226_regal-neu

Liebe Kränkelnde,

in diesem Oktober kommt mir alles sehr befremdlich vor. Früher, vor Corona, hatte ich ganz normale Zinkl-Erkältungen. Immer der gleiche Ablauf, zweimal im Jahr: erst Kratzen im Hals, dann schmerzhaftes Schlucken und häßliches Husten, dann Rotz in der Nase, nach einer Woche alles am Verklingen, als Digestif noch zwei widerwärtige Herpesbläschen an der Lippe, für eine weitere Woche. Dies alles nach Schema F. Lästig, aber überschaubar.

Diese schönen Zeiten sind vorbei. Das Kratzen im Hals und das häßliche Husten stellt sich im Oktober 2022 nicht mehr ab. Da kann ich Lutschbonbos und Gurgelspray zum Einsatz bringen wie der Teufel, das nützt nix. Nachts wird gehustet, dass die Wände wackeln, am Morgen kratzt der Hals, als hätte er keine weitere Funktion. Nein, es ist nicht Corona.

Ich entwickle schon verrückte Theorien. Der naturtrübe Bio-Apfelsaft vom Discounter ist schuldig. Ich habe ihn mehrmals ohne Leitungswasserverdünnung oral eingeführt. Die Apfelsäure hat mein inneres Halsgewebe angegriffen und aufgerauht. Nun muss ich 6 Wochen Leitungswasser trinken, um die alte gewohnte Gewebeglätte wieder herzustellen. Kann das sein? Oder ist es der Bienenhonig im Kräutertee? Hat er neuerdings Zusätze, die mich torpedieren? Kann das sein?

Außerdem meine Schallplatten, die aus schwarzem Vinyl im Format 32 x 32 cm! Ich hänge aus nostalgischen Gründen an ihnen, deshalb will ich sie auch nicht weggeben. Aber allgegenwärtig hocken sie mir im Genick, in 12 Baumarktkisten hinter meinem Arbeitsplatz, sie flacken auf dem Klavier und auf den Lautsprecherboxen, sie nehmen mir die Luft zum Atmen. 240 kg wiegen sie, die verstaubten Freunde aus der Vergangenheit (und das ist um kein Gramm übertrieben). Und sie flüstern mir unentwegt zu: „Spiel uns ab, spiel uns ab und reinige uns vorher mit einer Mischflüssigkeit aus Alkohol und destilliertem Wasser und auch die Nadel mit einem speziellen Nadelreinigungsfluid!“.

Nun habe ich mir ein relativ platzsparendes Regal ausgedacht, in welchem in drei Reihen alle 12 voll beladenen Vinylkisten Platz haben sollen: mit Schwerlastschüben, mit denen man die Kisten herausrollen kann. Das muss sein, sonst kann man die mit dem Cover nach vorne einsortierten Schallplatten ja nicht entnehmen. Nicht, dass ich das jemals tun würde, das Entnehmen, denn ich höre die Musik ja über Spotify. Aber wenn ich sie entnehmen WOLLTE, wisst ihr? Man soll sich im Leben ja immer noch eine Option freihalten, wenn das Internet zusammenbricht.

Seit zwei Wochen sitze ich an der Konstruktionszeichnung für dieses Regal, damit es der Schreiner schnell kalkulieren kann und schnell fertigen. Ha, schnell! Da lachen ja die Hühner so laut, dass man sie aus Roßfeld in Unterfranken bis zu mir nach München hören kann. Schreiner arbeiten nicht so wie ein beflissener Grafiker, der sich seinen Auftrag noch in der gleichen Nacht zur Brust nimmt, so dass der Entwurf am nächsten Morgen dem Kunden vorgelegt werden kann.

Schreiner kalkulieren über Monate. Sie müssen erst die Kosten für Holz und Metallschienen in Erfahrung bringen, sie müssen aber dafür vorher die Art des Holzes bestimmen. Spanplatten oder Fichte Vollstoff oder sexy Schichtplatten, die besonders stabil sind. Hat ja auch damit zu tun, dass sich das Regal unter der brutalen Vinyllast nicht durchbiegt. Schreiner müssen aber vorher auch noch große komplizierte Einbauküchen fertigstellen, bevor sie Zeit haben für so ein Regal. Man braucht viel Geduld für Schreiner — und wer hat keine Geduld, hatte sie noch nie? Dreimal dürft ihr raten.

Das Projekt „Schallplattenregal“ ruht gerade, denn einer „meiner“ Schreiner hat nun Corona bekommen, ein anderer meldet sich überhaupt nicht mehr und ein dritter hat mir das Regal für Ende Februar in Aussicht gestellt. Mein Gott, da könnte Putin schon angefangen haben Bayern zu bombardieren. Ende Februar! Da brauche ich das Regal dann auch nicht mehr.

Das ist alles belanglos, aber wenn man keine richtigen Sorgen hat, macht man Belanglosigkeiten zu Sorgen. Menschliches Gebaren halt. Ich habe die Schallplattenkisten nun erstmal im Keller frei herumstehen, so dass man sich die Zehen wundstößt, wenn man an ihnen im Dunklen vorbei will. Irgend einen Nutzen müssen die Dinger ja haben.

abstand-linie