118_prediger

Liebe Leser,

in letzter Zeit hört man in den Nachrichten und in den sozialen Medien immer wieder von einer geheimnisvollen jungen Wanderpredigerin namens Greta. Viel bekannt ist von ihr nicht, die Sage geht, dass sie in dem kleinen Örtchen Thunberg auf der schwedischen Insel Bolmsö geboren wurde, aufgewachsen sei sie jedoch auf der Insel Utö. Dort habe sie beim Pflücken von Kräutern ihre große Liebe zur Natur entdeckt. Seitdem wandert Greta ruhelos über die ganze Welt, um die Menschen zu warnen vor den kommenden Naturkatastrophen und um sie zu ermutigen, dem entschieden Einhalt zu gebieten.

Man erzählt sich, die junge Frau Greta habe erstaunliche Kräfte. So sei sie über das atlantische Meer geflogen, indem sie sich an den Hälsen von zwei Graugänsen festgehalten habe. Im amerikanischen Land habe sie mit ihrem starken Blick den dortigen Machthaber dazu gebracht, im Garten des Weißen Hauses Runkelrüben anzupflanzen.

Durchaus darf man die junge Frau Greta mit der griechischen Sagengestalt Sisyphus vergleichen. Sisyphus wurde von den Göttern dazu verurteilt, einen Felsblock einen steilen und hohen Berg hinaufzurollen, den Gipfel erreichte er allerdings nie, denn der Felsblock entglitt ihm immer im letzten Moment und rollte zurück ins Tal.
Doch wie auch Sisyphus kann Greta nicht ablassen von ihrem Tun. Mittlerweile folgen ihr zwar zahllose Jünger, um im gemeinsamen Wirken den Felsblock zu bewegen — aber dies erscheint trotzdem völlig aussichslos.

Ebenfalls ein außergewöhnliches Unterfangen betrieb zweitausend Jahre vorher ein junger Wanderprediger namens Jesus von Nazareth. Sein Wirkungsfeld war nicht ganz so global wie jenes der jungen Schwedin — Jesus latschte aber immerhin auf ungeteerten Straßen 45 Kilometer von Nazareth zum See Genezareth nach Kafarnaum. Und reiste später, mit teilweiser Unterstützung eines Esels, von Nazareth nach Jerusalem, staubige 150 Kilometer. Also ungefähr so weit wie von München nach Nürnberg. In Jerusalem war für ihn dann leider Endstation.
Jesus war weniger interessiert am Klima (es gab auch keinerlei Gründe, sich damit zu beschäftigen) als daran, den Leuten zu erklären, dass sie sich zeitlebens ordentlich benehmen sollten, damit sie in das himmlische Reich seines Vaters kommen durften und nicht zu Luzifer in die Hölle mussten.

Da Jesus selbst nicht Buch geführt hat über seine diversen Ausflüge ins Umland und seine Vorträge (unter Umständen konnte er nicht schreiben), mussten mündliche Überlieferungen von seinen Jüngern oder auch von später Geborenen herhalten. Ob das alles wirklich stimmt, steht in den Sternen, denn damals wurden auch wegen eines größeren Unterhaltungswerts nicht weniger alternative Fakten proklamiert als heutzutage.
Unbestritten ist auf alle Fälle, dass Jesus — so wie Greta — erstaunliche Kräfte besaß. Er konnte — wie die Bibel zuverlässig berichtet — Blinde sehend machen, Wasser in Wein verwandeln und barfuß auf der Wasseroberfläche des Sees herumgleiten. Im Vergleich zu Überflieger-Greta mit ihren beiden Graugänsen auch nicht soo schlecht.

Im Unterschied zu der kleinen Frau aus Thunberg organisierte Jesus aus Nazareth allerdings keine weltweiten „Fridays for Future“-Versammlungen, nein, für ihn war ein gewisser Freitag in Jerusalem leider ein „Friday without Future“. Ein höchst unangenehmer Tag auf jeden Fall, auch wenn man berücksichtigt, dass er danach wieder von den Toten auferstanden und hinaufgefahren ist zu seinem alten Herrn, der ihm das ganze Malheur eingebrockt hatte.

Nun, Jesus ist nur ungefähr 30 Jahre alt geworden und im Unterschied zu Greta kilometermäßig nicht besonders weit gekommen. Trotzdem dürfte er auch heute, im dritten Jahrtausend nach seiner kurzen Zeit auf Erden, noch immer einer der berühmtesten Menschen aller Zeiten sein. Das ist durchaus erstaunlich, das muss man erstmal schaffen.
Die kleine Greta ist in Sachen Bekanntheit aber schon auch gut dabei, und man bedenke: Sie ist ja erst süße sechzehn Jahre alt!

Jesus hat damals sein Ding durchgezogen und vielleicht nicht sehr viel Rücksicht darauf genommen, ob er bei den Menschen beliebt ist oder nicht. Auf dem Land und in den Dörfern mag man den beherzten und wundertätigen Wandersmann gerne gesehen haben. In der Großstadt sah es dann schon etwas anders aus.

Wirft man Jesus vor, dass er nicht lange genug zur Schule gegangen ist, nicht studiert hat, kein ordentliches Handwerk betrieben hat? Sondern stattdessen ohne geregeltes Einkommen herumstreunerte? Dass er einen Haufen verantwortungsloser Männer um sich scharte, die ihre Frauen und Kinder und ihre Berufe links liegen ließen, nur um mit ihm übers staubige Land zu spazieren? Natürlich wirft man ihm das nicht vor, denn er hatte bekanntlich Wichtigeres zu tun.

Doch wie fies wird über das kleine Mädel Greta hergezogen! Es gibt mittlerweile immer mehr Leute, die — anstatt Fräulein Thunbergs Berufung zu respektieren, zu bewundern und zu unterstützen — sich über sie lustig machen und fässerweise Häme ausschütten.

„Ich möchte nichts mehr von der hören, es nervt so langsam. Die soll in Schweden bleiben und in die Schule gehen, als einen nur zu nerven.“
„Geht mir soooooooo auf den Geist …“
„Die ist 16, die soll mal lieber ihre Schule beenden und ’ne Ausbildung machen, damit sie weiß, was richtige Arbeit ist.“
„Früher hatte der Rattenfänger eine Flöte. Preisfrage: Wann erfolgt ihre Heiligsprechung durch den Papst?“
„Lieber Gott, schenke doch dieser Greta mal ein Loch, schmeiß’ sie rein, mach’ es zu, dann ist auf der Erde Ruh.“

Das sind von sehr vielen nur fünf aktuelle Facebook-Kommentare von Leuten, die — wenn sie damals in Jerusalem gelebt hätten — wohl gerne mitgeschrien hätten: „Peitscht ihn aus, diesen nervigen Aufwiegler, nagelt ihn ans Kreuz, damit er endlich sein großes gotteslästerliches Maul hält.“
Zynische Kleingeister, die lieber in ihrer eigenen fettigen Suppe herumpaddeln, als über den Tellerrand hinausschauen und anerkennen wollen, dass es eine großartige Frau gibt, die Überdimensionales leistet und dabei bisher noch niemandem ein Leid angetan hat.

Wer auch immer dieser Jesus von Nazareth gewesen ist und was auch immer er auf Erden getan haben mag, sein Tun hat nachhaltige Wirkung. Er wurde zwar instrumentalisiert von einer machthungrigen und teilweise schädlichen Institution namens Katholische Kirche, ihm wurde viele Jahre nach seinem Ableben die äußerst effektvolle und nutzbringende Teilhaberschaft an einer herbeifantasierten göttlichen Dreifaltigkeit angehängt — übigens eine sehr sehr gut funktionierende Marketing-Maßnahme.

Aber darüber hinaus inspiriert er mit seinen Ansichten trotzdem viele Menschen bis zum heutigen Tage dahingehend, dass für sie Humanität und Nächstenliebe wert- und sinnvolle Eigenschaften im Zusammenleben sind.

Wer auch immer diese kleine Frau Greta Thunberg ist, und selbst wenn auch sie in mancher Hinsicht instrumentalisiert oder ausgenutzt werden sollte:
Sie ist im dritten Jahrtausend nach Jesus für das zukünftige Wohl der Menschheit wohl die bedeutendste und wichtigste lebende Persönlichkeit auf Erden. Wer soll es denn sonst sein, bitteschön?

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