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Liebe Leser+++innen,

zwei- oder dreimal am Tag klingelt mein Festnetztelefon. Es mag eine altmodische Geste von mir sein, aber ich besitze noch eines, von der Firma Telekom: das Modell Concept PA 415. Junge hippe Leute wie meine Tochter Marlen verzichten schon lange darauf, ihnen reicht völlig ein Smartphone.

Mein Festnetztelefon kann wenig. Es kann keine Fotos knipsen, es kann keine Songs von Billy Joel abspielen, es kann nicht Social Media — ja, es kann nicht einmal SMS, von whatsapp ganz zu schweigen. Zwar hat es einen Anrufbeantworter, aber da niemals ein Mensch eine Nachricht aufspricht, ist dieser überflüssig. Das Telefon besitzt ein Adressenverzeichnis, jedoch habe ich dieses vor einem halben Jahr versehentlich gelöscht — und bin nun zu träge, um über die 12 runden Multifunktionstasten erneut die Nummern von Familienmitgliedern, Freunden und Geschäftspartnern einzugeben. Ja mei.

Was schrieb ich noch gleich? Das Gerät klingelt zwei- oder dreimal am Tag. Richtig. Ich liege zu dieser Zeit immer auf meiner schwarzen Ledercouch und sinniere darüber nach, mit welchen Inhalten ich die jeweils folgenden fünf Minuten meines Lebens ausfüllen werde. Wenn es klingelt, erhebe ich mich keinesfalls. Denn ich weiß mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit, dass wieder jemand vom CLUB OF THE MUTE CALLERS dran sein wird. Ich finde das sehr beruhigend, denn diese Anrufer wollen und brauchen rein gar nichts von mir. Sie überprüfen mit ihren Anrufen lediglich, ob mein Telefon noch angeschlossen ist. Sie sprechen niemals ein Wort, man hört sie auch nicht schnaufen. Sie sind unglaublich dezent, total rücksichtsvoll mir gegenüber.

Manchmal, wenn ich an meinem Arbeitsplatz sitze, schaue ich aber doch nach, wer bei mir „angeklopft“ hat. Die Nummern der Anrufer lassen sich ja anzeigen. Es ist immer die Nummer 0800 333 03 44. Ich bin dann informiert und erleichtert, dass es nicht meine Mama oder mein Geschäftskollege Kay gewesen ist, der mich dringend erreichen wollte, während ich beim Sinnieren war. Es ist auch nicht nötig, unter dieser Nummer zurückzurufen, denn natürlich gehen die MUTE CALLERS nicht dran. Sie wären sonst ja keine MUTE CALLERS, sondern ganz profane SPEAKING CALLERS.

Manchmal frage ich mich, wie die MUTE CALLERS ihr Geld verdienen. Haben sie vielleicht tatsächlich einen Auftrag von der Telekom zur reinen Anschlussüberprüfung? Das halte ich für unwahrscheinlich, denn die Telekom hat sicher andere technische Möglichkeiten zu prüfen, ob mein Telefon noch in der Buchse steckt. Wahrscheinlich ist das der Telekom aber auch völlig wurscht. Oder irre ich mich?

Wenn bei mir Mitarbeiter eines wuseligen Call-Centers mit sächsischem Dialekt oder auch osteuropäischem Akzent anrufen, sprechen die nach kurzem Knacksen in der Leitung schnell einige Worte zu mir. Sie fragen mich, ob sie mit dem Verkaufsleiter verbunden sind. Obwohl ich kein Verkaufsleiter bin, geben sie ihr Angebot trotzdem an mich weiter. Meistens bieten Sie mir eine neue lukrative Finanzierungsmöglichkeit für meine Firma an. Sie können ja nicht wissen, dass ich alleine hier bin und begrenzt Interesse habe, darüber nachzudenken, wie sich mein Geld auf ganz einfache Weise vermehren ließe. Wenn sich diese eifrigen Anbieter nicht abspeisen lassen, muss ich aus Notwehr handeln und auflegen. Das ist sehr unhöflich, ich weiß — ich habe danach auch stets eine kleine Wut in mir, resultierend aus dem schlechten Gewissen, diese guten Leute so ignorant behandelt zu haben.

Ganz anders dagegen der CLUB OF THE MUTE CALLERS. Wie schon gesagt, die wollen keine Serviceleistung anbieten, die sind einfach stumm. Auf der einen Seite ist das stressfrei, auf der anderen Seite dann doch auch rätselhaft. Wenn da mal wenigstens einer in den Hörer grunzen würde oder ein Liedchen pfeifen. Aber nichts dergleichen.
Ich bin übrigens nicht der einzige, der vom CLUB konsultiert wird. Wenn ich diese geheimnisvolle Nummer 0800 333 03 44 google, erhalte ich die Information, dass es viele Leute gibt wie mich: mit einem Festnetztelefon ausgestattet und geadelt mit der Auszeichnung, auf der Liste des CLUB OF THE MUTE CALLERS zu stehen. Man spricht in diesem Zusammenhang auch von Telefonterror. Terror hin oder her — ich gehe einfach nicht hin, das terrorisiert mich weniger als eine verrückt gewordene Stubenfliege auf meinem behaarten Unterarm.

Eine Zeitlang bekam ich auf mein Faxgerät von Toshiba Informationen von einer Firma, die mir ein Instrument anbieten wollte, welches mich in meinem Fahrzeug vor Autobahnkameras warnt, die eine überhöhte Geschwindigkeit registrieren und mich dann blitzen. Oder man schickte mir ein Formular für den Eintrag in ein Telefonverzeichnis für eine günstige Monatspauschale.
Als Toshiba eines Tages nach neuer Tonerbefüllung verlangte, steckte ich es aus und schenkte es dem Wertstoffhof. Jetzt habe ich Ruhe vor dem Geratter und muss zudem kein schlechtes Gewissen mehr haben, wegen sinnlosem Toner- und Papierverbrauch. Auf nützliche Angebote für Duftkerzen, Website-Suchmaschinenoptimierung und Inkontinenzwindeln muss ich ja nicht verzichten, die erreichen mich per E-Mail, da bin ich schon froh.

Das Geheimnis des CLUB OF THE MUTE CALLERS bliebe aber trotz allem noch zu ergründen. Vielleicht könntet ihr, liebe geneigte Leser und Leserinnen, mir da ja mit eurem Erfahrungsschatz zur Seite stehen. Wie ich diesem CLUB meine Dankbarkeit erweisen kann und wie ich ihm Geld spenden kann. Angemessen wäre das durchaus, denn der CLUB macht sich ja auch eine Menge Arbeit mit mir.

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