213_Adelsdorf

Liebe Verhaltensforscherinnen und -forscher,

Vera F. Birkenbihl, die legendäre Managementtrainerin, Lernkonzeptentwicklerin und Sachbuchautorin hat sich auch mit dem Thema „Männer / Frauen — mehr als ein kleiner Unterschied“ befasst. Ich besitze dazu auf DVD einen recht interessanten und durchaus unterhaltsamen Vortrag von der gelehrten Dame.

In diesem Vortrag berichtet Frau Birkenbihl darüber, dass sich Männer und Frauen auch wesentlich dadurch unterscheiden, wie sie sich unter ihresgleichen verhalten. Während sich Frauen meist in kleinen Grüppchen organisieren und sich über diverse Themen kommunizierend definieren, rotten sich Männer in zahlenmäßig möglichst großen Horden zusammen und definieren ihren Status und Stand über den Vergleich mit anderen Männern bzw. Platzhirschen.

Diese Tatsache ist leicht nachzuvollziehen, wenn man Damen-Kaffeekränzchen mit Fußballstadienbesuchen von männlichen Fans vergleicht. Auch in der Lautstärke tun sich da stark kontrastierende Welten auf. Männer müssen brüllen wie die Gorillas. Frauen sehen wenig Gründe für ein derartiges Toben.

Um das hier vorgebrachte Verhalten von Männern ausgiebig zu studieren, bin ich mit meiner Studienkollegin Alexandra in Adelsdorf gewesen. Dieser kleine Ort befindet sich irgendwo zwischen Neuhof an der Zenn und Neustadt an der Aisch. Das ist westlich von Nürnberg, in der fränkischen Pampa — grundehrliche Provinz ohne Starallüren.

Kein Tag im Jahr eignet sich für ein derartiges Studium besser als Christi Himmelfahrt. Nicht weil Gottes Sohn vor über 2.000 Jahren ein physikalisches Wunder vollbracht hat, aber nein! Sondern weil sich die deutschen Männer 1934 gedacht haben: Wenn es einen Muttertag gibt (seit 1922 in Deutschland), an welchem die liebe gute Mama Kuchen und Tulpen bekommt, dann muss es auch einen Vatertag geben, an dem man sich in der männlichen Horde besinnungslos besaufen darf. Dazu muss man auch nicht unbedingt Vater sein — der Besitz eines urinabführenden Penis reicht völlig aus.

Alexandra und ich machten uns also mit den e-Bikes auf den Weg nach Adelsdorf. Schon von weitem lärmte es uns entgegen. Bei der Dorfwirtschaft wurde zusätzlich an einem Bierstand ordentlich ausgeschenkt, ein fröhliches Treiben. Ein mit einem Burschenvereinsschild dekorierter Traktor mit Anhänger und Bierfass kam herbeigetuckert, darauf sassen zahlreiche rotköpfige Burschen und gröhlten mit, als es über die Lautsprecher dröhnte: „Hier spricht der Bierkapitän. Darf ich bitte mal die Bierbäuche sehen? Wohin es geht, ist scheißegal. Bier ist international“. Ich kannte dieses Lied nicht, aber es hat mich sofort in seinen Bann gezogen.

Wir stellten die Räder nahe dem Getümmel ab, um uns eine fränkische Bratwurst zu leisten. Ich war noch dabei, mein Rad abzusperren und das Smartphone zu zücken, da torkelte ein junger Franke auf mich zu und lallte irgend etwas von einem Selfie. Ehe ich mich’s versah, hatte er sich schon bei mir eingehängt, scheiß doch auf Corona. Ich war so überrascht, dass ich ins Wanken kam. Dabei fiel mein e-Bike scheppernd auf ein fremdes Rad. Ein Pedal jenes Gefährts verhakte sich so fies in den Speichen meines Hinterrads, dass ich sofort dachte: So, das war es jetzt mit Radlfahren im Frankenland, verfluchte Saufbande!

Ein weiterer Franke kam aber beherzt und hilfsbereit dazu und gemeinsam schafften wir es, mein Rad wieder aus der brutalen Umklammerung mit dem Frankenrad zu befreien. Oh, Wunder, mein wertvolles Stück war dabei völlig heil geblieben, damit hatte der Unglücksrabe und Zweckpessimist Zinkl gar nicht gerechnet.

Aber nach diesem Vorfall hatte ich genug von derartigen Vatertagsstudien und suchte so schnell wie möglich das Weite. Der tobende Traktor mit seinem berauschten Personal begegnete meiner lieben Partnerin und mir dann noch zweimal auf dem Weg zu umliegenden Dörfern. „Hier spricht der Bierkapitän…“ Ja, so eine Gaudi! — eine Nacht später sollten die fröhlichen Väter und Nochnichtväter den Brückentag wahrscheinlich mit einem ordentlichen fränkischen Kater verbringen.

Ja, das Hordenleben! Es ist dem Zinkl so faszinierend wie das guttural grunzende Drängeln der Schweine um den gefüllten Trog. Man schaut da gerne hin, aber teilnehmen möchte man eher nicht.

Wir haben uns dann zum Ausgleich noch einen Besuch beim Adidas-Outlet in Herzogenaurach und in der Frankentherme in Bad Windsheim gegönnt. Bei Adidas wurden wir nicht fündig — mich stört es sehr, dass auf jedem Produkt dieser Firma drei Streifen und/oder in riesigen Buchstaben ADIDAS aufgedruckt sind. Ein Geschrei der anderen Art, aber auch zu laut.

In der Frankentherme dagegen war es wohltuend still. Wir ließen uns auf stark salzhaltigem Poolwasser treiben, bei 36 Grad Wassertemperatur fühlte sich das an wie in einer gigantischen Badewanne. Dekadenz, ganz genau! Um uns herum lauter alte faltige Leute, aber was schreibe ich da: Ich bin ja selbst alt und faltig. Angemessen also.

Ein schöner Urlaub war das! Ich kann einen Besuch in der fränkischen Provinz nur empfehlen. Nicht allerdings in Monheim. Das ist bereits schwäbisch, sonntags wie ausgestorben und die Spaghetti Bolognese im dortigen Ristorante Romana sind schlabbrig gekocht und mit schleimiger Miracoli-Sauce durchtränkt. Gruselig. Da sehnt man sich sehr zurück nach der herrlich gewürzten Bratwurst in Adelsdorf, trotz Vatertagsrumoren.

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