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Liebe Freundinnen und Freunde sportlicher Höchstleistungen,

wenn ich flott auf Fahrradwegen düse, begegnen mir hin und wieder auch Verkaufsständer für Tageszeitungen. Ich lese beim Vorbeiradeln gerne die fetten Aufmacher-Überschriften und diesbezüglich hat die BILD-Zeitung eindeutig die Nase vorn, weil sie dafür die größten Buchstaben verwendet. So kann man sich bereits aus ein paar Metern Entfernung informieren, was Wichtiges passiert ist in Deutschland.

Meist genügt es mir, die ersten drei Wörter zu erhaschen, aber bei der BILD-Ausgabe zum Samstag, den 13. August 2022, fühlte ich mich tatsächlich dazu bemüßigt, kurz anzuhalten. „600 Bier zum Frühstück“ war da groß zu lesen, mit der zusätzlichen Angabe „25 Fußballer aus Baden-Württemberg“. Das hat mich interessiert und ich fing sofort an zu rechnen: 600 geteilt durch 25, das sind pro Fußballer nach Adam Riese 24 Gläser. Ich nehme an, es waren etwas kleinere Gläser, denn 24 Maß pro Hals zum Frühstück halte ich dann doch für ziemlich gelogen.

Ich habe danach den gesamten Artikel auf der Seite 5 nur noch kurz überflogen. Das große Vergnügen fand jedenfalls auf Mallorca statt — und die 600 Veltins 0,2 Liter haben 1.260 Euro gekostet. Mehr muss man nicht wissen, finde ich.

Beim Weiterradeln fing ich an zu sinnieren. Diese Nachricht ließ mich nicht mehr los. Wie wäre es, wenn man die mit Bier so gut genährten Fußballer nach dem Frühstück gleich aufs Spielfeld schicken würde? Da würde sich dann zeigen, wer von denen die Überlegenheit und die Disziplin besitzt, trotz der alkoholischen Beeinflussung noch anerkennenswerte Leistungen zu bringen. Ich würde mir das gerne anschauen, wie sie den Ball nicht mehr treffen können, wie sie blindlings zusammenrumpeln und dabei nicht mal Schmerzen hätten, denn Alkohol hat ja bekanntlich betäubende Wirkung. Es wäre hübsch zu sehen, wie der Torwart ein Nickerchen macht, während der Ball versehentlich neben ihm hineinrollt, ins Tor.

Ich plädiere dafür, die neue Disziplin TORKELBALL zu nennen und sie ab der nächsten Spielsaison in die Bundesliga aufzunehmen. Denn vor allem bei Vollprofis ist es sicher noch spannender zu beobachen, was sie betrunken leisten können. Timo Werner lallend nach dem Ball greifen zu sehen, der an seinem sexy geschorenen Kopf vorbeifliegt. Thomas Müllers riesengroßen Mund zu betrachten, wenn er schreiend mit Schmackes das Leder ins eigene Tor versenkt. Wie geil wäre das denn?

Jaja, ich höre schon die Fußballfans unter euch murren. So einen saublöden Vorschlag kann ja nur der Zinkl machen, weil er von Fußball keinerlei Ahnung hat, weil ihn das Betrachten von Spielen langweilt. Weil er als Jugendlicher eine totale Niete gewesen ist, auf dem Platz, beim FC Falke Markt Schwaben. Stimmt! Ich war eine totale Niete. Ich hätte gewiss mit einem Liter Veltins im Blut nicht schlechter gespielt.

Aber nochmal zum Torkelball: Man könnte die Bandenwerbung wunderbar anpassen: Paulaner, Jim Beam, Mumm, Aperol, Baileys usw. würden sich darum reißen, Werbepätze zu belegen. Endlich würde der Alkohol wieder das werden, was er früher war: ein begehrenswertes Genussmittel, welches die Menschen zu Höchstleistungen anspornt — und kein schädliches Suchtmittel, welches krank macht.

Zur Zeit finden ja in München die Europameisterschaften in Leichtathletik statt, die Zeichen stehen also voll auf Leistungssport. Ich bin heute beim Radeln versehentlich in einen abgesperrten Straßenkorridor geraten und sah mich schon fast überrollt von einem ungeheuerlichen Vielradwesen, bestehend aus Dutzenden von Profi-Rennradlern. Ein aufmerksamer Straßenwächter konnte mich gerade noch hinter die Absperrung ziehen, bevor ich das Rennen torpediert hätte.

Es hat mich geschaudert, als die Meute wie ein surrender Hornissenschwarm vorbeirauschte. Es ist mir als passioniertem Radfahrer, aber natürlich auch als Laie, vollkommen rätselhaft, dass die sich nicht gegenseitig umwerfen. Die fahren so wahnsinnig schnell so total nahe besammen! Wie geht das bitteschön? Wenn beispielsweise auf dem Radweg so ein greller Kampfradler mit nur zwei Zentimeter Abstand an mir vorbeizieht, denke ich mir: Hätte ich in diesem Augenblick nur ein klein wenig die Richtung geändert, hätte ihn das mit voller Wucht auf die Straße geschmissen und er wäre von einem Auto zerquetscht worden. Das passiert sicher nicht selten auf Deutschlands Straßen.

Also, ich bewundere das schon: dieses präzise Schwarmverhalten der Profi-Rennradler bei einer solchen Veranstaltung. Freilich könnte man die Sache mit ausreichend Alkohol noch verfeinern. Die rasenden Kontrahenten möchte ich sehen, wenn sie sich bei nur minimalem Torkeln ineinander verkeilen. Natürlich erfreue ich mich nicht daran, wenn Menschen sich gefährlich verletzen. Aber die Vorstellung, sich so einen schnellen bunten Crash anzuschauen, hat schon was für sich, gell?

So, das kommt davon, wenn man BILD liest. BILD ist ein Organ der Niedertracht. Das hat der großartige Schriftsteller Max Goldt gesagt. Recht hat er. Aber trotzdem: Man denke nochmal nach über das Projekt „Torkelball“. Endlich hätten die Zuschauer auf den Rängen auch mal was zu lachen.

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