222_winnetou

Liebe Freunde und Freundinnen des Wilden Westens, so wie er nie war,

eigentlich wollte ich hier meine ganz persönlichen Erfahrungen mit Pierre Winnetou Brice (dem edlen Häuptling der Apachen) mitteilen, aber das Thema wurde mittlerweile in allen möglichen Kommunikationskanälen so breitgetreten, dass ich mich dezent meiner Stimme enthalten werde. Nur das Themenbild lasse ich mal so stehen — Insider wissen ja, in welchen Filmen dieses Ambiente eine Rolle gespielt hat.

Viel lieber berichte ich über meinen schönen Septemberurlaub in Holland, den ich mit meiner Liebsten verbringen durfte.

Also, um es gleich mal geklärt zu haben: In den Niederlanden ist alles besser als in Deutschland. Das ist eine gewagte Behauptung, aber ich werde diese gleich mal mit Backsteinen untermauern.

222_Holland

1) Architektur:

Die allermeisten holländischen Gebäude haben eine Backsteinfassade, unverputzt. Mit der vielfältigen Verwendung von Backsteinen lassen sich wunderbare Strukturen schaffen. Die sich ergebenden Muster durch unterschiedliche Färbungen in Braun- Rot- und Ockertönen und auch die Möglichkeit dreidimensionaler Versetzungen schaffen eine Ornamentik und Farbharmonien, die dem Grafikerauge wohlgesonnen sind. Die Fassaden sehen schmuck und sauber aus, weiß abgesetzte Fensterrahmen bilden dazu einen knackigen Kontrast.

In Deutschland sind die meisten Wohnhäuser verputzt und gestrichen. Man schämt sich beim Anstrich nicht, zueinander völlig unpassende, manchmal grelle, manchmal grindige Pastelltöne zum Einsatz zu bringen. Verputzte Fassaden sind durch Verwitterung oft schlierig verschmutzt und sehen dann einfach häßlich aus. Deshalb ist von Zeit und zu Zeit ein neuer teurer Anstrich fällig, ausgeführt gerne auch mal in Eierschalengelb oder Altrosa. Brrrr.

Backsteinfassaden haben so etwas nicht nötig, die wirken auch nach Jahrzehnten fast noch wie neu. Schmutzige Verwitterungen sind da einfach nicht in dieser krassen Form zu bemerken. Auch von Wind und Wetter lädierte graue Schindelfassaden, so wie man ihnen in Mitteldeutschland  begegnet, siehst du in Holland nicht. Die Gebäude wirken liebevoll gestaltet und gepflegt.

Darüber hinaus findet man in holländischen Städten wie Utrecht, Den Haag und Rotterdam jede Menge innovative architektonische Großtaten. Man spürt den offenen Geist, der da herrscht. Sei es die utopisch wirkende Überdachung des Utrechter Bahnhofsplatzes (mir hat’s die Augen rausgehauen) oder vor allem Rotterdam: die Markthalle, ein mächtig aufgewölbter Komplex, dessen Innendecke komplett mit bunten Illustrationen von Obst und Gemüse „tapeziert“ ist: einfach nur fantastisch. Und: Die irren Kubuswohnungen von Piet Blom — man muss sie gesehen und auch betreten haben. Oder die berühmte Erasmusbrücke: der Hammer!

Ich habe in Holland gestaunt und bewundert, da fügt sich Historisches und Neues höchst kreativ zusammen. Und hier in München wird diskutiert, ob man die Silhouette mit den Frauentürmen verschandeln darf durch die Anwesenheit von Wolkenkratzern. Lächerliche Bedenken von Dorfbewohnern. Hier bei uns wird echt nicht viel gewagt. Und wenn dann mal ein wirklich tolles Hotel ensteht, wie das neue R.EVO-Gebäude in Perlach, dann würde das in dieser Form in Rotterdam gar nicht besonders auffallen.

2) Verkehr:

Auf den holländischen Autobahnen fährt man 110. ALLE fahren 110. Auf teilweise vierspurigen Autobahnen fließt ein gleichmäßiger, entspannter Verkehr ohne Raser und Lichthupen-Drängler. Das ist erholsames Fahren ohne ständiges Beschleunigen und Runterbremsen und selbstredend für die Umwelt besser. Die deutschen Politiker nehmen Rücksicht auf eine Minderheit, die gerne SCHNELL fährt. Ein Elend.

So gut wie ALLE anderen Straßen sind mit Fahrradwegen angelegt — diese manchmal sogar zweispurig. Für mich als leidenschaftlicher Radfahrer ein Traum. Vor allem auf dem grünen Land, entlang idyllischer Grachten oder auf Dämmen, ist das Radeln ein großer Genuss. Internetnavigation ist auch in der einsamsten Pampa kein Problem, man hat überall Empfang. Auch hier erkennt man die deutlichen Defizite in D.

3) Und überhaupt:

Schönere Supermärkte! Bessere Beleuchtungssituationen. Bunter, appetitlicher, reichhaltiger. Man kommt sich vor wie im Schlaraffenland. Die Läden haben teilweise bis Mitternacht offen, auch sonntags.

Freundliche Bedienungen und guter Service überall. Ein Fahrrad-Reparatur-Laden in Utrecht hatte sonntags um 18 Uhr geöffnet, der Chef hat mein Rad freundlich inspiziert! Undenkbar in Deutschland.

Ich kann echt nicht nachvollziehen, warum so viele Holländer mit ihren Wohnwägen Urlaub in deutschen Landen machen. Die haben es doch daheim viel besser und schöner! Okay, es wird wohl an den Bergen liegen. Die gibt es in den Niederlanden freilich nirgendwo, aber sie haben mir auch nicht eine Minute lang gefehlt.

Man entschuldige bitte meine Begeisterung, aber wie man vermuten könnte: Der Urlaub war wunderbar. Und Alexandra ist es sowieso.

Schade, dass Holland von München ein gutes Stück entfernt ist. Ich werde aber so bald wie möglich wieder hinfahren und eine dieser geilen Kubuswohnungen in Rotterdam beziehen.

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