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Liebe Leserinnen und Leser,

im vorigen Blog 218 habe ich meine Symphathie für den Octopus kundgetan und ihn für seine achtarmige Multitaskingfähigkeit gelobt. Nun liegt es mir am Herzen, über eine vieltausendarmige Krake zu schreiben, welche mich mittlerweile fest im Griff hat. Sie platziert in Zinkls Denkapparat unzählige wertlose und lästige Informationen. Täglich wächst dieser Informationsmüll an wie der Inhalt in meiner Abfalltonne für Plastik. Nur dass ich das Plastik auf einen Schlag in den Container schütten kann, den Facebook-Dreck aber nur wieder langsam so nach und nach aus meinem Kopf bekomme.

Vor ein paar Jahren war mir dieses Social Media-Ungetüm noch schnurz und piepe, wie der Berliner so schön sagen könnte (Ich besitze einen großen Sammelband mit virtuos gezeichneten „Witzen“ von dem legendären Sepp Arnemann, daher kenne ich diesen Ausdruck seit meiner Kindheit). Ich habe ebenfalls Witze darüber gemacht, wenn mich Facebook mit „Was machst du gerade?“ aufgefordert hat, über mein aktuelles Leben zu berichten.

Aber die Zeit solcher Witze ist seit geraumer Zeit vorbei. Ich gebe zu: Ich habe auf Facebook über die Gruppen [progrock-dt] und [klassik-dt] einige sehr nette Menschen kennengelernt, die wie ich die Begeisterung für progressive Rockmusik und für klassische Musik teilen. Dort werden Tipps für neu erschienene Alben gepostet, es wird erinnert an Meisterwerke aus den 70er Jahren, es werden kaum bekannte Komponisten genannt — dies meist mit Sachkenntnis, mit oft strengen Beurteilungen und auch mit viel Humor. Das schätze ich schon sehr und möchte es nicht mehr missen.

Leider bekomme ich auf dem Smartphone als Zugabe einen gewaltigen Wust an völlig andersgearteten Vorschlägen, die mich null interessieren. Beispielsweise Berichte über Fußball von focus online. Kaum etwas spricht mich weniger an, als wenn Lothar Matthäus den Sachverständigen gibt. Oder HiFi Klubben Deutschland: Dort werden u.a. Stereoverstärker angeboten, für deren Preis man sich auch einen neuen Kleinwagen kaufen könnte. Ich habe ja schon fünf Verstärker und 15 Lautsprecher. Das weiß HiFi Klubben Deutschland aber leider nicht.

Besonders unangenehm sind mir jedoch Klatsch und Tratsch über Harald Glööcklers Haartransplantation, über die aktuellen Gesichtschirurgieergebnisse von Uschi Glas, über schrille Aufmacher von diversen Tageszeitungen, die ein Online-Abo verkauft bekommen wollen. Brustschwimmen sei ungesund, heißt es da. Der Verein Kreiskultur macht einen Singing Circle. Eine siebenfache Großmutter trainiert mit 81 Jahren für den Marathon. Vegane Soldaten fordern Extra-Menü. Glasperlenspiel-Sängerin Carolin Niemczyk bekommt beim Bundesliga-Auftakt ein Pfeifkonzert. Der steinalte Gitarrist Robert Fripp und seine fast ebenso alte Frau Toya posten „witzige“ Musikdarbietungen, bei denen Toya vor allem ihre Brustwarzen in Szene setzt. Ich könnte problemlos weitere 100 Zinkl-Blogs mit solchen Aufzählungen füllen.

Da höre ich schon die Rufe: Ja, du Depp, du depperter, dann wirf die App halt aus deinem Handy, dann ersparst du dir das alles! Schon richtig, das könnte ich tun. Aber dann bin ich auch von der Welt der Progger abgeschnitten und bekomme keine Angebote mehr für ein schönes Octopus-Hemd aus China. Welches übrigens gestern eingetroffen ist. Keinerlei Enttäuschungsempfindungen! Es sieht aus wie erwartet, es passt, der Stoff ist leicht und ich sehe darin komisch aus. Daher: Alles bestens.

Es ist also nicht so einfach mit der Facebook-Abschaltung. Wer die süßen Rosinen haben will, der muss in diesem Falle auch den ganzen schleimigen Teig drumherum mitfressen. Aber ich könnte mir durchaus angewöhnen, die App nur noch einmal am Tag anzuschalten. Das würde den Gedankenmüll schon deutlich reduzieren. Ich werde das mal versuchen, so schwer kann es ja echt nicht sein, es gibt doch noch andere lohnenswerte Tätigkeiten.

Immerhin habe ich nun damit angefangen, den Roman „Crossroads“ des amerikanischen Autors Jonathan Franzen zu lesen. Das ist ein wunderbar origineller, klug formulierter und gottlob 800-seitiger Roman — gewissermaßen ein Gegengift zu Glööckler und Konsorten. Ich merke schon, dass die Impfung zu wirken beginnt.

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