201_kommissar

Liebe Leserinnen und Leser,

wer von euch bei diesem Blog-Titel an Falco denkt, kombiniert schlau, aber um den legendären Österreicher geht es hier trotzdem keinesfalls. Sondern es steht der deutsche Schauspieler Erik Ode im Zentrum des Geschehens. Genau!

In Blog 200 habe ich noch herumlamentiert, dass der Zinkl mit seiner unruhigen Kompilation von Denknervenzellen zu wenig die süßen Momente der Gegenwart auskostet, sondern immer in seiner Vergangenheit herumstöbert. Aber ich muss dann doch zugeben, dass sich solche süßen Momente sehr oft speisen aus eben dieser Vergangenheit, die wirklich erstaunliche Schätze zu bieten hat.

Von 1969 bis 1976 strahlte das öffentlich-rechtliche zweite deutsche Fernsehen 97 Folgen einer Serie aus, die Fernsehkrimijunkies so manchen Freitagabend vergoldete. „Der Kommissar“ wurde vom jugendlichen Zinkl damals noch mit sehr wenig Interesse gesehen, die Serie hatte freilich noch nicht die fette Patina angesetzt, die sie heute so wertvoll macht.

„Der Kommissar“ wurde von eben diesem Erik Ode dargestellt. Er war der meist freundliche und vor allem schlaue Ermittler Herbert Keller, der seinen drei fleißigen Assistenten Walter Grabert (Günther Schramm), Robert Heines (Reinhard Glemnitz) und Harry Klein (Fritz Wepper — erst Jahre später der „Harry-hol-schon-mal-den-Wagen“) meist eine Nase voraus war, wenn es darum ging, den Mordfall aufzulösen. Mit im Team die Vorzimmerdame Frau Rehbein (Helma Seitz), von den Herren auch neckisch „Rehbeinchen“ genannt.

Wenn die unglaublich starke Erkennungsmelodie im Vorspann erklingt, von Herbert Jarczyk virtuous komponiert und hammermäßig arrangiert (diese messerscharfen Bläser!), beginnt sich der Zinkl so richtig wohlzufühlen. Denn dann ereignen sich Kammerspiele, in ausdrucksstarken Schwarzweißbildern inszeniert, die in ihrer Raffinesse und Dialogkraft ihresgleichen suchen. Ich darf ein (frei interpretiertes) Dialog-Beispiel zitieren:

Kriminalassistent: »Ein Hippiemädchen ist ermordet worden.«
Tatverdächtiger: »Was sagen Sie da? Ein Hippiemädchen?«
Kriminalassistent: »Richtig, ein Hippiemädchen. Kennen Sie ein solches Mädchen?«
Tatverdächtiger: »Wieso sollte ich so ein Mädchen kennen! Ja, wann ist das denn passiert?«
Kriminalassistent: »Gestern abend ist es passiert, gleich in der Nähe an der Bushaltestelle.«
Tatverdächtiger: »Gestern abend sagen Sie! An der Bushaltestelle! Ein Hippiemädchen!«
Frau des Tatverdächtigen: »Georg, gestern war doch wieder diese Sybille hier.«
Tatverdächtiger: »Hermine!«
Kriminalassistent: »Wer ist Sybille?«
Tatverdächtiger: »Was für eine Sybille?«
Kriminalassistent: »War diese Sybille ein Hippiemädchen?«
Frau des Tatverdächtigen: »Diese Sybille war doch gestern hier, Georg. Das war sie doch.«
Tatverdächtiger: »Hermine!«
Kriminalassistent: »Ich glaube, Sie verschweigen uns da etwas.«
Tatverdächtiger: (aufgebracht): »Ich verschweige Ihnen etwas? Ich verschweige doch nichts! Ja, was sollte ich Ihnen denn verschweigen?«
usw. …

Alle Drehbücher wurden von einem einzigen Mann verfasst, dem genialen Herbert Reinecker. Er hat sich Kriminalfälle ausgedacht, bei denen man erstaunlicherweise nicht sofort ahnt, wer der Mörder ist. Erst am Ende jeder einstündigen Folge kann Kommissar Keller Licht ins Dunkel bringen. Nachdem sich er und sein Team zahllose Zigaretten angezündet haben und sich zuhause bei den Tatverdächtigen und deren Familien verköstigen ließen mit Cognac und Rotwein. Ja, Nikotin und Alkohol waren damals wertvolle Freunde der Schauspielerei — da wussten die Darsteller noch, wohin mit ihren Händen, zwischen den ausgefuchsten Dialogen.

Alexandra und ich lieben diese Serie. Es gibt nichts Gemütlicheres, als sich auf der Couch zusammenzukuscheln und darüber zu sinnieren, ob man die Namen der Darsteller noch weiß, die damals — oft in jugendlicher Vitalität — protagoniert hatten: Johanna von Koczian, Bernd Herzsprung, Ruth Drexel, Sky Du Mont, Ruth-Maria Kubitschek, Peter Fricke, Gaby Dohm und viele viele weitere aus der Creme de la Creme deutscher Schauspielkunst. Wer würde nicht liebend gerne den jungen Sky du Mont mal in Aktion gesehen haben? Schon damals hatte er etwas leicht Schmieriges an sich, als er einen Zuhälter gab.

Leider fiel mir kürzlich der Name Brigitte Horney nicht mehr ein, dafür aber Stefan Behrens! Alexandra ist verdammt gut mit Schauspielernamen. Sie kennt sie alle. Alle. Und falls nicht, werden sie ja im Abspann jeder Folge deutlich lesbar genannt. Richtig! Für uns ist der Abspann meistens die relevantere Auflösung, nach der Rätselei um den Täter.

Ich hatte vor einigen Jahren die DVD-Sammlung mit allen 97 Folgen erworben und nun werden sie endlich abgearbeitet. Wir trinken zu den Episoden gerne auch Cognac und rauchen ganz viele Zigaretten, bis mein Fernsehzimmer so richtig schön verqualmt ist. Das steigert die Stimmung, wenn man sich das München der 60er und 70er Jahre — schön schwarzweiß — zu Gemüte führt, die alten VW Käfer knattern sieht und immer wieder dieselbe Grünwalder Villa zum Einsatz kommt, als Ambiente der vornehmen Gesellschaft. Ich liebe ja ganz besonders Hippiekommunen!

Doch am meisten liebe ich den Satz, den der immer wie aus dem Ei gepellte Kriminalassistent Heines mit Schmackes seinem Vorgesetzen Kommissar Keller in einer Episode zweimal entgegengeworfen hat: »Das Mädchen lügt doch!« Aber da steht der Kommissar lächelnd drüber, er weiß es eh’ meistens besser. Gut zu wissen: Alle Frauen unter 25 Jahren wurden in der Serie als „Mädchen“ bezeichnet, das war damals so.

Und übrigens: In der ersten Folge war der Kommissar anfangs daheim bei seiner Gattin. Als er weg musste, wollte sie ihm unbedingt sogenannte wasserfeste Galoschen über die Schuhe ziehen, weil es draußen stark regnete. Er weigerte sich vehement und sagte vor dem Hinausgehen gnädig zu ihr: »Du bist dumm, aber lieb.« Er hat es danach jedoch sehr bereut, die Galoschen nicht angenommen zu haben. Daraus kann man viel lernen: Nämlich die Dame des Hauses hat meistens recht. Daran hat sich bis heute nichts geändert.

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