209_Passion

Liebe Leserinnen und Leser,

in wenigen Stunden beginnt die übergroße RTL-Show PASSION. Dort werden die letzten Tage von Jesus Christus realitätsnah und überzeugend visualisiert. Thomas Gottschalk wird die Show mit weisen Worten begleiten, so wie es seine Art ist. Hoffentlich unterlässt er aber diesmal seine üblichen flapsigen Bemerkungen, denn das Thema ist ja sehr ernst.

Ich habe vor einigen Jahren die Biografie von Gottschalk gelesen. Das ist recht unterhaltsam geschrieben, er ist in Kulmbach katholisch erzogen worden und war in der Kulmbacher Stadtpfarrkirche „Unserer Lieben Frau“ sogar Ministrant. Somit ist er eigentlich kompetent genug, um das Leiden Jesu dokumentierend zu begleiten.

Ich werde mir diese RTL-Show nicht ab 20.15 Uhr anschauen, denn das beinhaltet wahrscheinlich mindestens eine Stunde Zusatzinformationen über Persil-Waschmittel, Toblerone-Schokolade, Gilette-Rasierklingen und Voltaren-Schmerzsalbe. Diese Produkte kenne ich bereits und habe dafür keine Verwendung.

Angeblich soll die RTL-Passion modern inszeniert werden. Nicht mit langen Kaftanen und römischen Rüstungen, so wie man es in Oberammergau gewohnt ist. Wenn ich recht informiert bin, wird König Herodes von Jochen Busse dargestellt und Pontius Pilatus von Michael „Bully“ Herbig. Ich könnte mich da aber auch täuschen. Überhaupt ist es doof von mir, jetzt schon darüber zu palavern, zu einem Zeitpunkt, da ich die Sendung noch gar nicht gesehen habe.

JESUS ist ja gerade zu den bevorstehenden Osterfeiertagen ein gutes Thema, das ist auf jeden Fall wahr. Was wahr ist an dem, was uns die Bibel darüber erzählt, was vor ungefähr 2.000 Jahren WIRKLICH passiert ist: Das weiß höchstwahrscheinlich nur Gottvater, denn der hat sich damals die Sendung auf der Erde bestimmt live angesehen, noch dazu, wo es doch um ernsthafte Familienangelegenheiten ging.

Erstaunlich ist es, dass dieser Herr Jesus von Nazareth auch heute noch der berühmteste Mann der Welt ist, obwohl er während seines Lebens nichts posten konnte über Facebook und Instagram. Nicht einmal telefonieren hat er können, um Termine zu vereinbaren für seine Predigt-Reisen und Plakate konnte er dafür auch nicht drucken lassen.  Das war damals also vermutlich sehr spontan. Er spazierte einfach los und seine Fans hinterdrein, sofern sie gerade Urlaub hatten von Beruf und Familie. Wirklich erstaunlich.

Er spazierte also von Dorf zu Dorf und war freundlich zu den Leuten. Die brauchten ja auch positiven Zuspruch, denn die römischen Besatzer hatten das Land fest im Griff, was den Juden überhaupt nicht gefiel. Da kam dann dieser schöne selbstbewusste Mann daher (wenn er denn schön war, das weiß kein Mensch) und machte ihnen Mut und erzählte ihnen vielleicht, dass man auch die Römer und die Pharisäer so lieben sollte wie sich selbst. Vielleicht. Denn das mochte wahrscheinlich keiner so gerne hören.

Ob Jesus wirklich behauptet hat, er sei der Sohn Gottes? Wenn ja, dann hat man ihm das vermutlich sogar abgenommen, denn die Juden warteten seit Jahrhunderten auf einen Messias, der sich um sie endlich kümmern sollte und befreien von den Knüppeln der Besatzer. Wenn ich heute behaupten würde, ich sei der wiedergekommene Sohn Gottes, dann würde man mir das bestimmt nicht gleich abnehmen — außer, ich würde über den Münchner Eisbach spazieren, ohne reingerissen zu werden. Und ehrlich gesagt: Diesen Trick beherrsche ich nicht.

Ich will hier auf keinen Fall lästern über Themen des Glaubens. Ich respektiere alle Menschen, denen der Glaube hilft, das Leben fröhlich zu meistern. Nur wenn der Glaube dazu dient, andere fertigzumachen, respektiere ich das nicht.

Aber mich fasziniert in diesem Bereich seit vielen Jahren der Faktor WAHRHEIT. Wahrheit ist flexibel, das wissen wir nicht erst seit Donald Trump. Eigentlich ist Wahrheit aber keine Auslegungssache, sondern eine unveränderliche Tatsache. Für die Steinzeitmenschen gab es keine Wahrheit, was Blitz und Donner betraf. Da gab es nur Spekulationen und schließlich eine mehr oder weniger plausible Erklärung, dass es Göttern zuzuschreiben sei. So haben es die Menschen über die Jahrtausende gehalten bei Bereichen, die physikalisch nicht zu erklären waren.

Heutzutage ist die Wissenschaft so weit, dass sie auch von Ottonormalverbraucher logisch und nachvollziehbar erklärt werden kann, wenn er seine Gehirnzellen bemüht und ensprechende Bücher liest. Der Urknall, das Aussterben der Dinosaurier, wieso die Ägypter so hohe Pyramiden bauen konnten und einiges mehr. Trotzdem gibt es noch ziemlich viele Leute, die tatsächlich glauben, dass ein Mensch von den Toten auferstehen kann, auch wenn er so richtig tot gewesen ist.

Das kann man glauben, ich glaube es nicht. Aber ich glaube folgendes: Jesus hat zu Lebzeiten einen solchen Eindruck gemacht auf die Leute, er hatte eine solche Vorbildfunktion, er war so ein unterhaltsamer und charismatischer Kerl — so dass es seine Freunde einfach nicht fassen konnten, dass er am Kreuz sterben konnte. Das durfte einfach nicht sein. Diese ganzen großartigen Ideen von der Nächstenliebe und dass alle Menschen gleich viel wert seien — und vor allem, dass es sich bei ihm tatsächlich um den Messias, den großen Erlöser der Juden, gehandelt hatte. So einer darf doch nicht sterben können!

Also ließ man sich was einfallen. Petrus und einige andere, die Jesus super und göttlich fanden, behaupteten, dass ein Engel den Stein von der Gruft weggeschoben hatte, damit der wieder lebendige Jesus Christus herauskommen und dann nach einiger Zeit zu seinem Gottvater in den Himmel aufschweben konnte — so wie es angemessen und würdig sei für einen wie ihn. Diese Geschichte wäre so ausdrucksstark, dass sie die christlichen Ideale unterstützen und weiter in die Welt hinaustragen könnte. Was ja auch passiert ist.

Wäre das auch passiert, wenn Jesus eine Leiche geblieben wäre? Keine Ahnung, aber mit einer solch fantastischen und wunderbaren Story hat es eben funktioniert. Allen Beteiligten sei ein Lob ausgesprochen, vor allem den vier Evangelisten, die diese Erzählung durch ihre Schriftstücke untermauert und zur Wahrheit transformiert haben. Die Auferstehung als segensreiche Metapher, dagegen ist nichts einzuwenden.

Wie gesagt: Das glaubt der Zinkl, weil es ihm plausibel und wahrscheinlich vorkommt, dass es so passiert ist. Es gibt sicher Argumente dagegen, das stärkste Argument mag sein, dass man etwas anderes GLAUBT. Okay, auch gut. Wirklich wichtig ist ja im Grunde nur, dass die christlichen Ideale von Liebe und Toleranz erhalten bleiben und weiter bestehen. Das ist heute wichtiger denn je, und man könnte verzweifeln, wenn man liest und sieht, wie ein Putin damit umgeht und wie weit er damit kommt.

Ich wünsche euch schöne Osterfeiertage und gebe einen Tipp: Lieber aufs Radl steigen heute abend im Sonnenuntergangslicht, als sich den RTL-Quark einverleiben.

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