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Liebe Leser,

kürzlich gab es im Magazin der Süddeutschen Zeitung ein Interview mit einem gewissen Bob Mankoff, einem Computerspezialisten. Die SZ stellte Bob die Frage, worin er die größte Stärke des Menschen im Vergleich zum Computer sehe? Bob darauf: „Im Nichtstun. Kein Computer wird dazu je in der Lage sein. Wenn eine Maschine nichts tut, ist sie nichts. Wenn wir nichts tun, sind wir zutiefst menschlich. Wir existieren einfach. Das ist doch wunderbar.“

Tja, mein lieber Bob, das kann man schon so sehen. Aber ist der Mensch denn überhaupt dazu fähig, NICHTS zu tun? Der Gedankenapparat rattert doch unentwegt, ruhelos, laut, wie eine außer Kontrolle geratene komplizierte Zahnradmaschine. Auch nachts im Schlaf fantasiert er herum und erfindet beispielsweise eine Geschichte, in welcher an der Wohnzimmerdecke von Zinkls Heim plötzlich ein Wasserstrahl herausgeschossen kommt und Zinkl sich denkt: „Nein, bitte nicht, nicht das schon wieder, bloß das nicht!“ Solch ein Traum ist aber merkwürdigerweise entlastend, denn wenn man aufwacht, ist man froh und glücklich, dass der Parkett nicht unter Wasser steht.

Mittels Meditation und viel Übung kann man seine nervige Zahnradmaschine angeblich anhalten, aber ich habe keine Lust und keine Geduld für solch ein stilles Treiben. Ich sitze lieber da und starre in die abgestandene Wohnzimmerluft hinein und fantasiere mit Absicht herum. Das kann ich ohne Anstrengung.

Dorsal zeigt sich ein Osteophyt und dorso-lateral ein intraarticuläres Ganglion. Durchführen der Cheilektomie und Extirpation des Ganglions. Keine tiefgreifenden Fissuren bzw. Ulcerationen. Mobilisation des Sesambeinkomplexes.

Nirgendwo sonst komme ich in Kontakt mit solch schönen Wörtern, nur wenn ich mich am linken großen Zeh operieren lasse. Wunderbar. Seit meinen Spaziergängen im spätsommerlichen Milano 2021 hat mich das Fusserl geplagt, nun habe ich gesagt: „Schmerz, du bist zwar meine Freund, aber jetzt lassen wir es gut sein, jetzt darfst du nochmal richtig ran, nach der OP, aber dann gehst du still hinfort.“

Wenn man sich in die Hände eines erfahrenen chirurgischen Teams begibt, muss man — um beim Thema zu bleiben — NICHTS tun. Sich bloß auf die weißbespannte Liege legen, mit einem schwarzen Filzstiftkreuz auf dem linken Bein (damit nicht der falsche Zeh amputiert wird) und sich eine Leitung in die Hand stechen lassen. Dann wartet man ab. Man denkt sich, wann geht es denn endlich los, wann beginnt die OP? Dann schaut man auf die Uhr, es ist plötzlich eine Stunde später. Die freundliche Krankenschwester fragt, ob man gerne einen Kaffee hätte.

Es ist unfassbar. So geht Operation. Man bekommt während der Zeit nicht mal einen unangenehmen Wasserschadentraum geliefert. Ich liebe es.

Was ich auch liebe: Gerade hat mir Spotify mitgeteilt, dass mein neuestes Lied „Der Krösus“ (siehe Blog Nr. 214) seit seinem Erscheinen vor einer Woche 1.009 mal gestreamt wurde! Gleich lasse ich einen Champagnerkorken knallen! Das Verrückte daran jedoch ist, dass sich diese Menge nur an 14 Hörerinnen und Hörer verteilt. Wie ist das möglich? Wie kann man sich denn ein Lied innerhalb einer Woche 70 mal anhören? Ich finde, das ist ein gutes Lied, aber 70 mal? Das ist schon ein bisserl unheimlich, na ja, mir soll’s recht sein. Ich muss ja NICHTS tun, nur abwarten und zuschauen, wie munter gestreamt wird.

Gestern habe ich mit meinem bandagierten Fuß mein Fahrrad zur Inspektion gebracht. Ich wollte den Termin nicht verfallen lassen, nur weil ich nicht richtig latschen kann. Das Hinradeln war easy, beim Zurückkriechen kam ich mir vor wie ein Hundertjähriger. Der Arzt hätte wahrscheinlich nur mit dem Kopf geschüttelt, was ich da treibe. Aber das NICHTSTUN muss auch gelernt sein, so leicht ist das nicht, wie man glauben könnte.

Was mich momentan noch beschäftigt: die Sache mit den Knack- und Zischlauten. Wenn ich versuche, sehr deutlich in das Mikrofon zu singen, dann ist es wichtig, dass die „T“-Laute rüberkommen. Wenn man schlampig bzw. normal singt, dann versteht man nämlich statt „Es lohnt sich nicht der Dank“ nur: „Es lohn sich nich der Dank“. Das mag ich nicht. Auf der anderen Seite kommen bei mir die „S“-Laute total laut und scharf und spitz rüber. Klingt dann wie: „Dasss issst ssso“. Ich habe mir zum Vergleich die Stimme vom Herrn Haindling angehört, da sind die „S“-Laute sehr sehr dezent zu hören. Dasss hat mich ratlosss gemacht.

Gestern nacht fing ich an, im Musikbearbeitungsprogramm alle „S“ sehr viel leiser zu stellen. Es gibt zwar auch eine allgemeine Software-Funktion, die das mit einer speziellen Grundeinstellung erledigt, aber dem traue ich nicht. Also habe ich es manuell gemacht, „S“ für „S“. Eine hübsche Arbeit, damit kann man sich stundenlang vergnügen bzw. sich reinsteigern, bis man total durchdreht und nur noch Zischeln in verschiedenen Lautstärkeabstufungen hört.

Nun mussss ich aber noch prüfen, ob ich nicht zuviel des Guten getan habe. Das ist wie beim Salzen vom Schweinsbraten. Wieviel Salz braucht man und wann hat man es übertrieben? Das Gute am Musikprogramm ist,  dass sich das Entwürzen (ich meine das „Entzischeln“)  problemlos digital machen lässt — im Vergleich dazu: Wenn man den Schweinsbraten versalzen hat, dann muss man ihn stehen lassen oder mit grantigem Gesicht verzehren. Im analogen Leben ist das Korrigieren oft schwieriger.

Der Zinkl hat echt Sorgen, so werden sich manche wundern, wenn sie das lesen. Richtig, ganz genau: Wenn man sich nur noch ums Zischeln zu kümmern braucht, dann kann es einem so schlecht nicht gehen, sondern sogar ziemlich gut. Ich beklage mich jedenfalls nicht, der Zeh auch nicht.

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