassen, was darüber geschrieben wurde: Wohlwollende Rezensionen von Redakteuren und Briefe von begeisterten Lesern konnten eine Inspirationsquelle sein, das Risko des Kaufs einer völlig unbekannten Schallplatte einzugehen.

Bei einer Umfrage im Musik-Express sagte irgend so ein süßes Hippiemädchen, die Musik von YES sein einfach schön! Diese lapidare Aussage habe ich mir bis heute gemerkt, sie hat sich eingebrannt, keine Ahnung, warum. Auf alle Fälle war sie für mich damals der Anlass, mal wieder zum guten Marienplatz zu reisen und dortige Schallplattenläden zu besuchen, um die Neuerscheinungen aus Übersee zu studieren, auch von dieser mir völlig unbekannten Band, die sich „JA“ nannte. Strange!

Kurz vor Weihnachten 1974 erwarb ich zufällig das Album von YES schlechthin. Ihr Opus Magnum, das unerhörteste und aufregendste Doppelalbum der damaligen Zeit, ganz sicher Lichtjahre entfernt vom musikalischen Mainstream. Das wusste ich damals zwar noch nicht, als ich 27 DM dafür ausgab. Aber alleine das Cover von TALES FROM TOPOGRAPHIC OCEANS war so vielversprechend, dass ich nicht anders konnte als zuzuschlagen. Ich muss es hier nicht beschreiben, ich zeige sie euch, diese Komposition aus Weltraumnacht und grellem Wüstentag, die geheimnisvolle Pyramide am Horizont, die schwebenden(!) Fische, — das hat mich Jüngling damals dermaßen elektrisiert — und ich betrachte es auch heute noch gern.

Ich wartete ab bis Heiligabend. Und bis meine Mutter und meine Schwestern schlafen gegangen waren. Ich drehte die elektrischen Kerzen am Christbaum an. Dann legte ich die erste Seite der ersten Schallplatte auf.
Man darf hier nicht vergessen, ich kannte bis dato nur Slade, T. Rex, Alice Cooper. Diese Musik war ein Schock für mich. Sphärische Klänge, ungewöhnlich heller Gesang wie von einem Zwischenwesen, komische süßliche Melodien, das Lied dauerte über zwanzig Minuten, ging über die ganze Schallplattenseite! Ich war sehr irritiert, konnte dieses Zeug nicht kapieren und aushalten und stellte den Plattenspieler nach zehn Minuten wieder ab. Was für ein Reinfall. YES! Einfach nur schön, von wegen — wem konnte sowas gefallen?

Aber ich muss dem kleinen Zinkl zugute halten, der dachte sich dann doch: Verdammt nochmal, da wird doch was dran sein, an dieser Sache. Ich war aufgereizt, es immer wieder damit zu versuchen. Beim dritten oder vierten Mal funkte es plötzlich, aber gewaltig! Ich konnte diese fremdartige Frucht nicht nur endlich genießen, sie schlug mich voll in ihren Bann, ich war fasziniert und je öfter ich dieses überlange Lied THE REVEALING SCIENCE OF GOD hörte, umso mehr dachte ich: Das ist genialer und spannender als alles andere, was ich bisher kenne. Das ist nicht zu toppen. Wenn es ein gutes göttliches Wesen gibt, dann hat es hier seine Hände mit im Spiel gehabt. Dann hat es die Herren Anderson, Howe, Squire, Wakeman und White wahrlich beseelt.

Ich denke das heute noch. Vor allem dieses, aber auch die drei anderen überlangen Lieder (oder besser „Rock-Suiten“) dieser vier Schallplattenseiten haben mich gelehrt, dass es etwas Wunderbares ist, wenn man sich musikalische Werke erarbeiten muss, weil sie einem ein irritierend unbekanntes Terrain aufzeigen. Der Lohn dafür nämlich kann von unvergleichlichem Wert sein.

Ich bin nun fast sechzig und habe so ziemlich alles an Bedeutendem gehört, was es an Klassik und vor allem „progressiver“ Rockmusik auf diesem Planeten zu finden gibt. Nichts kann mich mehr so richtig überraschen, die Magie von damals wird niemals wiederholt werden.

Aber wenn ich mir jetzt wieder einmal über Kopfhörer THE REVEALING SCIENCE OF GOD anhöre — ziemlich laut muss es sein — dann beamt es mich voll zurück zum Heiligen Abend von 1974. Und das ist einfach nur schön.

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