163_mutanten

Liebe Leser,

es gab einmal eine Zeit, da waren Mutanten etwas sehr Gutes. Und zwar Anfang der 70er Jahre, als Perry Rhodan die Dritte Macht gründete.

Eigentlich war der amerikanische Astronaut „nur“ auf den Mond geschickt worden — es war die allererste bemannte Reise der Menschheit nach Luna. Aber es lief nicht ganz so, wie geplant. Denn Rhodan und sein Team entdeckten dort ein havariertes Raumschiff einer außerirdischen Zivilisation. Die beiden Besatzungsmitglieder waren der steinalte, an Leukämie erkrankte Crest und seine wunderschöne aber hochnäsige Tochter Thora. Das Volk der Arkoniden verfügte über eine unglaubliche Technik, dagegen waren die Instrumente und Möglichkeiten der Menschen vergleichsweise steinzeitlich.
Rhodan sagte zu seinem Freund Reginald: „Wenn diese exorbitante außerirdische Technologie in die Hände der Regierungen fällt, dann ist es vorbei mit dem sowieso schon sehr wankenden Frieden in den Zeiten des Kalten Krieges. Das ist dann wahrscheinlich der Untergang der Menschheit.“

Also tat Rhodan das einzig Richtige. Er versprach Crest, ihn auf der Erde ärztlich versorgen zu lassen und flog mit den beiden Arkoniden in ihrem kleinen Shuttle in die Wüste Gobi — ohne seine Raumfahrtbehörde darüber zu informieren. Dort errichtete er mit Arkonidentechnik eine für irdische Waffen absolut undurchdringbare Kuppel aus reiner Energie und informierte die Weltmächte USA und Sowjetunion darüber, dass am besten ab sofort er, Rhodan, Präsident der ganzen Welt sei und für dauerhaften Frieden und Sicherheit sorgen würde. Gut, sagten sich die Weltmächte, wir zeigen ihm schon, wo der Hammer hängt und bombardierten die kleine Wüstenstation kräftig mit allem was sie hatten. Natürlich hielt das der arkonidische Schutzschirm aus.

Ganz so einfach war es für Rhodan dennoch nicht, Chef der Erde zu werden. Und da kamen nun die Mutanten ins Spiel. Es waren Leute vor allem aus Japan, die kurz nach 1945 geboren worden waren, also nach der Hiroshimakatastrophe. Ihre Gene waren durch die radioaktive Strahlung verändert worden, aber durchaus nicht zu ihrem Nachteil – sie hatten dadurch ganz außergewöhnliche parapsychische Fähigkeiten erhalten.
Tako Kakuta war Teleporter, er konnte sich also mittels Gedankenkraft beamen, wohin er wollte. Anne Sloane war Telekinetin, sie konnte Gegenstände schweben lassen und noch einiges mehr verursachen. Kitai Ishibashi war Suggestor, er konnte anderen Menschen seinen Willen aufzwingen, diese mussten dann wie Marionetten tun, was er ihnen per Gedankenkraft eintrichterte.
Solche Zeitgenossen und noch einige weitere mit ganz unterschiedlichen erstaunlichen Talenten überzeugte Perry Rhodan davon, in den Dienst seiner guten Sache zu treten.
Nach einigen wirkungsvollen Einsätzen von Rhodans Mutantentruppe blieb den Weltmächten nichts anderes übrig, als sich zu fügen — Perry Rhodan wurde Großadministrator, heiratete die schöne und dann nicht mehr ganz so hochnäsige Thora und gründete ziemlich flott das Solare Imperium.

Ach, wenn es doch in Wirklichkeit auch so einfach wäre. Nun gut, immerhin ist der eine böse Trump-Mutant endlich weggebeamt worden — aber dafür sind andere aufgetaucht, sehr winzige, und die stellen sich ebenfalls ganz und gar nicht in den Dienst der Menschheit. Die lassen sich weder mit vernünftigen Argumenten überzeugen, die hören nicht mal richtig zu. Dazu kommt: Rhodans Truppe war überschaubar, es waren gerademal eine Handvoll Leutchen, die ihm zur Seite standen. Aber dieses Dreckspack, welches sich heutzutage rasend vermehrt und sich einnistet in die Lungen der Menschen, ist weder irgendwas wert noch ist ihm leicht beizukommen, weil es ja hemmungslos vor sich hinmutiert.
Ja mei, wir leben halt nicht in den wunderbaren Zeiten der Science Fiction, als man mit lieben Mutanten ein Happy End herbeizwingen konnte.

Der Zinkl hat die Perry Rhodan-Serie geliebt und im Laufe seiner Jahrzehnte ca. 70.000 Seiten davon gelesen. Er kann also durchaus behaupten, ein Fachmann für Mutanten und natürlich auch für Außerirdische zu sein. Soweit ich mich erinnere, haben Viren in den meist zweijährigen Themenzyklen der Serie nie eine Rolle gespielt. Das ist den Autoren damals gar nicht in den Sinn gekommen, es gab ja die üblichen Schutzimpfungen gegen Masern, Röteln, Mumps — von Viren ging schon lange keine nennenswerte Gefahr mehr aus.
Die Herren Scheer und Darlton — 1961 die Gründungsväter der Serie — schrieben über Invasionsversuche außerirdischer Aggressoren, über unfassbar mächtige Superintelligenzen, über noch mächtigere Kosmokraten und Chaotarchen, sie verteilten Zellaktivatoren für ewige Gesundheit und natürlich auch für ewiges Leben — Perry Rhodan, Baujahr 1937, agiert seit über 3.000 Jahren immer noch frisch und munter.

Dass der Menschheit in der realen Welt bereits am Anfang des dritten Jahrtausends nach Christus ein solch jämmerliches Dilemma widerfährt, das hätten sich die beiden einfallsreichen Schriftsteller niemals träumen lassen. Keine Invasion durch die echsenartigen Topsider, keine Unterwerfung durch die technologisch weit überlegenen Laren, keine allumfassende IQ-Senkungsstrahlung durch den kosmischen Schwarm — nur ein paar lausige Viren, die sich laufend verändern. Mein Gott, wie trivial. Wie langweilig. Wie öde.

Richtig: Das wahre Leben ist kein spektakuläres Abenteuer in Millionen von Lichtjahren entfernten Galaxien, sondern ein braves Daheimbleiben in seiner muffigen Bude am Abend, weil man sonst von der Polizei eine Geldstrafe bekommt. Bäh!

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