125_ehrlichkeit

Liebe Leser,

mein guter und teurer Freund Hans schrieb mir kürzlich eine bedeutungsvolle Notiz per whatsapp. Diese lautete:

Heute beim Metzger.
Ich: „Bitte eine Lebkässemmel.“
Verkäufer: „Gerne!“
Ich: Mit süßem Senf bitte.“
Verkäufer: „Gerne, kein Ding!“
Ich: „Und eine Cola.“
Verkäufer: „Aber sehr gerne doch!“
Ich: „Die nehme ich mit.“
Verkäufer: „Kein Thema!“
Solche übertrieben höflichen Verkäufer nerven, weil sie einem absurderweise das Gefühl geben, dass man ihnen dankbar sein muss. Früher war der Metzger wortkarg und ruppig („Und wos griagn Sie?“), aber es hat sich ehrlich angefühlt.

Das finde ich interessant und ist durchaus eine tiefergehende Betrachtung wert. Ich denke: Es wird in Bayern zunehmend schwieriger, beim Einkaufen unfreundlich angeraunzt zu werden. Man beginnt schon das vertraute Gefühl zu vermissen, dass man sich an der Theke beim Metzger oder Bäcker für Nachfragen oder gar für Sonderwünsche entschuldigen müsste.
Allüberall diese fürchterliche Nettigkeit! Das kann doch nur unehrlich gemeint sein, was denn sonst! Auch in den Gastwirtschaften: Man muss heutzutage ja froh sein, wenn man noch wahrhaftig grantig bedient wird. Herrliches altes Bayern, du stirbst langsam aus.

Ich dagegen hatte erst kürzlich ein Erlebnis mit einem Münchner Schreiner, da wurde mir schnell klar: Der gute Mann meint es vollkommen ehrlich mit mir.

Ich wollte mir nämlich gerne für ein vorhandenes offenes Bücherregal Türen anfertigen lassen. Und zwar war mein dringender Wunsch, dass die Oberfläche der Türen mit einem Furnier names Afrormosia gefertigt sein sollten. Das ist ein stark rötliches Holz, was Tropisches, aber durchaus nicht so exotisch, dass es beim Furnierhändler nicht zu bekommen wäre (hatte ich doch längst gegoogelt).
Jedenfalls sprach der Schreiner meiner Wahl:

„Hören Sie, so ein Furnier ist mir nicht bekannt, sind Sie sich da überhaupt sicher, ob es das gibt? Also, mein Zulieferer bietet Ihnen gerne alternative Oberflächen an.“
Ich: Ich hätte aber schon sehr gerne dieses Afrormosia-Holz, die Regaltüren sollen was Besonderes sein, das ist mir schon was wert.«
Er: „Wissen Sie, Sie können das gerne so haben, aber nicht bei mir. So ein Furnier wird nicht in kleinen Mengen angeboten, es steht doch gar nicht dafür, das zu bestellen, nur für ein paar Regaltüren. Das ist ein Aufwand, der lohnt sich ja nicht.«
Ich: „Trotzdem, was würde es denn kosten?“
Er (ein wenig aufgebracht): „Hören Sie, ich mache sowas nicht mehr. Ich bin inzwischen ein paar Monate im Jahr in Südamerika auf Reisen, das ist das, was mich begeistert. Wenn es sich bei Ihnen um einen großen Auftrag, ein ganzes Regal, handeln würde, ja, das wäre schon was anderes, aber die paar Türen…«
Ich: „Das verstehe ich, das Reisen gefällt Ihnen also mittlerweile besser als die Schreinerarbeit.“
Er: „Darauf können Sie aber so was von Gift nehmen. Ich schlage vor, Sie melden sich einfach wieder, wenn Sie es sich überlegt haben.“

Nun, das nenne ich eine grundehrliche Konversation ohne übertriebene heuchlerische Höflichkeitsfloskeln. Natürlich bekam der Schreiner von mir den Auftrag nicht, soll der gute Mann doch sein Glück in Südamerika finden, das gönne ich ihm von Herzen. Aber wenn ich eine Leberkässemmel will, dann will ich keine Semmel mit einem Schnitzel drin. Ja mei.

Es ist so eine Sache mit der Ehrlichkeit. Man muss sie sich schon auch leisten können.
Sollte ich irgendwann auf die närrische Idee kommen, mir ein exklusives neues Möbel bauen zu lassen, dann werde ich einen ganz bestimmten Schreiner nicht mehr anfragen, das ist logisch.
Aber wenn man mir beim Metzger solche Floskeln wie „Kein Thema!“ und „Kein Ding!“ hinwirft, dann nehme ich das zur Kenntnis, lächle in mich hinein, lasse mir die Leberkässemmel schmecken und komme gerne wieder. Kein Ding.

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