176_Gender

Liebe Lesexxxxxx,

in einer schlaflosen Nacht treibt mich die quälende Frage um, wie man ein neues Gender-Bezeichnungssystem erschaffen könnte, bei welchem sich kein noch so individuell gearteter Mensch zurückgesetzt / benachteiligt / gekränkt / ungerecht etc. behandelt fühlen könnte — in einer Zeit, in welcher dieses Thema immer wieder und immer mehr ein Thema ist, an welchem sich die Gemüter erhitzen. Zinkl, dem ein erhitztes Gemüt nicht gefällt, will hier nun endlich Abhilfe schaffen.

Man liest seit geraumer Zeit manchmal Begriffe wie Leser*innen oder Bewerber*innen oder Zuhörer*innen. Das Sternchen zwischen Männlein und Weiblein soll wohl bedeuten: dazwischen, weder das eine noch das andere. Eine Sonderstellung gewissermaßen. Mir kommt das nicht so ganz gelungen vor.

Menschen, die sich nicht zu den männlichen oder weiblichen Heteros zuordnen lassen können oder dies nicht möchten, wollen doch nicht unbedingt einen Sonderstellungsstatus haben, sondern genauso NORMAL behandelt werden, wie jeder andere auch. Sehe ich das richtig?
Schwule, Lesben, Transsexuelle und was es sonst noch gibt in Gottes bunter und vielgestaltiger Homo sapiens-Schöpfung haben es in der Gesellschaft sicher immer noch schwerer als die Heteros — trotzdem gehe ich davon aus, dass sie eben nicht als sonderliche Zwischenwesen angesehen werden möchten.

Das tut die Bezeichnung Leser*innen oder Fahrer*innen etc. aber! Sie stellt das Männliche voran, das Weibliche in zerstückelter Form hintenan und degradiert alle anderen Personen zu einem kleinen Sternchen, da es auf der „Schreib(maschinen)tastatur“ noch immer keine Sterne gibt, die einen größeren Raum (von beispielsweise einem großen „O“) einnehmen.
Man müsste weltweit neue Tastaturen einführen, welche einen großen Stern tippbar machen. Ich sehe aber ein, dass diese Modifikation ein sehr aufwändiger und langwieriger und natürlich kostspieliger Prozess wäre. Und letztendlich wäre auch ein größerer Stern keine wirklich befriedigende Lösung, sondern immer noch ein extriges Zwischensymbol im Hetero-Duett. Besser zwar freilich, als gar kein Symbol, so wie es die katholische Kirche immer noch am liebsten hätte, aber dieses giftige Fass möchte ich hier geschlossen halten, auch weil es nicht wirklich zum Thema gehört.

Neuerdings habe ich gesehen, dass manchmal anstelle eines Sternchens ein Doppelpunkt zum Einsatz gebracht wird! Sieht dann so aus: Leser:innen oder Kamerad:innen oder Sportler:innen. Ich finde, das macht es auch nicht besser, sieht mindestens genauso komisch aus und behält den fragwürdigen „Dazwischen-Status“ bei. Ein Schwuler steht nämlich nicht zwischen Heteromann und Heterofrau, eine Lesbe ebensowenig, ein Hermaphrodit auch nicht.

Was tun, sprach Zeus? Nun, der Zinkl hat sich dazu etwas Neues ausgedacht, was gut funktionieren würde und absolut unanfechtbar wäre in Bezug auf eine Gleichberechtigung aller Homo sapiens-Gender. Ich darf es erklären:

Man nehme als erstes das passende Verb oder Substantiv (Tunwort oder Hauptwort) in einer reduzierten, auf jeden Fall ungegenderten Form, wie beispielsweise: LESE, FAHRE, LEHRE, SCHAUSPIELE, KOMIKE, DIREKTO, TÄNZE. Und dann hängt man dahinter sechs (notgedrungen kleine) Sterne dran: LESE******, FAHRE******, LEHRE****** usw.
Die sechs Sternchen bedeuten in beliebig annehmbarer Reihenfolge: hetero männlich, hetero weiblich, schwul, lesbisch, bisexuell, sonstige.

Kein Homo sapiens wäre mit diesem Bezeichnungssystem benachteiligt, mehr Genderbezeichungsgerechtigkeit könnte es eigentlich gar nicht geben. Gewiss ist dieses System relativ gewöhnungsbedürftig, aber hey, da muss man durch, wenn man Humanismus und Demokratie leben will. Innovationen verlangen eine gewisse geistige Flexibilität und einen Umdenkprozess, das ist ja nichts Neues.

Allerdings: Wie liest sich das, wenn es hörbar gemacht werden soll, durch Leute, die einen Vortrag oder einen Lesung halten? Sehr geehrte Zuhöresternchensternchensternchensternchensternchensternchen.
Das ist tatsächlich ziemlich umständlich und nervig und ich kann mir vorstellen, dass bei seriösen Vorträgen bei den Zuhöresternchensternchensternchensternchensternchensternchen kein Auge mehr trocken bleiben würde. Deshalb merken wir hier schon: Das Sternchen taugt nicht. Aber ein Doppelpunkt anstelle dessen wäre selbstredend genauso fürchterlich: Zuhöredoppelpunktdoppelpunktdoppelpunktdoppelpunktdoppelpunktdoppelpunkt.

Versuchen wir es mit einem anderen Zeichen, welches sich kurz liest: Liebe Zuhöre@@@@@@. Das sieht halt leider aus, als hätte ein total Betrunkener eine E-Mail-Adresse eingeben wollen. Und es hört sich so an: Liebe Zuhöreetetetetetet. Klingt ja fast wie Täterätätä. Auch nicht ideal. Wir wollen die Angelegenheit nicht ins Lächerliche ziehen.

Nehmen wir ein „x“! In der Anwendung schreibt und spricht sich das dann folgendermaßen:
Die Lehrexxxxxx sind durch die Pandemie deutlich mehr gefordert. Die Autofahrexxxxxx müssen sich auf höhere Benzinpreise einstellen. Die Artisxxxxxx zeigten beeindruckenden Seiltanz. Die Demonstranxxxxxx sollten Masken tragen.

Das funktioniert und klingt doch ganz hervorragend! Ich bin begeistert, wie sich mit diesem neuen System das Genderbezeichnungsproblem höchst elegant lösen lässt. Und es spricht sich auch ziemlich sexy aus. Letztendlich geht es doch auch um Sex. Es geht fast immer nur um Sex. Bei den Heteros, bei den Homos, bei den Bi’s, bei den Sonstigen. Es geht bei diesen allen nicht immer unbedingt um Fortpflanzung, das ist ja (bio)logisch, aber: Alle wollen sie guten Sex. Die Künstlexxxxxx genauso wie die Buchführexxxxxx, die Maschinenbauexxxxxx genauso wie die Gärtnexxxxxx.

Mein neues Gender-Begrifflichkeitssystem ist gerecht, verständlich und sexy. Mehr kann man nicht wollen.
Leider habe ich das Gefühl, der Rufer in der Wüste wird mal wieder nicht gehört! Stattdessen wird man weiter mit dem Unsexydoofsternchen oder dem Unsexydoofdoppelpunkt — eng eingeklemmt zwischen den Heteros — arbeiten, keine echte Gendergleichberechtigung entstehen lassen, und es liest sich natürlich auch schlecht, liebe Lesersterninnen, liebe Leserdoppelpunktinnen. Schlechter als Lesexxxxx auf jeden Fall, oder? Oder?

 

PS.:
Dieser Aufsatz wurde übrigens in Wien verfasst. Das ist die Weltstadt, welche in kultureller und kreativer Hinsicht deutschen Großstädten wie Berlin, Hamburg oder München immer eine Nase voraus sein wird. Und in welcher es längst gang und gäbe ist zu sagen: „Die Wienexxxxxx san de Leit mit de leiwandste Mistkübln in da ganzn Stadt. Echt wahr.“

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