149_shoppen

Liebe Leser,

heute war ich mal wieder mit meiner lieben Tochter Linda (der jüngeren meiner beiden herzallerliebsten Töchter) unterwegs. Sie meinte, sie würde meine Begleitung in die Innenstadt sehr schätzen, sie brauche auch ein Geburtstagsgeschenk für ihre Mama.
Da ich nichts weiter zu tun hatte und natürlich wusste, dass mich Linda völlig uneigennützig mitnimmt und nicht deshalb, weil Shoppen ohne Geld nur halb so schön ist, schloss ich mich gerne an.

Früher ging mir Linda dann auf die Nerven, wenn sie darauf bestand, in die Innenstadt mit dem Auto gebracht zu werden. Was ich natürlich wegen der irrsinnigen Parkplatzsucherei und auch grundsätzlich überhaupt und sowieso stets abgelehnt hatte. Deswegen hatte es so manchesmal Gezetere gegeben.
Doch die inzwischen 17-jährige Kleine wird anscheinend vernünftig, und sie schlug von selbst vor, die U-Bahn zu nehmen. Und das trotz Maskiererei. Na gut, Linda ist es inzwischen gewöhnt, Mund und Nase zu verdecken, tagtäglich in der Schule wird es ja verlangt. Ganz im Gegenteil zu ihrem Vater, der immer glaubt, er müsse gleich ersticken.

Linda:
„Weißt du, Papa, was ich total krass finde? Dass ich mich schon so daran gewöhnt habe, eine Maske zu tragen und andere im Unterricht nur noch mit Maske zu sehen, die ganze Zeit über, dass es mir völlig normal vorkommt, dass Menschen ohne Mund- und Nasenpartie existieren, die schauen einfach so aus und die haben nicht mehr den Rest des Gesichts. Wenn ein Mensch dann seine Maske abnimmt, ist er für mich ein komplett anderer Mensch, eine neue Person. Finde ich total krass.“

Plötzlich fing ein älterer Mann auf dem Bürgersteig zornig lautest an zu plärren, dafür hatte er seinen Mundschutz heruntergezogen:
„Scheiß verdammte Radlfahrer! Scheißpack!“
Anscheinend hatte ihn ein Radler auf dem Bürgersteig (!) geschnitten und auch noch eine blöde Bemerkung gemacht. Der Mann war wirklich zornig!

Linda: „Papa, wenn DU dich so aufführen würdest, das fände ich unmöglich.“
Papa: „Ja mei, der hat seine arge Wut bestimmt aus ganz anderen Gründen gespeichert, der Radlfahrer gab ihm halt ein Ventil. Das muss man verstehen. Außerdem tut es gut, sich manchmal zu befreien und laut zu plärren. Das ist gesund. Ich rege mich schon auch manchmal auf über die depperten Fußgänger, die mich beschimpfen, wenn ich mit meinem e-Bike knapp an ihnen vorbeirolle.“

Linda und ich spazierten fröhlich weiter, eigentlich wollte sie ja am Samstag shoppen, da wäre mehr Zeit gewesen als an einem Freitagabend um 18 Uhr. Aber am 3. Oktober musste ja Tag der Deutschen Einheit gefeiert werden. Ausgerechnet an einem Samstag!

Linda: „Wie kann man nur einen Feiertag auf einen Samstag legen. Das ist doch totaler Quatsch. Das könnte man doch anders organisieren.“
Papa: „Mich nervt das auch. Sonntage sind schon solche toten faden Tage, nun auch der Samstag, das ist wirklich saublöd gemacht.“

Ich fing dann im U-Bahn-Tiefgeschoss ziemlich laut an zu rufen: „Wie kann man nur einen Feiertag auf einen Samstag legen!“
Komischerweise drehte sich kein Mensch nach mir um. Das fand Linda auch erstaunlich. Und sie sagte nicht einmal zu mir: „Papa, hör auf, das ist doch peinlich!“ Nein, das sagte sie nicht, das hat sie wirklich nicht zu mir gesagt. Wie cool ist das denn?

Wir spazierten mit Maske in die U-Bahn, jeder Fahrgast trug eine.
Papa: „Stell’ dir vor, die Gundhilde, meine frühere Putzfrau, wurde in der U-Bahn verhaftet, weil sie sich geweigert hat, eine Maske zu tragen. Die Gundhilde ist doch extrem gottesgläubig. Die vertritt ja felsenfest die Ansicht, dass sie von Jesus davor bewahrt wird, krank zu werden, deshalb steckt sie sich nicht an und braucht auch keinen Mund- und Nasenschutz.“
Linda: „Ach Gott, die Gundhilde! Die ist doch total crazy! Was wurde dann mit ihr gemacht?“
Papa: „Die wurde von der Polizei mitgenommen, keine Ahnung, was danach noch passiert ist. Die Gundhilde ist ja arm wie eine Kirchenmaus, eine herzensgute alte Dame, die hat viel Schlimmes in ihrer Kindheit mitgemacht, die kann sich glücklich schätzen, dass sie im Alter mit ihren Gottesvisionen selig geworden ist. Der Glaube macht sie zu einem fröhlichen und lieben Menschen.“

Schließlich kamen Vater und Tochter in die Kaufinger Straße, das Shoppingparadies im Herzen Münchens. Vor dem trendigen Begleidungsgeschäft „OUTFITTERS“ stand eine zwanzig Meter lange Schlange von geduldigen Girlies, die wohl dachten, sie könnten knapp eine Stunde vor Ladenschluss noch Klamotten aussuchen und danach in den paar wenigen Umkleidekabinen auch noch anprobieren.
Linda checkte die Situation sofort:
„Papa, das können wir vergessen, oh no!“
Papa: „Ja, ich bin erstaunt, wie geduldig diese jungen Mädels sind. Dass die sich da alle anstellen! Würde ich niemals machen. Würde ich nicht aushalten, diese Warterei! Komm, wir gehen weiter.“

Ich war nachhaltig beeindruckt von der unglaublichen Unzickigkeit meiner Tochter. Sie schien der Pubertät entwachsen zu sein. Ohne dass sie auch nur ein klein wenig jammerte, spazierten wir munter weiter in Richtung Sendlinger Straße, zur Hofstatt, und darüber hinaus.
Natürlich kannte Linda ein weiteres Damenbekleidungsgeschäft: „& OTHER STORIES“. Das war erstaunlich frei von Kundinnen und ich hatte keine Bange, mit Linda einzutreten. Schnell fand meine Tochter eine sagenhaft schöne weiße Winterjacke, die sie mit Entzücken anprobierte. Ich fand, dass das wirklich gut aussah an ihr und hielt damit auch nicht hinter dem Berg.

Papa: „Was kostet denn die?“
Linda sah auf das Preisschild und verzog das Gesicht: „Oh, ziemlich teuer! 99 Euro!“
Papa: „Du musst ein paar Meter mit ihr herumlaufen, damit du sicher bist, dass sie dir auch bequem ist. Ich habe schon öfters unüberlegt Jacken gekauft, die ich dann nur noch einmal angezogen habe. Hat diese Jacke Innentaschen? Innentaschen sind schon wichtig, für die Geldbörse zum Beispiel.
Linda sah nach: „Hat sie nicht, brauche ich aber auch nicht. Ach, ist die Jacke schön. Die sieht richtig gut aus. Papaaa, bekomme ich die?“

Unzickige Mädchen bekommen alles von mir. Das macht mir Spaß.
(Andere Mädchen, die aus unerfindlichen Gründen behaupten, es sei lebensgefährlich, mit mir Auto zu fahren, mag ich aber trotzdem auch gern, selbst wenn das empfindlich an meiner Eitelkeit kratzt).

Linda verabschiedete sich — selig wegen der neuen schönen weißen Jacke — am Marienplatz von mir, sie könne mit der U-Bahn nun direkt zu ihrer Freundin Lina fahren, da gäbe es ein kleines Fest.

Der zurückgelassene Vater spazierte im Schneckentempo an tausend Maskenträgern vorbei, Richtung Stachus, um sich auch erneut ins U-Bahn-Netz einzuklinken. Sein Stoffmundnasenschutz war mittlerweile schweißgebadet, so wie er selbst, als er daheim ankam, um diesen Blog zu schreiben.

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