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Liebe Leser,

wenn mich der Hafer sticht, dann schaue ich mir auf meinem Smartphone die Tagesschau-App an und lasse mich von schlechten Nachrichten berieseln.
Soeben habe ich mir die Freude gemacht und flugs erfahren, dass die Buchungszahlen für einen Urlaub auf Mallorca explodieren. Jawohl, man darf endlich wieder dort hinfliegen, was habe ich doch den Ballermann vermisst.

Die reiselustigen Deutschen werden danach bestimmt einige Mutanten mit im Gepäck haben, wenn sie in ihre Heimat zurückkehren. Grund genug, die bayerischen Gastwirtschaften und Hotels weiterhin geschlossen zu halten und natürlich die hiesigen Fitness-Studios und deren Wellness-Oasen ebenfalls. Ich rege mich über den Irrsinn gar nicht mehr auf, denn es ist sinnlos. An meinem Computerbildschirm steht das von mir höchstpersönlich hingeklebte Spruchband „Ich bleibe gelassen und freue mich an dem, was ist.“ Genau, das tue ich.

Hilfreich ist da auch mein neues Spielzeug. Im Blog Nr. 162 hatte ich berichtet, dass ich als Kind zwischen der Wahl einer Carrera-Rennbahn und einer Märklin-Modelleisenbahn entscheiden durfte und leider nicht die Eisenbahn gewählt hatte. Daraufhin hat mir meine liebe Tochter Marlen vor zwei Wochen ein sensationelles Geburtstagsgeschenk gemacht.

Es ist eine Alpenlandschaft im Format 43 x 43 x 19 cm, um welche ein exakter Schienenkreis führt, für ein Eisenbahnchen Spur N. Jawohl, das weiß ich jetzt auch: Spur N hat die kleinsten Schienen, ganz wunderfein.

Marlen hatte im Internet einen gewissen Michael Graf von Berga aus dem schönen Elbsandsteingebirge aufgestöbert, welcher sich auch Mister Mini nennt. Der gute Mann baut Modelleisenbahnanlagen mit Liebe, Leidenschaft und Präzision und obwohl er für die Kreation seiner Wunderwerke über ein Jahr ausgebucht ist, konnte Marlen dieses Modell kurzfristig von ihm erwerben.
Was für ein Glück, was für ein Segen! Vor allem, wenn man bei ebay schaut, was da zu diesem Thema für ein altes Geraffel angeboten wird.

Damit in mein neues Feriendomizil auch Bewegung kommt, habe ich mir bei ebay einen Fleischmann-Fahrtregler schicken lassen und eine ARNOLD Rapido, Spur N, Dampflokomotive, 89 6009.
Ich war schon sehr skeptisch, ob das wohl funzen würde, ich habe ja keine Ahnung, wie der Strom in die Schienen kommt und wie der Strom von den Schienen in die Dampflok kommt. Daher war ich gefasst darauf, dass sich nichts regen würde. Aber weit gefehlt!

Täglich lasse ich nun die ARNOLD Rapido mit ihrem schwarzen Kohlewagen kreisen, manchmal ganz beschaulich, manchmal auch mit 80 km/h, das geht ohne weiteres. Und bin mittlerweile voll in die Spur N-Welt eingestiegen. Habe zusätzliche Tannenbäumchen erworben, ein Konvolut von winzigen Damhirschen, natürlich auch noch Personen- und Güterwagen für die starke Lok.

Und habe mich weit aus dem Fenster gelehnt mit dem Erwerb von drei Gittermastleuchten. Denn hierzu muss ich mich zum Modelleisenbahnelektriker ausbilden, zum Meister des Lötkolbens entwickeln und wissen, welche Widerstände man braucht, damit die winzigen Lämpchen keinen Volt-Overkill erleiden.

Ich will euch, meine lieben Leser, nicht langweilen, deshalb erzähle ich nicht, dass ich nun vorhabe, eine zusätzliche Winterlandschaft mit havariertem Alienraumschiff zu installieren, eine surreale Welt mit winzigen Dinosauriern und sonstigem Schnickschnack, auf den der seriöse konservative Modelleisenbahner nie im Leben kommen würde. Alles klar?

Genau deshalb muss ich nicht nach Malle düsen, da pfeife ich drauf. Die Welt der Fantasie bringt ungleich mehr als Sonne und Meer. Ha, das reimt sich auch noch. Trotzdem finde ich es zum Kotzen, dass mein Body and Soul-Hallenbad noch immer nicht aufmachen darf. Da hilft mir mein Computer-Spruchband dann auch nicht mehr. Im Wasser ist Chlor, das vertragen doch die Mutanten nicht! Aber was rege ich mich auf, da lasse ich lieber nochmal die Lok kreisen, das senkt den Blutdruck. Kreise, mein Lökchen, kreise. Kreise um die kleine Zinklalpenwelt, bis das der Coronatod uns scheidet.

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