153_für den arsch

Liebe Leser,

meine Wenigkeit ist aktuell mit einer neuen großen Herausforderung konfrontiert, in meinem an bisherigen Herausforderungen nicht gerade armen Komfortzonenleben. Das darf ich ausschweifend erläutern.

Vor ein paar Wochen zeigten sich in meinem Heim an einer Wand ungut grünbraungräuliche Stock- und Schimmelflecken in Bodennähe. Und zwar unweit von dort, wo sich auch meine kleine Toiletten- und Nasszellenörtlichkeit befindet. Offensichtlich endlich mal wieder ein Wasserschaden, das hatte ich schmerzlich vermisst.

Ein versierter Lecksucher fand erstaunlich schnell heraus, dass sich die Ursache des Malheurs in meinem Toiletten-Spülkasten befand: Darin tropfte es stetig aus einem undichten Ventil nicht in den Spülkasten hinein, sondern vor allem munter ins unergründliche Mauerwerk. Diese Tropferei war offensichtlich bereits seit Monaten unerkannt im Gange und weil Wasser immer einen Weg findet, hatte es sich ausgebreitet, unter dem Fliesenboden, hatte anliegende Wände gut durchfeuchtet, jawohl, genau.

Als die Versicherung zugesagt hatte, für die anstehende Sanierung aufzukommen, wurden gewaltige Turbinen aufgestellt, die große Ventilatoren betrieben. Schläuche wurden in den Hohlraum hinter dem Klosett, in den Fliesenboden und in einen Wandschacht eingeführt, sie blasen unentwegt heiße Luft hinein, ein wildes Rauschen erfüllt seit einer Woche meine Wohnung. Der Heilungsprozess soll noch einige Tage andauern, ich bin froh, dass bei mir endlich mal wieder was los ist.

Aber davon wollte ich eigentlich gar nicht erzählen, das war nur die bescheiden spannende Vorgeschichte, tut mir echt leid.
Ich will auch gar nicht davon berichten, dass ich seit Wochen keine funktionierende Klosettspülung mehr habe, sondern mit einem mit frischem Leitungswasser gefüllten Eimer arbeite, um diverse Teile hinfortspülen zu lassen.

Der gute Installateur Bremberger wird mir jedoch im Dezember, noch vor Weihnachten, die marode Klosettspülung reparieren, wie wunderbar. Apropos Weihnachten: Der Zinkl plant nun in diesem Zusammenhang, sich auch eine nigelnagelneue Kloschüssel zu schenken, denn alles neu macht der Dezember!
Bremberger hat mich deshalb zu Gienger ELEMENTS geschickt, dort gibt es angeblich eine großartige Auswahl von Klosettschüsseln. „Suchen Sie sich eine aus“, hat der Bremberger gesagt, „die bestelle ich dann und baue sie Ihnen ein.“

Puuh, heute bin ich zu Gienger ELEMENTS in den Euroindustriepark geradelt. Mein Gott, wenn ich das schon höre: ELEMENTS! Wieso kann es bitteschön nicht heißen wie anno dazumal: Gienger Sanitäranlagen, das klingt doch tausendmal besser und man versteht sogar, was gemeint ist!

Ich durchwanderte dort unzählige Musterbad-Abteile und hockte mich auf jede verfügbare Kloschüssel, freilich in Jeans. Um zu prüfen, welche Klobrille meinem Hintern am wohlsten tut. In Jeans kann man das aber überhaupt nicht beurteilen, das darf hier angemerkt sein.
Auf jeden Fall war ich danach ziemlich unschlüssig, ob es das Modell INRWWCOS „Inspira Round“ mit dem Sitz #INRSIAS für schlappe 683,50 Euro zzgl. MwSt. sein sollte oder das Modell #DERWWCOSV von VIGOUR mit dem WC-Sitz #DERSIAS für insgesamt nur 385,- Euro zzgl. MwSt.

Ich erinnerte mich in diesem Zusammenhang daran, dass ich mal im Hotel Meister BÄR Vogtland in Reichenbach übernachtet habe. Dort saß ich auf der allerbequemsten Klosettbrille ever, die war so bequem, unfassbar dermaßen bequem, leicht schalenförmig! So beeindruckt war ich von dem Sitzkomfort gewesen, dass ich davon sogar ein Foto gemacht habe, vom guten alten DDR-Fabrikat „Ideal Standard“. Am liebsten hätte ich damals das ganze Klo herausreißen lassen und nach München mitgenommen, aber das wurde mir nicht erlaubt.

Ich vermute, die Deutsche Demokratische Republik hat damals so saubequeme Klobrillen anfertigen lassen, weil deren Systemgegner ihre konspirativen Sitzungen dort abzuhalten pflegten — der Geheimdienst der DDR verwanzte alle Ideal Standard-Kloschüsseln und war daher immer bestens im Bilde.
Aber diese Zeiten sind Gott sei Dank vorbei. Und inzwischen gibt es nur noch superstylische Klobrillen, die eckig und hart sind, so dass man sein Geschäft so zügig wie möglich verrichten möchte — bevor man sich blaue Flecken in den Allerwertesten drückt.

Ich habe mich bei Gienger ELEMENTS schließlich heimlich mit nacktem Hintern auf die Klobrillen gesetzt, testweise, aber auch das hat mir nicht geholfen zu entscheiden, welches Klosett mir der Bremberger bestellen soll.
Man hat mich leider danach hinausgeworfen aus dem feinen Laden, anscheinend hat eine Kamera mein unflätiges Tun festgehalten. Lebenslanges Gienger ELEMENTS Besuchsverbot, teilte man mir mit. Puuh! Wie soll ich nun die optimale Kloschüssel für mich finden? Doch nochmal ins Hotel Meister BÄR Vogtland fahren und neue Verhandlungen führen?

Die Ladenkette MANUFACTUM prahlt mit dem Werbeslogan „Es gibt sie noch, die guten Dinge“. Aber auch dort verkauft man keine bequemen Klosettbrillen, nur altmodische Lederaktentaschen und Kochlöffel aus Zirbelholz.
Ich muss mir ganz einfach Zeit lassen mit der Suche, darf nichts übers Knie brechen. Bis Corona vorbei ist, werde ich ganz bestimmt auch eine neue Örtlichkeit besitzen, die so komfortabel ist, dass mich Freunde und Bekannte nur noch deswegen besuchen werden. Einmal beim Zinkl sitzen dürfen, wie geil ist das denn?

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